Möglicher Rohstoffmangel EU befürchtet Produktionsstopps

Dass Permanentmagnete knapp werden könnten, besorgt die Industrie. Für hohe Reichweiten von E-Autos sind sie heute oft unerlässlich. Foto: Petair/stock.adobe.com

Weil die Nachfrage nach seltenen Erden steigt, könnten mittelfristig entscheidende Teile für E-Autos und Konsumgüter fehlen. Doch was wird dagegen getan?

Geld/Arbeit: Daniel Gräfe (dag)

Pforzheim/Brüssel - Es ist ein erschreckendes Szenario, das Carlo Burkhardt für die Industrie in Deutschland und Europa zeichnet: Sichere sich die EU mittelfristig nicht die entscheidenden Rohstoffe für die Hightechindustrie, drohten Produktionsstopps – Hunderttausende Jobs seien in Gefahr. „Die EU hat die Kontrolle über viele Wertschöpfungsketten verloren, das hat sie verpennt.“

 

Burkhardt ist an der Hochschule Pforzheim nicht nur ein ausgewiesener Experte für Edelmetalle, sondern auch Mitautor eines Aktionsplans der im Herbst vergangenen Jahres gegründeten Europäischen Rohstoffallianz. Den Plan hat die EU-Kommission in Auftrag gegeben, um die Versorgung mit wichtigen Rohstoffen zu sichern. Derzeit werden 30 Rohstoffe für die europäische Wirtschaft als kritisch erachtet. Höchste Priorität hat dabei die Versorgung mit seltenen Erden zur Magnetproduktion. Wie bei vielen anderen Rohstoffen auch ist die Abhängigkeit von China am größten – 98 Prozent der in der EU genutzten seltenen Erden kommen aus Fernost.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Die Abhängigkeit von China ist zu groß

Burkhardt und die Autoren des Aktionsplans warnen deshalb vor einem hohen Versorgungsrisiko, gerade vor den steigenden Spannungen in Weltpolitik und Handel. Da die Nachfrage nach den begehrten Stoffen jährlich um mehr als zehn Prozent steige, könne die Nachfrage nach den Permanentmagneten, wie sie genannt werden, zu Unterbrechungen der Lieferketten und Produktionsstopps führen, gerade in bedeutenden Branchen wie der Automobilindustrie.

Nötig für E-Autos und Elektrogeräte

Hier werden besonders viel Permanentmagnete, die aus seltenen Erden gewonnen werden, eingesetzt. Da sie die höchsten Magnetkräfte besitzen, garantieren sie eine größere Reichweite bei E-Motoren. Aber auch für Windkraftgeneratoren sind sie oft unerlässlich. Ohne sie sei die Transformation zur E-Mobilität oder die Energiewende gefährdet, argumentiert Burkhardt. Es gebe zwar vereinzelt Automobilhersteller, die derzeit auf andere Lösungen setzten, die seien aber „aus der Not – nämlich dem Versorgungsrisiko der seltenen Erden – geboren“.

Zudem kommen Permanentmagnete in Smartphones, Flachbildschirmen, Drohnen, Robotern und Elektrogeräten zum Einsatz, weil sich mit ihnen sehr kleine Motoren, Lautsprecher und Sensoren bauen lassen. „Das ist der kritischste Rohstoff für die Zukunft der europäischen Hightechproduktion“, betont Burkhardt, „leider ist das in der Öffentlichkeit fast niemandem bekannt.“

Verknappung würde zu Problemen in der Produktion führen

Auch die Industrieverbände sehen die Konzentration der Rohstoffe auf wenige Regionen weltweit kritisch. „Längerfristige Verknappungen oder gar Unterbrechungen der Zulieferung aus den Förderländern würden fast unweigerlich zu Problemen in der Produktion führen“, betont etwa Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des IT-Branchenverbands Bitkom. Eine aktive Industriepolitik der EU sei wichtig – das hätten die Lieferengpässe bei Halbleitern gezeigt.

Dabei geht es auch um sehr viel Geld und Jobs. Der Markt für Permanentmagnete wird weltweit auf knapp sieben Milliarden Euro geschätzt. Bezieht man Geschäftsfelder wie Autos und Mobilitätsdienstleistungen in der EU mit ein, sind laut Eurostat in den kommenden Jahren EU-weit mehrere Hundert Milliarden Euro Umsatz und Millionen Arbeitsplätze damit verbunden. Müsste die EU etwa Traktionsmotoren für E-Autos aus China beziehen, stünden viele dieser Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Es geht um viel Geld und viele Jobs

Deshalb schlagen Burkhardt und seine Mitautoren im Aktionsplan, den EU-Kommissionsvize Maros Sefcovic im August in Brüssel präsentieren will, konkrete Gegenmaßnahmen vor. Oberstes Ziel sei, die Produktion von Seltenerdmagneten in Europa massiv zu forcieren – vom Zehnfachen ist die Rede. Bislang werden diese nur von einer Handvoll Herstellern produziert und deckten nur Nischenanwendungen ab, sagt der Experte.

Die großen Abnehmer sollen rund 15 Prozent der verwendeten Seltenerdmagneten aus europäischer Produktion kaufen müssen. Um die Preise zu senken und die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu stärken, soll der Sektor in gleichem Maße wie in China subventioniert werden. Außerdem soll das Recycling, das bis jetzt kaum eine Rolle spielt, stark ausgebaut werden. Altprodukte werden, so der Plan, nicht mehr exportiert, sondern grundsätzlich in Europa aufbereitet.

Hochschule Pforzheim spielt eine Schlüsselrolle

Beim Recycling kommt der Hochschule Pforzheim eine Schlüsselrolle zu. Sie koordiniert seit Kurzem das derzeit größte Recyclingprojekt zu Seltenerdmagneten in Europa und baut mit einem Budget von 15 Millionen Euro vier Pilotanlagen auf – eine davon in der Nähe von Pforzheim. Bis 2023 sollen sie 110 Tonnen recycelte Magnete produzieren. Die Pilotanlagen könnten vergrößert oder anderswo weitere davon gebaut werden, sagt Burkhardt. „Das langfristige Ziel ist, jeden vierten Magneten zu recyceln.“

Hersteller reagieren auf Rohstoffmangel

Verträge
Die Unternehmen in Deutschland versuchen, ihre Abhängigkeit von den wichtigen Permanentmagneten zu verringern, wie der Verband der Automobilindustrie VDA betont. „Hersteller und Zulieferer diversifizieren bei Lieferanten und in den Lieferketten, soweit dies möglich ist. Zudem können langfristige Lieferverträge genutzt werden, um Planungssicherheit zu schaffen“, so eine Sprecherin.

Mercedes-Benz
Produzenten wie Mercedes-Benz arbeiten an Konzepten, um die Menge an Seltenerdmetallen für die Produktion teils deutlich zu reduzieren. „Künftig wollen wir mit neuen Materialzusammensetzungen komplett auf schwere Seltenerdmetalle in unseren Elektroantrieben verzichten“, sagt eine Sprecherin.

Recycling
Zudem wird an einer besseren Wiederverwertung der Rohstoffe gearbeitet, betont Wolfram Axthelm, Geschäftsführer des Bundesverbands Windenergie (BWE). So nähmen die Hersteller von Neodymmagneten bereits das Magnetmaterial von ihren Kunden zurück und würden dies recyceln, so Axthelm – das sei auch eine Kostenfrage.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu EU E-Autos it