Der Modebildhauer Rebar Aziz erobert mit seinen außergewöhnlichen Kunstwerken die Welt und kleidet Superstars an. Auch er selbst ist nun ein Star – will aber trotzdem nicht nach New York oder Paris ziehen, sondern in Pforzheim bleiben. Warum?
Das Emma in Pforzheim ist ein ganz besonderer Ort. Pittoresk an der Enz und deren Auen gelegen, ist das ehemalige Jugendstilschwimmbad seit zehn Jahren ein Kreativzentrum – sowohl Denk-, Diskussions- und Schutzraum als auch Arbeitsort und Treffpunkt für Künstler aus der Region. Hier können sich junge Talente in Ruhe und ohne finanziellen Druck entfalten.
Dass seit acht Jahren im Emma einer der gefragtesten Modedesigner der Welt arbeitet, wissen aber selbst in Pforzheim die wenigsten. Erst jüngst hat der 34-jährige Rebar Aziz, der vor knapp 30 Jahren auf der Flucht vor dem iranischen Regime mit seiner Familie in Deutschland landete, in London eine Kampagne für Swarovski ausgestattet.
In den letzten Jahren sind in Pforzheim neben zahllosen Auftragsarbeiten und ebenso zahlreichen Eigenkreationen Outfits für die Welttourneen von Lady Gaga, der Sängerin Doja Cat und dem isländischen Superstar Björk entstanden. Jüngst hat Rebar Aziz für Lady Gaga ein Outfit ganz in schwarz geschaffen, das sie bei der Premiere ihres Dokumentfilms getragen hat. Aziz: „Für mich ist Lady Gaga die letzte Ikone. Für sie arbeiten zu dürfen, ist für mich ein Traum.“
Natürlich wird er immer wieder gefragt, warum er nicht nach London, Paris, New York oder Los Angeles zieht. Tatsächlich habe er einmal eine Woche im Gästehaus von John Lennons Sohn Sean in New York verbracht, erzählt Aziz. Aber schon nach drei Tagen sei ihm klar gewesen, dass er nicht in einer solch großen Stadt leben wolle: „Da fehlt mir die Ruhe und man ist zu abgelenkt.“ Und außerdem: Wo man lebe, sage ja nichts über die Qualität der geleisteten Arbeit aus. Aziz: „Für mich ist es eine rebellische Haltung zu sagen: Ich bleibe in Pforzheim.“
Die Ex-Frau von Elon Musk hat Rebar Aziz entdeckt
Was im Emma im schwarz gestrichenen Atelier im Untergeschoss entstanden ist, ist äußerst beeindruckend. Geschaffen hat Aziz unglaublich fantasievolle, oft bedrohlich wirkende skulpturale Stoffkunstwerke, für deren Beschreibung der Begriff Modedesign ganz einfach zu kurz greift. „Ich sehe mich als Modebildhauer. Der trifft es, finde ich, genau“, beschreibt Rebar Aziz seinen künstlerischen Ansatz.
Rebar Aziz in seinem Atelier Foto: Saidudeen Dag/vondag.de
Welch großes Talent in ihm schlummert, hat unter anderen die Ex-Frau von Multimilliardär Elon Musk erkannt – und sich von Azizs dunkler Fantasiewelt fesseln lassen. Sie verschaffte dem jungen Talent den ersten Auftrag fürs Modemagazin Vanity Fair. Auf ihn aufmerksam geworden war sie, weil Aziz es beim weltweiten Designerwettbewerb IST – dem International Talent Support – als einziger Deutscher in seiner Kategorie ins Finale geschafft hatte. Dann ging es Schlag auf Schlag: Das Elle-Magazin klopfte an, auch bei den MTV-Music-Awards durfte Rebar Aziz mitmischen.
Von Selbstzweifeln gequält
Aziz tut sich schwer damit, seine eigenen Fähigkeiten zu schätzen: „Ich bin ein Getriebener, von Selbstzweifeln gequält und absolut nie mit mir zufrieden. Und wenn meine Kunden euphorisch reagieren, denke ich immer: Ich hätte es doch noch viel besser machen können.“
Ganz wichtig für ihn: „Es war nie mein Ziel, als Person berühmt zu werden. Für mich ist meine Arbeit Therapie, sie beruhigt mich sehr und hilft mir, mich mit meinen eigenen Problemen auseinanderzusetzen. Wenn ich arbeite, tauche ich ein in meine Materie und bin dann komplett weg. Dann spielt Zeit keine Rolle mehr.“ Manchmal sei das hart. „Ich krieg dann Krämpfe in den Händen. Das liebe ich am meisten, die Arbeit körperlich zu spüren.“
„Wer Kunst schaffen will, muss erst einmal sein Handwerk beherrschen“
Solche Phasen können Stunden, oft auch Tage dauern, an denen Rebar Aziz sein Atelier nicht verlässt, nicht schläft, kaum isst und nur ein Ziel verfolgt: Aus Stoffen, die sich eigentlich nicht dafür eignen, Skulpturen zu schaffen, die den menschlichen Körper weiterdenken und ihn nicht selten auch deformieren. Ob das Kunst ist, wagt er nicht zu sagen. Immerhin so viel: „Ich bin ein guter, nein, ein sehr guter Handwerker. Und wer Kunst schaffen will, muss zuerst einmal sein Handwerk beherrschen.“ Ob seine Werke Kunst seien, das müssten aber andere beurteilen.
Als Vorbild hat Rebar Aziz eigentlich nur: die Natur. „Alles, was wir entwickeln, hat die Natur schon gemacht – und wir kopieren es nur aus ihr.“ Sehr beeindruckend findet er aber immerhin die „alten Sachen“ von Jean-Paul Gaultier. Ansonsten beschäftige er sich nicht mit der Arbeit der Kollegen: „Das würde mich aus der Balance bringen. Klar, es gibt krasse Sachen da draußen. Aber ich habe weder die Zeit noch den Antrieb, mich damit zu beschäftigen.“
Lady Gaga hat er nie persönlich kennengelernt
Und auch Lady Gaga hat er, obwohl er die Chance dazu gehabt hätte, bisher nie persönlich kennengelernt: Die Begründung ist typisch Rebar Aziz: „Ich liebe diese Frau – und sie muss ein sehr freundlicher und respektvoller Mensch sein. Aber manchmal ist es besser, Menschen aus der Ferne zu betrachten. Vor einem Treffen mit ihr hätte ich Angst, dass es mir das Bild von ihr kaputtmachen könnte.“
Zur Person Rebar Aziz
Biografie Wo genau Rebar Aziz vor 34 Jahren geboren wurde, weiß er nicht genau. Denn er kam während der Flucht seiner Eltern aus dem Iran nach Nordirak zur Welt. Fünfeinhalb Jahre später zog sein Vater, der Schneider war, mit der Familie nach Heidelberg.
Studium Zunächst hat Rebar Aziz Maschinenbau in Pforzheim studiert, fand das Studium aber langweilig. Ohne große Modedesign-Vorkenntnisse hat er sich deshalb an der Hochschule für Gestaltung in Pforzheim beworben – und die Aufnahmeprüfung bestanden.