Laut, bunt, schrill – und gut: Stuttgarts Fashion-Szene trifft sich am Samstag in den Wagenhallen. Kann die Stadt zur Modemetropole werden? Ein Designer kämpft dafür.

Stuttgarts Modeszene hat sich an diesem Samstagabend im Projektraum der Wagenhallen versammelt, um Stjepan Cukas neuste Linie zu bestaunen. Bei Secco und Snacks wird es sich gegen 20 Uhr so langsam gemütlich gemacht. Wer einen Sitzplatz hat, ist lucky, denn der Laden ist rappelvoll. Das Farbenspiel, das sich später in der Mode zeigen wird, ist auch von Beginn an im Raum zu spüren: Lichtröhren ziehen sich unter den Stahlträgern durch den Raum und tauchen den Laufsteg in warmes Licht. Darunter rücken die Stuhlreihen enger zusammen. Viel Schwarz im Publikum, dazwischen vereinzelte Farbakzente. Die Gespräche werden leiser. Gleich geht es los.

 
Kurator, Macher, Urgestein: Galão-Betreiber Reiner Bocka. Foto: Lichtgut

Unter dem Titel „Radiant Nexus“, kuratiert von Galão-Betreiber und Stuttgarter Urgestein Reiner Bocka, und Claudia Fuchs, geht das Stuttgarter Art-Fashion-Format in seine dritte Ausgabe. Der Abend tastet sich damit erneut an eine Frage heran, die in Stuttgart regelmäßig auftaucht: Gibt es hier eigentlich eine eigenständige Fashion-Szene?

Eine Tanzperformance macht den Auftakt

Der Start verzögert sich leicht. Einige Minuten später setzen metallische Klänge ein. Zwei Tänzerinnen in schweren Ledermänteln bewegen sich über den Laufsteg, zunächst kontrolliert, fast mechanisch. Dann brechen Neonfarben unter dem Leder hervor, die Bewegungen werden weicher, spielerischer: Am Ende verlassen sie lachend den Laufsteg.

Die Richtung ist schnell klar. Ein fließendes, asymmetrisch drapiertes Kleid in Blau-Grün-Streifen eröffnet die Reihe, kombiniert mit roter Kurzhaarperücke und roten Stiefeln. Designer Stjepan Cuka, in Kroatien aufgewachsen und seit Jahren Teil der Stuttgarter Szene, arbeitet in dieser Kollektion sichtbar mit Farbe. Neonpink, elektrisches Blau und leuchtendes Grün bestimmen die Linie, dazu klare Schnitte und bewusst gesetzte Brüche zwischen sportlich und streng.

Auch die Accessoires setzen auf maximale Präsenz. Gepolsterte Taschen mit auffälligen Geflechtstrukturen – entworfen von Studio Touchy Touchy – machen aus einer Handtasche ein Designobjekt.

Nach der schwarzen Kollektion „Tusk“ und den weitgehend in Weiß gehaltenen Looks von „Polar Vision“ der letzten beiden Jahre, markiert die aktuelle Linie nun einen deutlichen Farbwechsel.

Ziel: eine Modeplattform für Stuttgart

Kurator Reiner Bocka zeigt sich mit dem Abend zufrieden. „Der Abend ist großartig, die Kollektion ist auf den Punkt gebracht“, sagt er. Für Designer Stjepan Cuka sei die neue Linie zugleich ein bewusster Schritt „raus aus seiner Comfortzone“. Gleichzeitig versteht Bocka das Format als Aufbauarbeit für den Standort. Ziel sei es, „die Plattform zu schaffen — nicht nur für den Designer selbst, sondern generell für Modedesign in Stuttgart“. Bislang gebe es hier keine offizielle Unterstützung für Mode, vieles sei nur durch Eigeninitiative möglich. Um überhaupt ansprechbar für die Stadt zu sein, habe man einen eigenen Verein gegründet. Unterstützung komme zwar von der Wirtschaftsförderung Stuttgart, sagt Bocka — dennoch bleibe es schwierig, in Stuttgart ausreichend Geld für Modeprojekte zu bekommen.

Designer Stjepan Cuka versteht den Schritt in die Farbwelt als bewusste Entscheidung. Schwarz sei für ihn lange eine sichere Basis gewesen. „Schwarz ist immer safe“, sagt er. Mit der neuen Kollektion habe er zeigen wollen, „wie man mit Farbe spielt — so poppig und neon“. Er beschreibt sich selbst als außerordentlich experimentierfreudig.

Diversität auf dem Laufsteg

Zugleich treibt ihn ein persönlicher Anspruch an. Als er vor zehn Jahren nach Stuttgart gekommen sei, habe er nicht akzeptieren wollen, dass die Stadt keine Modemetropole sein solle. „Ich bin hier — und es gibt so viele Talente. Man muss sie nur ein bisschen zusammenbringen“, sagt Cuka. Sein Ziel sei deshalb, eine Plattform aufzubauen — auch für andere Designerinnen und Designer. In der Region gebe es zahlreiche Modeschulen, gleichzeitig fehlten Formate wie Fashion Nights oder eine Fashion Week. „Also habe ich gesagt: Ich fange mit meinen Shows an — und dann gehen wir weiter zu den Großen. Hoffentlich passiert das.“

Auch Diversität auf dem Laufsteg sei ihm wichtig, sagt Cuka. Der Alltag sei längst vielfältig — „und das will ich auch zeigen“. Deshalb habe er sich bewusst entschieden, die LGBTQ+- und Drag-Szene stärker einzubeziehen und zu unterstützen.

Auch von außen bekommt das Format Zuspruch. Modehändler Horst Wanschurra, seit Jahrzehnten in der Branche, zeigt sich beeindruckt. „Ich muss sagen, ich fand den Abend unglaublich gelungen. Er hat eine eigenständige Handschrift, es war eine super tolle Show“, sagt er. Ob das am Ende jedem Geschmack entspreche, spiele dabei gar keine Rolle. Entscheidend sei die Konsequenz der Umsetzung gewesen: „Vom Schuh über die Frisur, über das Styling, über die Auswahl der Kleider — das war einfach gut gemacht. Chapeau!“

Nach der Show herrscht Zufriedenheit

Nach Showende haben die Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, Teile der Kollektion direkt vor Ort zu erwerben. Viele bleiben, diskutieren, schauen sich die Stücke noch einmal aus der Nähe an. Zu den Sets der aus Kroatien angereisten Musiker wird bis in die frühen Morgenstunden getanzt.