Modenschau der Seniorinnen Frauenbilder auf dem Laufsteg

Von Petra Mostbacher-Dix 

Die Künstlerin Justyna Koeke hat Seniorinnen in der Stuttgarter Stadtbibliothek am Mailänder Platz unter dem Motto „Prinzessinnen und Heilige“ auf dem Laufsteg inszeniert

Frauen im Alter von 70 bis 87 Jahre sind in der Stadtbibliothek bei einer farbenfrohen ­Modenschau aufgetreten. Foto: Lichtgut/Jan Reich
Frauen im Alter von 70 bis 87 Jahre sind in der Stadtbibliothek bei einer farbenfrohen ­Modenschau aufgetreten. Foto: Lichtgut/Jan Reich

Stuttgart - Im Hintergrund lässt der legendäre Schlagzeuger Gene Krupa seine unnachahmliche Basstrommel swingen und in der Stuttgarter Stadtbibliothek schmeißen zwei Männer ihre Kessel an. An Holzstäbchen ziehen sich zarte rosa Fäden entlang und bauen sich zu Wolken von ­Zuckerwatte auf. Diese Süßigkeit weiß die Dame, die im schwarzen Ganzkörperanzug zum Klassiker „Sing Sing Sing“ auf hohen Silbersandalen auf den Laufsteg gekommen ist, bestens zu nutzen. Rosa Wolke um rosa Wolke steckt sie an verschiedene Stäbchen, die aus ihrem Outfit herausragen, um schließlich sexy die Hüften zu schwingen, die unter dem Zuckerfetzenkleid gerade noch zu erkennen sind.

Die „Cotton Candy Performance“ der Bildhauerin Mimosa Pale war nur ein Vorgeschmack, auf das, was noch kommen sollte. Zum Weltfrauentag zeigte die Künstlerin Justyna Koeke die Modeschau mit dem Titel „Prinzessinnen und Heilige“. Und die wollten viele sehen. Kein Platz war mehr frei, aus jedem Fensterdurchbruch des vier Stockwerke hohen Raumes blickten Zuschauer in den überdachten Innenhof.

87 Jahre alte Damen auf dem Laufsteg

Koeke hat ihr Mitmachprojekt mit 20 Seniorinnen erarbeitet – die jüngste fast 70, die älteste 87 Jahre alt. Und wie die Damen mit Grazie, Heiterkeit und viel Energie ­etwa zu osteuropäischen Klängen, die Monika Nuber aus dem Kontrabass und Katharina Wibmer aus der Geige holten, über den Catwalk schritten, das riss das Publikum genauso zu Begeisterungsstürmen hin wie die überbordenden, fantastischen und surreal anmutenden Kostümskulpturen Koekes. Da wuchsen nicht nur ganze Rosenbüsche oder allerlei Früchte aus Stoffhaaren und Krinoline-Röcken. So manche „Prinzessin“ hatte gleich den ganzen Sternenhimmel oder die Sonne in Kleid und Kopfputz verwoben, während die eine oder andere „Heilige“ christlich-kindliche Symbolik mitbrachte, etwa eine Haube mit Kreuz samt Teddybär.

Was die Künstlerin dazu inspirierte, wurde parallel an die Wand projiziert: Kinderzeichnungen. „Die stammen von mir und meinen fünf Schwestern“, so Koeke. „Als ich sie im Haus meiner Eltern wiederfand, wusste ich, dass ich daraus was machen musste.“ Dass die Geschwister damals als kleine Mädchen nur Prinzessinnen und Heilige zeichneten, sei schon eine Aussage über Rollenzuschreibungen, betont sie. „Frauen konnten entweder nur gut oder nur edel sein.“ In ihren beweglichen Bildnissen, die zwischen Haute Couture und Skulptur angesiedelt sind, geht es Koeke vor allem auch um Frauenbilder und Schönheitsideale in verschiedenen Kontexten. „Zum internationalen Frauentag wollten wir die Frauen feiern, gerade auch die älteren – und sie in den Fokus stellen.“

Die Damen bekommen noch mehr Bühnenerfahrung

Die Hommage an die Weiblichkeit entstand denn auch in spartenübergreifender Zusammenarbeit mehrerer Frauen: Während Nuber und Wibmer die Musik komponierten und spielten, sorgte die Tänzerin Lisa Thomas für die Choreografie. Thomas leitet das Altentanztheater Ensembles Zartbitter der Tanz- und Theaterwerkstatt Ludwigsburg, deren Mitglieder zum Teil mitmachten. Aber auch Bewohner des ­Augustinums Killesberg oder der ­Begegnungsstätte für ältere Menschen ­Bischof-Moser-Haus wagten sich ins ­Rampenlicht. „Einige Frauen hatten noch keine Bühnenerfahrung“, so Koeke. Das werden sie wohl nun zunehmend bekommen. Die Truppe fährt zur nächsten Berliner Modewoche. Und im Mai stellt Koeke im Kunstverein Gästezimmer in Möhringen aus: Dort werden großformatige Fotografien, auf denen die Seniorinnen als Prinzessinnen und Heilige inszeniert sind, den Kinderzeichnungen der Koeke-Schwestern gegenüber gestellt.

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