Möhringen Bauern wollen Deutungshoheit

Von Ulrike Amler 

Landwirte wollen das Feld nicht länger der Industrie und den Interessensverbänden überlassen, sondern den Bürgern selber erklären, warum sie Dinge so machen, wie sie sie machen. Der Bürgerdialog „Bürger fragen, Bauern antworten“ war der Auftakt dazu.

Landwirte stehen vor der Frage:  „optimieren oder individualisieren Foto: Ulrike Amler
Landwirte stehen vor der Frage: „optimieren oder individualisieren Foto: Ulrike Amler

Möhringen - Die Reihen im Möhringer Bürgerhaus sind voll besetzt. Die Gelegenheit, dem deutschen Bauernpräsidenten Joachim Rukwied persönlich zu sagen, welche Landwirtschaft sich Bürger für die Zukunft wünschen, zieht. Einige Besucher kennen sich. Raue Hände werden zum Gruß gereicht. Landwirte, Studenten und Wissenschaftler der Universität Hohenheim sind gekommen, um ihre Sicht darzustellen und Kritik zu üben.

Die Schweine- und Milchbauern Miriam Hecht aus Oberschwaben und Denis Schwaderer aus dem Rems-Murr-Kreis sowie der Ackerbauer und Bauernverbandspräsident, Joachim Rukwied aus Eberstadt im Kreis Heilbronn stehen für zwei Stunden Rede und Antwort. Sie wissen, dass viele Verbraucher fürchten, dass die moderne Landwirtschaft eine Gefahr für Umwelt und Gesundheit darstellt. Sie wollen diese Ängste abbauen. „Für uns junge Landwirte sollte es ganz normal sein, Öffentlichkeitsarbeit zu machen“, erklärt Miriam Hecht.

Allerlei virulente Ängste

Viele Landwirte beklagten die zunehmende Entfremdung der Gesellschaft von Natur und Lebensmitteln und einen Mangel an Respekt vor ihrer Arbeit. Zwischen Stall, Feld und Küche stünden zahlreiche Gruppen und Unternehmen mit wirtschaftlichen oder ideellen Interessen, die ihre Sichtweisen bei den Medien einspeisten. „Wenn Behauptungen regelmäßig durch die Presse gehen, heißt es nicht, dass sie zwangsläufig auch richtig sind“, bemerkt Joachim Rukwied und benennt ein Beispiel. So seien die für das Bienensterben verantwortlichen Pflanzenschutzmittel der Gruppe Neonikotinoide in Deutschland gar nicht zugelassen. Richtig sei aber auch, dass das Verbot der EU für Pflanzenschutzmittel der Leguminosen zu einem Einbruch der Anbaufläche in diesem Jahr geführt habe. Die Pflanzen sammelten Stickstoff in der Luft, wodurch Gülle und Mineraldünger eingespart würden.

Keines der heiß diskutierten Themen wie Ferkelkastration, Enthornen von Kälbern oder das Bienensterben lassen die Bürger aus. Ein Zuhörer wirft sogar ein, dass radioaktive Substanzen in Kunstdünger Umwelt und Nahrung verseuchten. Die Landwirte auf dem Podium können das entkräften. Einige Fragesteller haben sich tief in ihre Themen eingearbeitet, und die Moderatorin Melanie Britz bittet die Landwirte immer wieder um die Erklärung von Fachbegriffen.

Streik schadete den Landwirten

„Warum sich die Landwirte die ruinösen Erzeugerpreise vom Handel überhaupt bieten lassen“, möchte ein Zuhörer wissen. „Ein Auto können sie ein Jahr auf dem Hof stehen lassen, ohne dass es Schaden nimmt. Aber die Milch ist ein leicht verderbliches Gut. Der einzelne Landwirt ist wie eine ganze Gruppe heute auch leicht austauschbar“, bedauert Milchbauer Schwaderer. Bauernverbandspräsident Rukwied berichtet von Streiks in der Vergangenheit: „Danach haben tschechische Molkereien bis nach Heilbronn geliefert und die Italiener einen Teil unseres Marktes übernommen.“ Die deutsche Landwirtschaft bewege sich mit höchsten Standards in freien Märkten und könne nur einen Teil regional vermarkten. „Günstige Lebensmittel bringen wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität“, so Rukwied. Das wisse auch die Politik.

Ein Zuhörer wirft ein, er sei als Verbraucher und langjähriger Landwirt entsetzt, dass die Kollegen keine wirklichen Antworten auf die brennenden Fragen hätten. Der Biobereich habe vorgemacht, wie man sich eigene Regeln setze, die von Verbrauchern honoriert werden. Landwirtin Miriam Hecht stimmt zu: „Entweder wir optimieren oder individualisieren uns. Es ist an uns, etwas zu ändern. Wir müssen aber auch den Verbraucher fragen, was er möchte.“ Ein Anfang ist an diesem Abend in Möhringen gemacht worden.

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