Offenbar war eine Menge zu verbessern: 45,9 Milliarden Euro, also knapp zwei Milliarden Euro mehr als noch vor der Pandemie gaben die Deutschen 2020 für Möbel aus. Wie auf der Möbelmesse in Mailand noch bis zum 10. September zu sehen ist, haben die Designer aber auch tolle Produkte für die Heimarbeit entworfen.
Markus Jehs und Jürgen Laub aus Stuttgart kreierten für die baden-württembergische Firma Brunner ein aufklappbares Minibüro „Notebook“. Christophe de la Fontaine von Dante Goods and Bads, der in Stuttgart an der Kunstakademie lehrt, hat einen Tisch „Bold’s Table“ aus Kork und Aluminium entworfen, der an Tischbänke aus dem Klassenzimmer erinnert, nur eben in glamourösem Rosarot. In leuchtendem Kobaltblau wiederum arbeitet es sich in dem Homeoffice-Möbel von der deutschen Firma Schönbuch.
Schöne Möbel fürs Homeoffice
Da fällt es einem natürlich ein bisschen schwer, das Haus zu verlassen. Wer sich doch zur weltgrößten Möbelmesse nach Mailand aufgemacht hat, wird auf 50 000 Quadratmetern nicht nur diese Heimbüro-Möbel sehen. Sondern auch rundliche, flexibel kombinierbare Möbel bewundern, von skandinavischer Schlichtheit in der Form, in der Farbe mutig wie in der italienischen Möbeltradition.
Designfans werden zunächst aber an einer Menge Bäume vorbeikommen. Die sollen nach der Messe eingepflanzt werden: „als Zeichen des Respekts für die Nachhaltigkeit“, sagt Architekt Stefano Boeri, der die Messe kuratiert hat, dem Magazin „Stylepark“. Die Novitäten werden, damit coronakonform ausreichend Platz ist, nicht auf den üblichen Ständen präsentiert, sondern auf vertikalen Paneelen – „vollständig recycelbar“.
Kluge Nutzung mit minimalem Rohstoff-Verbrauch
Nachhaltigkeit ist seit einigen Saisons ein Must-have für jeden Hersteller von Rang. Prominent zeigt diesen Trend die italienische Firma Kartell. Genau, das sind die mit den witzig ironischen Kunststoff-Leuchten, Stühlen, Sesseln, viele davon entworfen von dem berühmten französischen Designer Philippe Starck.
Noch vor ein paar Jahren, 2014, feierte man begeistert „Uncle Jack“: ein Sofa und „eine enorme Investition menschlicher und finanzieller Ressourcen für eine absolute Spitzenleistung: 1,90m breit, 95cm hoch, knapp 30kg schwer - das bisher größte im Spritzgießverfahren gefertigte Gießstück aus transparentem Polykarbonat.“
Also ein Plastiksofa, aber von der feinsten Art. Und wenn man das Designerstück lange genug aufhebt, an die nächste Generation weitervererbt, ist es womöglich auch irgendwie nachhaltig – einfach kein neues Sofa mehr kaufen, denn durchsitzen kann man es ohnehin nicht.
Nun jedenfalls wirbt die Firma in großem Stil mit – gebogenem Holz. Drehstühle, Tische, Sessel, Bücherregal und ein Schreibtisch „Earl of Wood“. Wer wird da nicht einen gewissen Geistesadel erfahren, zumal die wirklich eleganten Stücke von Philippe Starck entworfen wurden, der dem Homeoffice viel Gutes abgewinnen kann, wie er zu Protokoll gibt: „Erstens fühlt man sich im eigenen Zuhause wohler, und zweitens wird man kreativer, das Denken ist freier und somit auch die Arbeit.“
Verwendet wurde für den Ort des freien Denkens nicht aber normales Holz, sondern „Smartwood“, irgendwie schlaues Holz. Gemeint ist eine kluge Nutzung und Fertigung mit minimalem Rohstoff-Verbrauch. Die Technikbegeisterung als Markenzeichen wird damit gewahrt.
Innovation aus Italien und Polen
Die hatte auch schon ein großer Designer des 20. Jahrhunderts bewiesen. Der vor 130 Jahren in Mailand geborene (und 1979 dort gestorbene) Designer und Architekt Gio Ponti hatte 1957 den leichtesten Stuhl der Welt für Cassina kreiert. 1700 Gramm wiegt der „Superleggera“, die Beine maximal 18 Millimeter breit, aber aus Esche, also stabil.
Jüngst hat der polnische Designer Oskar Zieta eine Hommage an Ponti entworfen. Den „Ultraleggera“-Stuhl, 1660 Gramm und wie der berühmte Vorgänger mit Designpreisen ausgezeichnet. Die Auszeichnung gab’s für eine Innovation: eine von Zieta erfundene Technologie verwendet Luftdruck, um Metall zu formen, was Stabilität, Langlebigkeit und Leichtigkeit des Produkts ermöglicht.
Outdoormöbel fürs Wohnzimmer
Italienisches Design ist nicht nur, wie die Messe zeigt, elegant, farblich mutig und handwerklich hochwertig, sondern immer noch technikverliebt. Sogar in Sachen Kunststoff: Ein viel beachteter Coup ist der „Bell Chair“ von Magis, entworfen von Konstantin Grcic. Er sei verwundert gewesen, dass er aus Kunststoff einen Stuhl entwerfen sollte.
Dann aber zeigte sich – er sollte so funktionieren, dass er erstens aus Plastikresten gemacht werden könnte, zweitens so industriell herzustellen ist, dass er günstig wird. Niemand muss also mehr hässliche Billigstühle kaufen. Der Bell-Chair macht sich auch in der guten Stube hervorragend.
Der Innenraum wird zum Außenraum und anders herum: längst sehen Balkonmöbel aus wie eine Wohnzimmercouch, aber wetterfest. Auch die farbenfrohen Korb- und Flechtwaren, die der aus Baden-Württemberg stammende Designer Sebastian Herkner für Ames entwirft, sehen überall gut aus. Deshalb werden sie nun als Einrichtungsvorschlag für die gute Stube beworben.
Auch der Hersteller Fermob präsentiert seine Outdoormöbel in Küchen, Wohn- und Esszimmern, hat sogar einen ausklappbaren, an der Wand stehenden Arbeitstisch im Programm. Wenn das Netz gut genug ist, kann man den auch auf der Terrasse an der Garagenwand aufstellen – Homeoffice an der frischen Luft, da wird der Spielraum für neues Arbeiten und Wohnen noch einmal apart erweitert.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Ein Porträt des einflussreichen italienischen Designers und Architekten Gio Ponti.
Info
Möbelmesse Mailand
Der Supersalone, die internationale Möbelmesse in Mailand findet analog und online statt und dauert noch bis zum 10. September. Die Messe findet seit 1961 jährlich statt – normalerweise im April. Wegen der Coronapandemie wurde sie verschoben. Die Messe gilt als größte und wichtigste Möbelmesse weltweit. Diesmal ist sie an sämtlichen Tagen nicht nur für Fachpublikum geöffnet, sondern auch für die gesamte Öffentlichkeit. Zu den weltgrößten Möbelmessen zählt auch die Möbelmesse imm cologne in Köln, sie fiel 2021 wegen Corona aus, die nächste Messe in Köln findet voraussichtlich vom 17. bis 23. Januar 2022 statt.
Ausstellung
Parallel zur Messe in Mailand gibt es eine Ausstellung, sie stellt gute Designschulen vor sowie Ergebnisse der Arbeit eines Jahrzehnts von DesignerInnen – in Form einer Ausstellung der Stühle, die in den vergangenen Jahren mit dem Preis Compasso d’Oro ausgezeichnet wurden.