Stuttgart - Es muss etwas mit der Landschaft selbst zu tun haben, weshalb die Menschen hier auf die seltsamsten Ideen und Freizeitbeschäftigungen kommen. Artur Fischer, der Erfinder der berühmten Fischer-Dübel, meinte einmal, dass es von der rauen Natur käme. Fischer erzählte gerne von kargen Gegenden wie der Schwäbischen Alb oder eben: dem Schwarzwald. Da habe es nichts gegeben, daher mussten die Menschen dort einfach alles selbst erfinden.
Dübel für eine gerade Welt
Artur Fischer, der unerreichte Patente-König, starb 2016 im Alter von 96 Jahren. Seine Kunststoff-Dübel haben ihn weltweit bekannt gemacht. Ohne Fischers Wandbefestigungen mittels Kunststoffeinsätzen sehe die Welt wohl anders aus: wackeliger, schiefer. Bis ins hohe Alter ging er noch nahezu täglich in die von ihm gegründeten Fischerwerke in Waldachtal im Schwarzwald, wo er auch geboren wurde. Mehr als 1100 Patente und Gebrauchsmusteranmeldungen gehen auf Fischers Konto. Übrigens leben in Waldachtal 6000 Seelen. Zu den wichtigsten Attraktionen gehören – neben den Fischerwerken – ein keltischer Grabhügel und ein biblischer Rundwanderweg. Und nicht zu vergessen die erholsame Natur. Mit anderen Worten: Niemand wundert es, wenn hier einer aus Langeweile zu einem der weltgrößten Erfinder wird.
Viele Patente
Artur Fischer war und ist kein Einzelfall. Alljährlich wird die Zahl der Patentanmeldungen in Deutschland nach Bundesländern veröffentlicht. Als die Deutsche Presseagentur bei einer ihrer letzten Bilanzierungen wieder einmal vermeldete, dass Baden-Württemberg und Bayern in Sachen Erfindergeist „weit vor der restlichen Republik“ rangierten, wunderte das niemand mehr. Im Jahr 2019 kamen aus den beiden Südländern fast zwei Drittel aller inländischen Patentanmeldungen beim Deutschen Patent- und Markenamt in München. 2018 war das so, 2017 nicht anders. Und so fort. Ein wesentlicher Grund für diese Erfolgsstory sei, dass im Süden viele große Unternehmen sitzen, die die meisten Patente anmelden, heißt es immer wieder, die Autofirmen und ihre Zulieferer zum Beispiel.
Große Erfindungen
Das Fahrrad, das Automobil, der Dübel, der Skilift, der Büstenhalter, das Reibestreichholz mit Phosphorkopf und vieles mehr sind alles Erfindungen aus Baden-Württemberg, die unser Leben noch heute bestimmen oder zumindest beeinflussen.
Zudem ist es bezeichnend, dass ausgerechnet im Schwarzwald, den man mit Ferien und Abgeschiedenheit verbindet, dermaßen viele technische Innovationen ihren Anfang nehmen. Nach dem jährlich veröffentlichten Innovationsindex stehen die Landkreise Schwarzwald-Baar-Heuberg sowie Nordschwarzwald zusammengenommen mit der Landeshauptstadt Stuttgart an erster Stelle.
Innovative Gründerkultur
Und wenn es um viel gepriesene Start-ups geht, liegt der Schwarzwald ebenfalls vorn. Ein Start-up beschreibt ein kürzlich gegründetes Unternehmen mit einer innovativen Geschäftsidee und hohem Wachstumspotenzial. Beim Schwarzwald denken die meisten immer noch an Bollenhüte und Kuckucksuhren, dabei war es die Stadt Rottweil, die nach einer über vier Jahre gehenden Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) ein Zentrum für besonders innovative Start-ups in Deutschland ist. Von wegen Berlin und Hamburg.
Gute Infrastruktur
Für den sogenannten Innovationsatlas haben Forscher des IW in Köln untersucht, in welchen Bundesländern technikbegeisterte Gründer am aktivsten sind – die Studie spricht von „Gründungsneigung“. Denn die Stadt Rottweil kommt auf weit mehr als doppelt so viele innovative Jungfirmen wie der Bundesdurchschnitt. Als Gründe nennt das IW die gute Infrastruktur und eine aktive Gründerszene.
Das gilt auch für andere Ecken im Schwarzwald, wo innovative Firmen ansässig sind. Zum Beispiel in Baiersbronn, dort werden von der Firma Hunic Exoskelette gefertigt; das sind elektronische Glieder zum Überstreifen. Gründer Jonas Mast: „Auf die Idee kam ich, als mein Paketbote am Ende seiner Tour vor meiner Haustür über Schmerzen im Rücken klagte.“
Kleine Wasserwerke
Viele innovative Lösungen in der Medizintechnik und Biotechnologie kommen von Firmen aus dem Raum Villingen-Schwenningen. Das Thema sauberes Trinkwasser hat das Weissacher Start-up Membratech für sich entdeckt. Eine der Geschäftsideen des Pforzheimer Firmengründers Tim Dibjick: kleine Wasserwerke für zu Hause, das Büro oder für die Gastronomie, die laut Aussage des 33-jährigen Unternehmers aus normalem Leitungswasser reines Wasser herstellen.
Begehrte Zeitmesser
Apropos Kuckucksuhren: Selbst der durch die Quarzuhren aus Japan ausgelöste Niedergang der Uhrenindustrie in den 70er Jahren konnte mittlerweile aufgehalten werden. Zeitmesser von Junghans aus Schramberg oder Laco in Pforzheim sind begehrte Markenartikel made im Schwarzwald.
Wo sind die Bauernhäuser?
Der Innovationsdruck besteht aber nicht nur im technischen Bereich. Der Schwarzwald ist ja vor allem weltbekannt als Reiseziel, als Sehnsuchtsort für Naturliebhaber, Rekonvaleszenten und Romantiker. Doch die Zeiten und Vorlieben ändern sich. Wie mit Traditionen brüsk gebrochen wurde, ist bis heute in manch einem Schwarzwalddorf zu sehen. Viele alte Bauernhäuser sind verschwunden. Nicht jeder hat ein Herz – zudem die Sachkenntnis und den Mut, Geld zu investieren –, den 450 Jahre alten Eindachbauernhof Kienzlerhansenhof Schönwald zu sanieren wie das Stuttgarter Architekturbüro Gössel + Kluge, das dafür 2016 mit dem Deutschen Denkmalschutzpreis und kürzlich dem Staatspreis Baukultur Baden-Württemberg geehrt wurde.
Hotelbunker aus den 70ern
Dafür sieht man entlang der Straßen, an den Hängen und in den Tälern zahllose lieblose Zweckbauten. Auch Hotelbunker aus den 70er Jahren sprechen davon. Damals musste alles neu und schön sein für die Wirtschaftswundergäste und die vielen Kururlauber, die längst nicht mehr so zahlreich auf Krankenschein anreisen.
Preise für Holzschindeln
Wer heute zahlungskräftige Gäste anlocken will, muss auch auf Ökologie, Nachhaltigkeit, Wellness setzen. Sich auf alte Traditionen der Sommerfrische besinnen und Annehmlichkeiten wie Spa und Pilateskurse anbieten. Wie das Hotel Die Halde, etwa 20 Kilometer von Freiburg auf luftigen 1147 Metern hoch gelegen. Seit 1337 besitzt der Hof die Lizenz zur Gästeverwöhnung. Ein in Würde gealtertes Anwesen mit den typischen Holzschindeln, dem mächtigen Walmdach, putzigen Fenstern. Der alte Hof wurde in enger Absprache mit dem Denkmalamt, mit dem Natur- und Landschaftsschutz im Stil des „Alemannischen Münstertäler Schwarzwaldhauses“ grundlegend saniert, unter der Leitung von Carl Langenbach, Werkgruppe Lahr. Dafür gab’s 2010 den Architekturpreis „Baukultur Schwarzwald – Neues Bauen im Schwarzwald“. Mit der Auszeichnung soll neue Architektur – wie das Hotel Waldfrieden in Todtnau-Herrenschwand 2016 – geehrt werden und eben die Bewahrung historischer Bauten.
Nachhaltigkeit als Standortvorteil
Nachhaltigkeit ist teuer, aber auch ein Standortvorteil. Derlei Beispiele machen Schule. Schaut man etwa auf die Internetplattform Urlaubsarchitektur, finden sich im Schwarzwald immer mehr architektonisch ansprechende Häuser. So wie der Büretenhof von Karin Eble und Hubert Burdenski in Todtnauberg. Ein Herzensprojekt. Der Hof mit tief heruntergezogenem Schindeldach von 1780 befand sich seit jeher in Familienbesitz, doch nachdem der Onkel gestorben war, wollte keiner den Hof bewirtschaften. „Es war ja ein Minus-Erbe, der Hof stand kurz vor dem Einsturz“, sagt Hubert Burdenski. „Ich hatte aber so schöne Erinnerungen aus meiner Kindheit, als ich bei meiner Großmutter dort zu Besuch war. Und da ich Architekt bin, konnte ich einschätzen, ob eine Sanierung machbar ist und wie hoch die Kosten in etwa ausfallen würden.“
Über Geld mag er nicht sprechen, nur so viel: Das Denkmalschutzamt hätte einen Abriss erlaubt. Man kann davon ausgehen, dass für das Geld ein großzügiges Einfamilienhaus hätte gebaut werden können. Das Ergebnis der jahrelangen Arbeit: außen sanft sanierte Tradition, im Inneren Platz für 20 Gäste. Altes Holz trifft auf neue Bäder, auf moderne Küchen in der Stube und der Scheune. „Fast immer ist der Hof ausgebucht, wir hatten sogar schon Architektenpaare aus Paris zu Gast. Nur jetzt, während Corona, können wir das Haus einmal selbst genießen. Wir hoffen aber natürlich, dass wir bald wieder öffnen können“, sagt der Architekt.
Sobeks Turm
Das international berühmteste neue Bauwerk indes liegt in Rottweil. Ein Wahrzeichen technischer Innovationslust: der Thyssenkrupp-Testturm. Der vielfach ausgezeichnete Ingenieur Werner Sobek plante den Turm zusammen mit dem nicht minder berühmten Architekten Helmut Jahn, der in Chicago arbeitet. Von Weitem sieht er aus wie ein riesiger Bohrer. Im Jahr 2018 wurde Sobek dafür mit dem Deutschen Ingenieurbaupreis ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung in der Bundesrepublik Deutschland für Ingenieure und ihre Projekte. Außerdem gab’s dafür den Balthasar-Neumann-Preis. Der Turm mit 246 Meter Höhe ist der weltweit zweithöchste Testturm für Aufzugsanlagen, die Besucherplattform auf 232 Meter Höhe ist die höchste ihrer Art in Deutschland. Die Fassade aus Polytetrafluorethylen- (PTFE)-Glasfasergewebe gilt als derzeit höchstes Membranprojekt der Welt. Und womöglich wurde da auch der eine oder andere Dübel des patenten Artur Fischer verwendet.