Mögliche neue Partnerstadt für Sindelfingen Anbandeln an der türkischen Ägäis
Sindelfingen und das türkische Muğla reichen sich die Hand für eine Partnerschaft. Auf beiden Seiten spricht vieles dafür – doch ein paar Bedenken bleiben.
Sindelfingen und das türkische Muğla reichen sich die Hand für eine Partnerschaft. Auf beiden Seiten spricht vieles dafür – doch ein paar Bedenken bleiben.
Empfangen sich Politiker verschiedener Länder gegenseitig, sind es oft die kleinen Gesten, die im Gedächtnis bleiben. Am Montagabend rückte der Sindelfinger Oberbürgermeister Bernd Vöhringer (CDU) im Ausflugsboot zu seiner türkischen Amtskollegin Gonca Köksal auf die Sitzbank. Der kleine Trip auf dem „Fluss der Frauen“ war eine Überraschung der Gastgeber am Ende eines prall gefüllten Tages, bevor es ins Fischrestaurant ging. Hinter den beiden versank die Sonne in der Ägäis, da zückte Vöhringer sein Handy und schoss ein Selfie mit Köksal. Einer von vielen Momenten der Herzlichkeit zwischen den beiden Städten. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?
Geht es nach den türkischen Gastgebern: Ja. Sie werden auf der eineinhalbtägigen Stippvisite der elfköpfigen Delegation aus Sindelfingen nicht müde, ihre große Freude über den deutschen Besuch auszudrücken. Es war, es soll der erste Schritt hin zu einer Städtepartnerschaft sein. Der Montag begann entsprechend offiziell im großzügigen Büro von Ahmet Aras, dem Oberbürgermeister von Muğla, das aus 13 Teilorten besteht. Der größte und wichtigste davon ist Menteşe, an dessen Spitze seit einem Jahr Bürgermeisterin Gonca Köksal steht.
Während des Besuchs gaben sich beide Verwaltungsebenen eng verbunden, was auch daran liegen mag, dass Aras und Köksal seit Kurzem miteinander verlobt sind. Keine Spur vom politischen Fingerhakeln zwischen Stadt und Kreis, wie es im Kreis Böblingen mitunter gepflegt wird. Warum Muğla seinen Arm so entschieden nach Sindelfingen ausstreckt, hat auch mit dem Politikwechsel nach den türkischen Kommunalwahlen im März 2024 zu tun: Die autoritäre AKP von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan verlor vielerorts, die Sozialdemokraten der CHP legten zu.
So auch in Muğla und Menteşe: Ahmet Aras und Gonca Köksal gehören beide der Partei an, eroberten jeweils den Sessel im Rathaus respektive Regionalverwaltung. Die steht für eine Öffnung nach Europa, für demokratische Werte und Völkerverständigung. Die wünschen sich die Türken nun mit dem multikulturellen Sindelfingen. Zustande kam die Verbindung letztlich über Vöhringers großes Engagement im Europarat der Kommunen, in dem er Präsident der Städtekammer ist. Der Europarat – nicht zu verwechseln mit dem Europäischen Rat oder dem Rat der Europäischen Union – umfasst neben 45 anderen Ländern auch die Türkei.
So lernten er und Aras sich kennen und fädelten den Besuch ein. „Mir ist es allerdings wichtig, nicht blindlings in eine Partnerschaft zu gehen, sondern vorher Felder der sinnvollen Zusammenarbeit auszuloten“, sagte Vöhringer am Rand des Besuchs. Diese Felder bleiben in den ersten Gesprächen allerdings noch vage. Ahmet Aras berichtete von seinen aktuellen Herausforderungen, die vor allem in der Bewältigung der enormen Touristenströme lägen, die seine Kommune jeden Sommer heimsuchten: „Hier leben derzeit 1 000 181 Menschen, doch im Sommer schwillt die Zahl um sieben Millionen an.“ Allerdings bemisst die Zentralregierung in Ankara ihre Mittelzuweisung nach der Zahl der gemeldeten Einwohner, weshalb Aras mit der Finanzierung der touristischen Infrastruktur kaum hinterherkomme.
Außerdem seien Waldbrände ein wachsendes Problem sowie die Integration von Geflüchteten – teilweise auch aus den ärmeren Regionen im Osten Anatoliens, also dem eigenen Land. Kulturelle Bande zwischen Sindelfingen und Muğla könne man doch ebenfalls knüpfen, regte Vöhringer an, als die Delegation vom Rathaus von Muğla in das von Menteşe wechselte, das sich gleich gegenüber befindet.
Damit traf er bei seiner Amtskollegin Gonca Köksal auf offene Ohren: „Die Bewahrung unserer Kultur und unserer Traditionen ist mir sehr wichtig“, sagte sie. Ihr Ort lebe zwar von Tourismus und Landwirtschaft sowie dem Marmorabbau, doch habe er auch eine reiche Geschichte.
Bei dem anschließenden Stadtrundgang führten die Gastgeber die Delegation durch verwinkelte Gassen zum zentralen Basar. Das Handwerk im Ort lebt: die eine Gasse gehört den Schneidern, in einer anderen darf vom köstlich-frischen türkischen Honig Helva probiert werden. Weiter geht es durch schmale Höfe zu den Teppichhändlern. Einer von ihnen rollt seine Schätze stolz vor den Gästen aus. Doch als er den ersten Preis nennt, leert sich sein Geschäft wieder: 26 000 Euro. Jeder Laden in Menteşe scheint Geschichten erzählen zu wollen. So wie eine Werkstatt voller Kabel und Stecker für Reparaturen aller Art: vom Staubsauger bis zum Fernseher.
Muğla leitet sich ab vom türkischen Wort für Pause und tatsächlich haben Nomaden, Karawanen und fahrende Händler hier so häufig Rast gemacht, dass sich der Name festsetzte. Die Region liegt im äußersten Südwesten Kleinasiens. Die Ägäis geht vor der über 1500 Kilometer langen Küste der Region ins Mittelmeer über. Der beständige Wind macht die Strände im Sommer beliebt bei Kite-Surfern, im Oktober steigt ein einwöchiges Segelrennen. Und auch geschichtlich ist Muğla bedeutsam: In der nahe gelegenen Ausgrabungsstätte von Stratonikeia überlagern sich Spuren der antiken griechischen, römischen und osmanischen Besiedelung. Ein mächtiges Amphitheater thront über Ruinen aus alabasterweißem Marmor. Insgesamt soll es in Muğla rund 110 antike Stätten geben.
So reich die Geschichte, so verwinkelt die Gassen und so romantisch der Sonnenuntergang – ein wenig Wasser gießen die teilnehmenden Stadträte dann doch in den süßen türkischen Wein. „Man muss schon darauf achten, dass Aufwand und Ertrag bei so einer Partnerschaft in einem sinnvollen Verhältnis zueinander stehen“, sagt Andreas Beyer (FDP). Immerhin leiste sich Sindelfingen bereits ein üppiges Europabüro; jede Reise koste Geld. Und im Falle von Muğla vor allem auch Zeit, sagt Axel Finkelnburg, der nicht begeistert davon ist, dass die Anreise nach Menteşe über Istanbul und den Flughafen Bodrum-Milas einen ganz Tag dauert.
Doch am Ende überwiegt die Euphorie: „Diese Gegend hier mit ihrer reichen Geschichte steht wie kaum eine andere für den Gedanken von Europa“, sagt Dorothee Kadauke (Freie Wähler).
Und der türkischstämmige Serdar Sevik vom Bündnis „Vielfalt für Sindelfingen“ hatte zwar zunächst eine andere türkische Stadt im Visier, doch die Offenheit in Muğla habe ihn positiv überrascht: „Ich habe mir zu Beginn meiner Legislatur vorgenommen, eine neue türkische Partnerstadt für Sindelfingen zu finden.“ Dem Ziel ist er einen Schritt näher.
Unterm Strich signalisieren die teilnehmenden Räte breite Zustimmung zu der angestrebten Partnerschaft. Der scheidende Oberbürgermeister selbst will das Projekt vorantreiben, so lange er noch kann: Eine Kooperationsvereinbarung soll zügig aufgesetzt werden. Das letzte Wort bei einer Partnerschaft hat aber der Gemeinderat – und Vöhringers Nachfolger. Denn bis zur angepeilten Amtsübergabe am 1. August dürfte die Zeit kaum reichen, die Partnerschaft zu besiegeln.
Chelm
im Osten von Polen liegt nahe der ukrainischen Grenze und zählt 70 000 Einwohner.
Corbeil-Essonnes
30 Kilometer südlich von Paris ist eine der ältesten Partnerstädte.
Dronfield
liegt zwischen Sheffield und Chesterfield in Großbritannien.
Györ
– die Stadt in Ungarn mit 130 000 Einwohnern liegt zwischen Budapest und Wien.
Ost-Samos
ist die jüngste Partnerstadt: 2023 wurde die Freundschaft offiziell besiegelt.
Schaffhausen
in der Schweiz liegt als einzige Partnerstadt nicht in der EU. In Deutschland ist das sächsische Torgau
die Partnergemeinde von Sindelfingen.
Sondrio
ist die Hauptstadt der gleichnamigen norditalienischen Provinz.