Moderatorin Siham El-Maimouni „Mir macht die Entwicklung große Angst“

Siham El-Maimouni Foto: obs/Lena Heckl

Die kleinen Zuschauer kennen sie aus der „Sendung mit der Maus“, die großen aus „Westart“ und „ttt“: Siham El-Maimouni, ein Kind des Ruhrgebiets, wird die 60. Grimme-Preis-Verleihung moderieren und darf sich dabei für die „Marokko-Maus“ selbst auszeichnen.

Siham El-Maimouni macht sich als Bürgerin mit internationaler Familiengeschichte Gedanken über das Miteinander. Manchmal wird sie beleidigt, wenn sie für das Kinderfernsehen in der Fußgängerzone mit dem ARD-Mikro unterwegs ist.

 

Frau El-Maimouni, vor einigen Monaten bekamen Sie das Angebot, die Verleihung des 60. Grimme-Preises zu moderieren, und jetzt werden Sie auch noch selbst ausgezeichnet. Vom „Gastarbeiterkind“ zur Grimme-Preisträgerin: ein Traum?

Ein Traum auf jeden Fall, aber ich würde es anders formulieren: von der Journalistin beim Düsseldorfer Lokalradio zum Grimme-Preis. Ich bin sehr stolz darauf, dass meine Arbeit gewürdigt wird, gerade für diese in Marokko entstandenen und sehr besonderen Ausgaben der „Sendung mit der Maus“, die mir sehr am Herzen liegen. Aber Ihre Frage ist natürlich berechtigt. Meine Geschwister und ich machen uns immer wieder bewusst, wie mutig es von unserem Vater war, Ende der sechziger Jahre in ein Land zu kommen, das ihm völlig fremd war. Wir Kinder sind das beste Beispiel dafür, wie viel sich innerhalb einer Generation ändern kann. Der Grimme-Preis zeigt, was in Deutschland alles möglich ist.

Moderation beim Privatfunk, dann der Wechsel zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, erst Jugendradio, schließlich „ttt – titel, thesen, temperamente“: Ihr Werdegang wirkt wie eine Bilderbuchkarriere. War das alles so erhofft?

Im Gegenteil! Aber unsere Eltern haben uns mitgegeben, jede Chance zu nutzen und das Beste draus zu machen. Eigentlich wollte ich schreibende Journalistin werden und in einer Weltstadt leben; und dann hat mich mein Weg zum SWR nach Baden-Baden geführt. Aber DasDing hat mir tolle Möglichkeiten geboten, mich weiterzuentwickeln. Am stärksten hat mich allerdings die Arbeit für Funkhaus Europa geprägt. Das heutige WDR Cosmo war auch für meine Identität und Weltoffenheit ganz entscheidend.

Keine dieser Stationen stand auf Ihrer Wunschliste?

Jedenfalls nicht ganz oben. Natürlich gehört auch Glück dazu: Durch den Radiopreis ist die Redaktion des WDR-Kulturmagazins „Westart“ auf mich aufmerksam geworden, dank „Westart“ bin ich zu „ttt“ eingeladen worden, doch es war nie mein Ziel, den Deutschen Radiopreis oder den Grimme-Preis zu bekommen. Als ich mit dem Reportagemagazin „Neuneinhalb“ beim WDR-Kinderfernsehen angefangen habe, habe ich mir aber gedacht, wie toll es wäre, auch mal zum Team der „Sendung mit der Maus“ zu gehören, mit der ich aufgewachsen bin.

Wie ist die „Marokko-Maus“ entstanden?

Die Idee, die ursprüngliche Heimat meiner Eltern und die Kultur der Berber vorzustellen, hatten die langjährige „Maus“-Autorin Birgit Quastenberg und ich schon vor vielen Jahren. Ich werde ständig gefragt, wo ich eigentlich herkomme. Ich sage dann: „Aus Düsseldorf, aber geboren bin ich in Duisburg“. Das ist natürlich nicht die Antwort, die die Leute erwarten. Birgit hat das oft mitgekriegt und deshalb vorgeschlagen, dass wir die Sendung mit dieser Frage beginnen.

Sie ist meist nicht böse gemeint, gilt aber als Merkmal für alltäglichen Rassismus, weil sie die Befragten auf ihr Anderssein reduziert. Empfinden Sie das auch so?

Mit der Neugier an sich habe ich kein Problem, aber wenn Menschen wie ich, die in den Augen vieler Leute nicht „deutsch“ aussehen, weil sie eine dunklere Hautfarbe haben, täglich mehrmals gefragt werden, wo sie herkommen, setzt sich irgendwann unbewusst fest, dass man nicht dazugehört. Es ist daher sehr wichtig, die Leute dafür zu sensibilisieren, dass diese Frage verletzen kann.

Wie war das in Ihrer Kindheit?

Ich kann mich an keine diskriminierenden Erfahrungen erinnern. Auf meinem Meidericher Gymnasium gab es so viele Kinder mit internationaler Familiengeschichte, da hat niemanden interessiert, welche Wurzeln die Eltern haben.

Seit einigen Jahren ist Diversität vor der Kamera ein wichtiges Thema. Meinen Sie, dass die Sender in dieser Hinsicht genug tun?

Das Fernsehen kann gar nicht anders, als sich breiter aufzustellen: Heutzutage ist niemand, der „irgendwas mit Medien“ machen will, auf einen Sender angewiesen. Allerdings könnte Diversität auch hinter der Kamera noch viel selbstverständlicher werden. Bei Funkhaus Europa habe ich gelernt, wie bereichernd das für einen Sender sein kann.

Es gibt Strömungen in der Gesellschaft, die Menschen wie Sie am liebsten zurück in ihre Heimat schicken wollen, und damit ist nicht Duisburg-Meiderich gemeint. Wie erleben Sie das?

Ich gehöre zu den wenigen Journalisten, die weder bei Facebook noch bei Tiktok oder auf Instagram öffentlich aktiv sind. Von daher kann man mich dort auch nicht angreifen. Mir ist aber klar, dass ich als Moderatorin nicht in das Weltbild bestimmter Ideologien passe. Für diese Leute spielt es überhaupt keine Rolle, dass ich aus Duisburg stamme, akzentfrei Deutsch spreche, pünktlich meine Steuern zahle und nun sogar den Grimme-Preis bekomme. Manchmal werde ich beleidigt, wenn ich für das Kinderfernsehen in der Fußgängerzone mit dem ARD-Mikro unterwegs bin. Die Lage für Journalisten ist in den letzten Jahren ohnehin immer dramatischer geworden, auch ohne besonderen familiären Hintergrund.

Macht Ihnen die Entwicklung im Land Angst?

Als Bürgerin mit internationaler Familiengeschichte macht mir das in der Tat sehr große Angst. Mein Vater ist damals nach Deutschland eingeladen worden, das Land hat Menschen wie ihn gebraucht. Die Nachkommen dieser sogenannten Gastarbeiter leben seit Jahrzehnten hier, sie fühlen sich als Deutsche, aber es wird ihnen immer wieder vermittelt: „Du gehörst hier nicht her, und wir wollen dich hier auch nicht haben.“

Info

Karriere
 Siham El-Maimouni (39) wurde in Duisburg als Kind marokkanischer Eltern geboren und lebt heute in Düsseldorf. Sie hat Politik- und Verwaltungswissenschaft sowie Soziologie studiert. Ihr Volontariat absolvierte sie bei Antenne Düsseldorf. Nach einigen Jahren beim SWR-Jugendprogramm Das Ding arbeitet sie seit 2010 für den WDR. Den Anfang machte Funkhaus Europa (heute Cosmo).

Aktuell
 Seit 2014 gehört sie zum Moderationsteam der „Sendung mit der Maus“, zudem präsentiert sie die Magazinsendungen „Westart“ und „Westpol“ sowie seit 2021 einmal im Monat „ttt – titel, thesen, temperamente“. 2015 erhielt sie den Deutschen Radiopreis. Die Grimme-Preise – die renommierteste TV-Auszeichnung in Deutschland – werden am 26. April verliehen.

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