Krimikolumne

Monika Held: „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ Niemals vergessen

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Kein Krimi und auch kein Weihnachtsbuch: doch weil das historische Großverbrechen und der Heilige Abend gewichtige Rollen spielen, blickt Killer & Co. zum Fest einmal über die literarischen Genregrenzen hinweg.

Auschwitz nach der Befreiung Foto: Bundesarchiv
Auschwitz nach der Befreiung Foto: Bundesarchiv

Stuttgart - Dieses Buch ist in dem Sinn kein Weihnachtsbuch. Aber es endet mit einer denkwürdigen Laienpredigt im Heiligabend-Gottesdienst. Dieses Buch ist in dem Sinn auch kein Krimi. Aber es geht um das Großverbrechen der Menschheit, den Holocaust, und ein bisschen um dessen juristische Aufarbeitung. Und dieses Buch – „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ von Monika Held – ist für mich das Buch des Jahres.

Die Schriftstellerin Monika Held erzählt in ihrem Roman die Geschichte des KZ-Überlebenden Heiner Rosseck, der Anfang der 60er Jahre als Zeuge beim Frankfurter Auschwitz-Prozess aussagt. Das Grauen der Vergangenheit und die technokratische Perfidie des Justizwesens sind zu viel für ihn: er erleidet einen Schwächeanfall, bei dem ihm die Übersetzerin Lena zur Seite steht. „Servus“, sagt er noch, ehe er ohnmächtig wird.

Ja, Servus. Rosseck stammt aus Wien, der lakonische Ton gehört zu seinem Ich. Lena verliebt sich in diesen Mann, die beiden heiraten und er nimmt sie mit auf eine Tour de force in seine Vergangenheit, hin zu den Toten und zu den Überlebenden. Weit spannt die Autorin den Bogen von der Nazizeit über den Auschwitz-Prozess bis hin zum unter Kriegsrecht stehenden Polen der 80er Jahre, in das die beiden auf der Suche nach dem Auschwitz ihrer Gegenwart reisen – für Heiner eine Reise in die Heimat.

Monika Helds Buch, das so unaufgeregt, so gänzlich ohne Larmoyanz daherkommt, lebt von seiner klaren Sprache. Es lebt von dem sorgsam austarierten Gegensatz zwischen der privaten Liebesgeschichte und dem historischen Grauen. Und es lebt von KZ-Schilderungen, wie sie abgründiger, verstörender kaum sein könnten. Dabei tappt die Autorin nie, zu keinem Zeitpunkt, in die Falle, in die zum Beispiel ihr Kollege Jonathan Littell mit seinen „Wohlgesinnten“ gegangen ist: „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ ist eben kein SS-Porno. Sondern – um lieber einen Vergleich mit dem bekanntesten Gedicht von Paul Celan zu ziehen – eine Todesfuge in Prosaform.

Margarete Mitscherlich schreibt in ihrem Nachwort zum Buch: „Unsere gottverdammte Pflicht nach Auschwitz ist, das niemals zu vergessen. Es bleibt ein ewiges Thema.“ Ein Dank an Autorinnen wie Monika Held, die dieses Thema literarisch so umsetzen.

Monika Held: „Der Schrecken verliert sich vor Ort“. Eichborn Verlag, Köln. Hardcover, 270 Seiten, 19,99 Euro. Auch als E-Book, 15,99 Euro.

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