Moderner Heiratsschwindel Wenn die Suche nach Liebe teuer wird

Partnerbörsen im Internet versprechen: Die große Liebe ist nur einen Klick entfernt. Doch für manche Menschen endet die Suche nach Zweisamkeit in den Fängen von Betrügern. Foto: dpa/Frank May

Eine Frau aus dem Kreis Ludwigsburg ist in die Fänge eines „Love Scammers“ geraten. Die Internetbetrüger versprechen die große Liebe, dabei wollen sie nur an das Geld ihrer Opfer. Dafür bedienen sie sich perfider Maschen und emotionaler Erpressung.

Als Maria Schröder (Name geändert) im September 2021 auf einer Dating-Plattform Michel kennenlernt, ist es für sie, als hätte sie ihren manngewordenen Traum gefunden. Groß ist er und Franzose, gut aussehend und athletisch. Michel ist 67 Jahre alt. Er besitze ein Fitnessstudio, schreibt er, und wolle weitere eröffnen. „Er wusste, was er wollte“, sagt die 65-Jährige. Das habe ihr imponiert. Und dann war da noch dieses persönliche Drama. Michel berichtet, er sei geschieden und habe eine Tochter, die er nie zu Gesicht bekomme. Ein wenig Verletzlichkeit würzt diesen Mann wie die Prise Salz, die den Kuchenteig erst so richtig abrundet. Maria Schröder verknallt sich in Michel wie ein Teeny. „Er war zu perfekt“, sagt sie heute. „Als ich misstrauisch wurde, da war es zu spät. Da hatte er schon meine Ersparnisse“.

 

Maria Schröder wohnt im Landkreis Ludwigsburg. Sie will anonym bleiben, wenn sie davon erzählt, wie sie abgezockt wurde. Michels Name ist nicht geändert, er stimmt vermutlich auch nicht – höchstwahrscheinlich sind seine Daten ebenso wie seine Geschichte gefälscht, ein klug ersonnenes Narrativ, inklusive geklauter Bilder. Michel – oder wer auch immer hinter dem Profil steckt – ist ein sogenannter Love- oder Romance-Scammer, zu Deutsch „Liebes-Betrüger“.

Moderne Form des Heiratsschwindels

Love Scamming ist eine moderne Variante des Heiratsschwindels, und sie funktioniert etwa so: Über Online-Plattformen treten die Betrüger oder Betrügerinnen, die meist im Ausland sitzen und auf Englisch schreiben, an ihre Opfer heran. Sie beeilen sich, eine Beziehung aufzubauen, suchen schnell emotionale Nähe, zuweilen sexualisieren sie. Bald folgen erste Liebesschwüre.

„Er hat mir geschrieben, er könne sich ein Leben ohne mich nicht mehr vorstellen“, berichtet Schröder, wie Michel sie umgarnt. „Ohne dich kann ich nicht sein“, habe er getextet. Heute klingt es für sie wie der Text eines schwülstigen Liebesliedes. Michel verspricht ihr, dass er zu ihr ziehen, ein Studio in Stuttgart aufbauen wolle. „Ich wollte ihm glauben“, sagt die 65-Jährige, die vor einigen Jahren ihren Mann verloren hat und sich eine neue Beziehung wünscht.

Wenn die persönliche Beziehung da ist, folgt die nächste Phase des Love Scammings. Ein persönliches Treffen wird versprochen, nachdem dieses vorher – so wie oft auch Telefonate – abgeblockt wurde. Doch bevor dieses Treffen stattfindet, erfindet der Betrüger einen Schicksalsschlag. Plötzlich sind Dokumente verschwunden, es gibt Ärger mit Behörden oder Ähnliches, fast immer sitzen die vermeintlich Verliebten im Ausland fest. Es ist wie im Film. Und: Am Ende fragen sie immer nach Geld.

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Michel berichtet Maria Schröder, er sei in Rom, wo er geschäftlich verweile, ausgeraubt worden. Für die Krankenhaus-Rechnung brauche er 2200 Euro. Sie überweist, es ist fast ihr gesamtes Geld, das sie eigentlich für eine Reise gespart hat. Michel sendet angebliche Beweisfotos von einem Krankenhausaufenthalt. Dann will er mehr Geld – diesmal für Hotelrechnungen. Nun wird Maria Schröder misstrauisch, fragt nach, will nicht zahlen. „Da hat er angefangen, Druck zu machen, mir vorzuwerfen, ich liebe ihn nicht.“ Schröder beginnt zu verstehen, dass sie einem Betrüger aufgesessen ist und emotional erpresst wird. Es tut weh, sie ist schockiert, wütend, auch auf sich selbst. Nicht jeder schafft es, die Reißleine zu ziehen wie Maria Schröder. Es gibt Fälle, wo Menschen auf der Suche nach Liebe sechsstellige Beträge an Scamming-Ringe überwiesen haben, Kredite aufnahmen, ihr Haus verkauften. Schröder bricht den Kontakt zu Michel ab, doch auf dem Dating-Portal ist sie weiterhin aktiv. Nun schreibt sie mit Peter. Er ist 59 Jahre alt, Architekt, gut aussehend, doch hatte er bisher Pech in Beziehungen. Er ist daher ein bisschen verletzlich, da ist eine Spur Zucker in der herz(haften) Suppe. Peter erfindet ein Missgeschick in Katar, wo er geschäftlich ist. Er brauche 62 000 Euro, dann, ja dann, komme er zu seiner Maria.

Das Spiel mit den Gefühlen der Menschen

Maria Schröder schnallt es diesmal viel schneller. Sie trifft sich lieber mit der Polizei. Es reicht ihr, sie bringt beide Love-Scammer-Profile – Michel und Peter – zur Anzeige. Die Beamtin macht ihr wenig Hoffnung, dass sie ihr Geld wiedersieht. „In den meisten Fällen wird das Geld, welches die Geschädigten überwiesen haben, direkt abgebucht oder weitertransferiert, sodass kein Zugriff mehr darauf möglich ist“, sagt ein Polizeisprecher auf Nachfrage. Maria Schröder betont: „Ich habe meine Lektion gelernt. Mir ist es nun nur noch wichtig, vor diesen Betrügern zu warnen, die mit den Gefühlen von Menschen spielen.“ Versuchsweise hat sie Michel zu dessen angeblichen Geburtstag geschrieben – und gesagt, sie wolle ihr Geld wieder haben. Zurück kam nur ein: „Hahaha.“ Sie weiß nicht, wer die zynischen Worte schrieb.

Das rät die Polizei

Fallzahlen
 Im Jahr 2021 hat das Kriminalkommissariat Ludwigsburg elf Fälle von Love Scamming bearbeitet, bei denen Menschen betrogen wurden. Für 2022, so sagt ein Polizeisprecher, sei aktuell mit noch mehr Fällen zu rechnen, wobei die Dunkelziffer hoch ist – viele Opfer des Love Scammings verschweigen aus Scham das Geschehen.

Hilfe
 Sinnvoll ist der Gang zur Polizei dennoch. Zwar ist es schwierig, überwiesenes Geld zurück zu bekommen, doch können die Beamten mittels Telefonnummern, Mail-Adressen ermitteln – und so vielleicht Andere schützen. Informationen zum Love Scamming und wie man es erkennt gibt es unter www.polizei- beratung.de.

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