Modelwettbewerb im Marmorsaal Schön durch Selbstbewusstsein

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Bei einem Fotowettbewerb für gehörlose Frauen zählen andere Werte. Beim Finale im Marmorsaal am Teehaus wurden Ausstrahlung, Kreativität und Selbstbewusstsein bewertet.

Ihre Kostüme hatten die Teilnehmerinnen alle selbst genäht. Ihre Aufgabe war dabei, individuelle Designs zu entwerfen, die ihre eigene Persönlichkeit zeigen. Foto: Nina Ayerle
Ihre Kostüme hatten die Teilnehmerinnen alle selbst genäht. Ihre Aufgabe war dabei, individuelle Designs zu entwerfen, die ihre eigene Persönlichkeit zeigen. Foto: Nina Ayerle

S-Süd - Ich habe leider kein Foto heute für dich“ – in Heidi Klums Fernsehsendung „Germany’s Next Topmodel“ bedeutet dieser Satz für eine Teilnehmerin das Aus. Das wollten die Sabine Scherbel und Mirko Scheit vom Gehörlosen Verein Stuttgart bei ihrer eigenen kleinen Topmodel-Show vermeiden. „Die Frauen sollen Erfahrungen sammeln und selbstbewusster werden. Das geht nicht, wenn sie in irgendwelchen Folgen rausfliegen“, sagt Scheit. Um genau zu sein, sagt es Tanja Lilienblum-Steck für ihn. Sie ist Gebärdendolmetscherin und hat das Projekt „Eye to Hand“ (Eytoha) als Übersetzerin unterstützt. Mirko Scheit und Sabrina Scherbel sind, ebenso wie das Team und alle Teilnehmerinnen, taub.

Der Gehörlosenverein veranstaltet seinen eigenen Fotowettbewerb

Viele gehörlose oder schwerhörige Frauen würden gerne Klums Modelsendung anschauen, eine Teilnahme sei ihnen aber aufgrund ihrer Kommunikationsbehinderung verwehrt, sagt Scheit. Deshalb habe er gemeinsam mit Scherbel und in Kooperation mit dem Stuttgarter Gehörlosenverein einen eigenen Wettbewerb mit neun Kandidatinnen ins Leben gerufen – das Eytoha Photography Model.

Das Finale fand am Samstag im Marmorsaal am Teehaus im Weißenburgpark statt. Nach einer fünfstündigen Show kürte die Jury gegen 23 Uhr die 28-jährige Sabrina Walker aus Tübingen zum Eytoha-Fotomodell. Zweite wurde Vanessa Gruosso aus Heilbronn. Die 25-Jährige erhielt zudem den Titel „Publikumsliebling“.

Bei dem Fotowettbewerb zählten nicht so sehr klassische Modelwerte wie Größe, Alter oder Gewicht. „Eine selbstbewusste Ausstrahlung, Kreativität und ein gutes Körperbewusstsein sind bei uns wichtiger“, sagt Scheit, der im Rahmen des Projekts der Regisseur ist. Er hat von allen Veranstaltungen Filme gedreht und sie auf Youtube verbreitet. Dort hat er auch gemeinsam mit Scherbel einen Aufruf zu dem Contest gestartet. Das Motto des Wettbewerbs, der Ende 2015 gestartet ist, ist „Ich bin ich“. „Viele Frauen sind sehr schüchtern, sie haben sich anfangs gar nicht zugetraut vor einer Kamera zu stehen“, sagt Scheit. Für sie sei es einfach wichtig, sich und ihren Körper so zu akzeptieren wie er ist – unabhängig von ihrer Behinderung.

Aber natürlich soll alles andere trotzdem so sein, wie bei jedem anderen Modelwettbewerb. In drei Runden präsentierten sich die Frauen im Marmorsaal dem Publikum und natürlich der fünfköpfigen Jury. Es ging aber nicht so sehr darum, sich in feinen Roben oder im Bikini möglichst optimal in Szene zu setzen. Die teils wild-bunten und ausgefallenen Kostüme haben die Frauen komplett selbst hergestellt. „Das ist wirklich eine Hammerleistung“, sagte Eytoha-Ideengeberin Sabine Scherbel. „Die Frauen hatten nur drei Wochen Zeit, um alles selbst zu nähen“, ergänzte die Vize-Miss Deaf Germany aus dem Jahr 2014.

Die ausgefallenen Kostüme sollen auch die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln

Die ausgefallenen Kostüme sollen auch dafür stehen, wie vielfältig die Gesellschaft ist, wie einzigartig jeder Mensch. „Wir sollten offen und tolerant gegenüber allen Menschen sein“, sagte deshalb die Drag Queen „Mrs Hell“, die in den Pausen für „poetische Unterhaltung“ sorgte und sich selbst in ein lila-metallicglänzendes und fließendes Gewand mit gleichfarbiger Perücke gehüllt hatte. Er sei sehr stolz, dass die Fotos der Frauen nun hinaus in die Welt gehen würden. Dabei sei es gerade in den ersten Folgen des Wettbewerbes für die Frauen so schwierig gewesen, sich zu zeigen. „Jetzt lassen sie sich fotografieren, posen, erhalten zwar Kritik, aber schöpfen daraus auch viel Kraft.“

Was am Ende noch fehlte? „Lächelt mehr und seid stolz“, war das Urteil der Jury. Denn dazu hätten die Frauen schließlich allen Grund.




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