München - Das Brautkleid gilt als Höhepunkt einer Modeschau. Dieses hier sieht aus, als hätte eine verärgerte und kräftige Braut ihr Kleid in Fetzen gerissen, es kurz darauf bereut und dann liederlich wieder zusammengeflickt. Tatsächlich besteht das Kleid für den scheinbar schönsten Tag im Leben aus recyceltem und übrig gebliebenem Material vergangener Saisons. Drei Jahre ist das gute Stück von den Modemachern Victor & Rolf schon alt, den Nachhaltigkeitshype haben die Designer schon früh für die Haute Couture entdeckt.
Jetzt bildet das in der Münchner Villa Stuck ausgestellte Brautkleid den Abschluss einer Schau zur international führenden, im Jahr 1892 in den USA gegründeten Modezeitschrift „Vogue“. Sie ist seit nun 40 Jahren jeden Monat aufs Neue auch in einer deutschen Ausgabe zu lesen.
Anders als in einem Haus, wo auf dem Dachboden gern der nicht mehr gebrauchte Krempel untergebracht ist, wird in der Ausstellung unter dem Dach die Zukunft der Mode entworfen. Studenten der Kunstuniversität Linz denken in dem klinisch weißen Raum über Mode, Technologie und nachhaltiges Wirtschaften nach.
Der Titel „Ist das Mode oder kann das weg!?“ variiert den Spruch „Ist das Kunst oder kann das weg!?“ und rückt ihn selbstbewusst in die Nähe der Hochkultur. Der Spruch fällt ja stets, wenn es um Kunst geht, die in Museen von Hausmeistern und Putzkräften entsorgt wurde, Fettecken von Beuys etwa oder Kalkflecken von Kippenberger.
Die Frage wird jetzt ernsthaft bedacht, aber freilich nicht mit „Ja, weg damit!“ beantwortet. Im Nebenraum hängen die schon fertig gestalteten Seiten der jüngsten Ausgabe akkurat nebeneinander an der Wand.
Und doch – fast ein bisschen verzagt und morbide wirkt diese Modefeier schon. Das Bild der Frau hat sich eben geändert. Die Frau als Projektionsfläche für das Gute und Schöne? Das ist nicht mehr haltbar.
Und auch die Umweltbewegten stellen Fragen. Trotz Recycling- und Patchwork-Chic und Nachhaltigkeitsbeteuerungen der Designer: Verlangt die Welt alle paar Monate nach einer neuen Kollektion? Muss jedes Jahr ein neuer Mantel her? Wohin mit dem Textilmüll, der sich Saison für Saison ansammelt? Die schicke Fassade bröckelt.
Die gefühlte Katerstimmung mag auch darin begründet sein, dass jüngst zwei Große der Mode gestorben sind, der Designer Karl Lagerfeld und der Fotograf Peter Lindbergh. Im Sommer noch, erzählt Lindbergh auf einem Podcast in der Schau, seien er und die deutsche „Vogue“-Chefin Christiane Arp ans Meer gereist.
Sie haben Modelle von Karl Lagerfeld in Szene gesetzt. Dunkelschöne Fotos, eine Frau, die zur Seite abgeht, eine leere Leinwand am Ufer. Zu sehen sind sie in einem Karl Lagerfeld gewidmeten Raum, eine Art Totenkammer samt Separee für Filme, aus dem zuweilen der bekannte scharfe, schnelle Redestrom des Meisters schallt.
Fotos von Schauspielstars Diane Kruger und Sandra Hüller
Trotz Lagerfelds prächtigem Bustierkleid aus der Frühjahrssaison 2019, vollständig bestickt mit blassgrünen Pailletten und Blumen aus Keramik, und Jean Paul Gaultiers fröhlich regenbogenfarbenen „MexiCan-Can“-Kleides mit gerafften Tüllbahnen, Reifrock, Seidenjacke – dies ist kein Freudenfest der Oberfläche.
Die „Vogue“ ist nicht nur Glamourwelt, sie hat auch die Gesellschaft kritisch im Blick: Eine Zeitleiste mit Bildern, Artikeln und Daten beginnt mit dem Amtsantritt von Margaret Thatcher als erste Premierministerin des Vereinigten Königreiches und dem Lied „Heart of Glass“ von Blondie. Sie endet damit, dass im September 2019 Rammsteins „Deutschland“ der Song der Stunde ist. Nicht alles ist besser geworden in den vergangenen 40 Jahren.
Fotostrecken zeigen, dass man sich einst um die nächste Modefarbe sorgte, aber auch Schönheitsoperationen aus der Nähe beäugte. Magersucht war schon Thema im Heft, wobei immer noch Models mit beängstigend dünnen Oberarmen auf den ausgestellten Covern abgebildet sind.
Die glamouröse Taft-und-Schmink-Seligkeit der 80er aber, die Partyfreude der 90er mit übermütigen Bunny-Persiflagen ist offenkundig vorbei. Mode wird aber immer noch gern an jungen, schlanken Personen in Szene gesetzt. Nur eben ein bisschen schräger ausgeleuchtet: Der deutsche Fotokünstler Juergen Teller ist dafür mit zwei Schauspielerinnen unterwegs gewesen, Diane Kruger und Sandra Hüller.
Die Zukunft der Mode
Hüller zieht einen Spitz-BH an und schon stellt sich ihr Blondhaar auf. Kruger posiert im knalligen Ganzkörperdress neben einem Fahrrad. Womöglich gelingt so eine Neuinterpretation des Frauenbildes – als zeitgemäße Fortführung dessen, was Lindbergh in den frühen 90er Jahren unternahm.
Seine Models Linda Evangelista, Naomi Campbell und Co. wirkten cool, glamourös und gefährlich, führten aber noch in klassischen Posen Kleidung spazieren, die verkauft werden wollte. Die wunderbaren Schauspielerinnen heute scheinen sich nicht mehr ganz so ernst zu nehmen, zeigen Sinn für Humor, Mut zur Ungestalt. Ironisch, kratzbürstig ist ihr Umgang mit Mode.
Doch so oder so, am Ende sind es Persönlichkeiten, die Menschen begeistern und zum Erwerb schöner Dinge animieren. Sie reihen sich ein in die Schlange bei Ikea morgens um 6 Uhr, um einen Teppich zu ergattern, den der charismatische Virgil Abloh, DJ, Louis-Vuitton-Designer und Chef des Labels Off-White für das Möbelhaus entworfen hat. Berühmtheiten wie Kim Kardashian verkaufen ihre Unterwäsche-Serie innerhalb von zwei Minuten (das soll ihr rund 1,8 Millionen Euro eingebracht haben).
Glaubt man den Linzer Studenten, kann sich das ändern. Dies sind ihre Szenarien: Mode, die ohne Menschen entsteht; Kleider aus Rasierschaum, die aussehen, als sei eine Konfettimaschine explodiert; Kleidungsexperimente mit Schweiß, Garn aus Bakterienzellulose.
Und dann ist da noch die Hoffnung, dass das Gemüse uns alle retten wird. Miniaturseiten einer „Vogue“-Ausgabe zeigen eine Schale mit apart arrangiertem Gemüse. Brokkoli und Artischocken versprechen Wohlsein – und haben wenig Kalorien, gut für die Frühjahrssaison.
Info
Längst ist die Zeitschrift selbst zum Kulturgut geworden. Die tyrannische Chefin einer Modezeitschrift in dem Kinoerfolg „Der Teufel trägt Prada“ soll der US-„Vogue“-Chefin Anna Wintour nachempfunden worden sein. Auf Feiern der „Vogue“ zeigen sich stets jede Menge Stars der Film- und Musikbranche.
Die von Michael Buhrs, Martin Fengel und Christiane Arp, Chefredakteurin der deutschen „Vogue“, kuratierte Ausstellung „Ist das Mode oder kann das weg!?“ in der Villa Stuck in München ist noch bis zum 12. Januar zu sehen, Di.–So., 11–18 Uhr, erster Freitag im Monat bis 22 Uhr.