Mörike-Gymnasium Stuttgart Was droht, wenn ein Rektor zur „Dienstbesprechung“ bittet?
Am Donnerstagmorgen bat der Rektor des Stuttgarter Mörike-Gymnasiums zur „Dienstbesprechung“. Das Kollegium versammelte sich – und erlebte eine Überraschung.
Am Donnerstagmorgen bat der Rektor des Stuttgarter Mörike-Gymnasiums zur „Dienstbesprechung“. Das Kollegium versammelte sich – und erlebte eine Überraschung.
Wenn dieser Tage die Verantwortlichen von Firmen oder städtischen Ämtern zu einer „Dienstbesprechung“ bitten, gehen ziemlich viele Warnlampen an. Gut gefüllt ist denn auch am Donnerstagmorgen das Lehrerzimmer im Evangelischen Mörike-Gymnasium in Stuttgart. Rektor Daniel Steiner hat – genau – zur „Dienstbesprechung“ gebeten. Steiner nutzt die große Pause, er hat prominente Gäste mitgebracht: Kultusministerin Theresa Schopper („einer meiner letzten offiziellen Schulbesuche“) ist ebenso gekommen wie Burkhard C. Kosminski, Intendant des Schauspiels Stuttgart. Auch Lehrer-Kolleginnen aus anderen Schulen sind da. Theresa Schopper, die der neuen Landesregierung nicht mehr angehören wird, gibt Entwarnung. Nein, sagt sie, sie sei jetzt nicht hier, um auf ihren letzten Metern als Ministerin ein G 7 anzukündigen.
Statt dessen spricht Daniel Steiner von einem begeisternden Mehr, das dieses Kollegium auszeichne – und von einer besonderen Verbindung gerade auch zum Schauspiel Stuttgart. Und Ministerin Schopper präzisiert: Kulturelle Bildung sei eine wesentliche Grundlage für die individuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, und gerade im Theaterspiel könnten manche Kinder und Jugendliche „sich völlig neu entdecken“. Und dieser Bedeutung entsprechend, sei es gut und richtig, das besondere Engagement von Lehrerinnen und Lehrern zu würdigen.
Eben diese Würdigung übernimmt Burkhard C. Kosminski. Kulturelle Bildung ist für Stuttgarts Schauspielintendanten bekanntermaßen eine „Herzensangelegenheit“, und die Zahl, die Kosminski nennt, kann durchaus beeindrucken. „Fast 140 Schulen in der Region Stuttgart sind Partnerschulen des Schauspiels Stuttgart“, sagt Kosminski – und sein Tonfall verrät die Hoffnung, diese Zahl noch weiter erhöhen zu können. Was im Programm „Partnerschule“ steckt? Workshops, Fortbildungen für die Lehrkräfte, Theateraufführungen und Probenbesuche etwa. Schulen erhalten zudem Beratung bei der Auswahl passender Inszenierungen und bekommen verlässlich Tickets für Klassen und Kurse mit kostenfreier Begleitung.
Auf ihre je ganz unterschiedliche Weise haben drei Lehrerinnen und Lehrer den Dialog mit dem Theater zu ihrer Sache gemacht. Sie werden zu Hauptakteuren einer Premiere: Erstmals ehrt das Schauspiel engagierte Lehrkräfte offiziell mit in der hauseigenen Schreinerei gerahmten Urkunden.
Als „Theater-Powerfrau“ stellt Burkhard C. Kosminski zunächst Bettina Klett-Jung vor. Sie betreibt seit 25 Jahren sehr aktive Theaterarbeit am Albert-Einstein-Gymnasium Böblingen, leitet verschiedene Theater-AGs, unterrichtet Literatur- und Theater in der Oberstufe und hat eine Theaterklasse an der Schule initiiert. Damit nicht genug: Der Beifall gilt Bettina Klett-Jung zudem als Theater-Multiplikatorin und Landesfachteamkoordinatorin für Literatur und Theater am Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung der Regionalstelle Stuttgart.
Michael Dengler vom Neuen Gymnasium Leibniz Stuttgart muss sich die Urkunde von der kommissarischen Schulleiterin Melanie Süß mitbringen lassen – der Text mag seine Genesung beschleunigen: Dengler, der im eigenen Unterricht auch für Poetry Slam begeistern will, setze sich, heißt es da, aktiv dafür ein, dass Kinder und Jugendliche regelmäßig Theater erleben dürfen und organisiere in jeder Spielzeit den Besuch des Familienstücks – aktuell „Die unendliche Geschichte“ – für alle Klassen der Jahrgänge 5 und 6 seiner Schule. Zudem gebe es durch ihn und in enger Zusammenarbeit mit der Theatervermittlung des Schauspiels für jedes Schuljahr Vorstellungsbesuche für weitere Klassen der Mittel- und Oberstufe. Auch an der Universität Stuttgart vermittle Michael Dengler künftigen Lehrkräften die Wichtigkeit kultureller Bildung.
Und das Mörike-Gymnasium selbst? Zum Finale einer besonderen „Dienstbesprechung“ bitten Intendant Kosminski und Ministerin Schopper Michael Wolf zu sich. Seine Zurückhaltung verfliegt mit der Begrüßung als „engagierter Theatermacher“ und den Worten auf der Urkunde. Michael Wolf, heißt es dort, „schreibt und inszeniert seit mehr als 20 Jahren Theaterstücke für das Evangelische Mörike-Gymnasium Stuttgart. Mit seiner Theater-AG präsentiert er pro Schuljahr zwei Inszenierungen zu unterschiedlichen Themen“. Und: „Michael Wolf hat die Aufnahme kultureller Bildung ins schulische Curriculum des Evangelischen Mörike-Gymnasiums mitinitiiert und dazu unter anderem schulartübergreifende Theaterworkshops für alle neuen Fünftklässler ins Leben gerufen.“ Der lang anhaltende Beifall zeigt den Stolz des Kollegiums.
Burkhard C. Kosminski zeigt sich als Kulturpolitiker: „Ich habe mich gefreut, dass der Koalitionsvertrag die Bedeutung kultureller Bildung ausdrücklich bestätigt“, sagt er. Eine Vorlage für weiteres Schulengagement. Wichtig ist dem Schauspielintendanten jedoch, dass Schülerhäuser, Ganztagesklassen und vergleichbare Bildungs- und Betreuungseinrichtungen „ebenfalls die Möglichkeit haben, am Partnerschulprogramm teilzunehmen“. Da geht es nicht nur im einen Theaterbesuch, sondern auch um Lehrberufe am Theater, um Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer und vieles mehr. Das Fazit liefert Theresa Schopper: Das Programm wie das Engagement der Lehrerinnen und Lehrer seien „einfach eine tolle Sache“.