Krimikolumne

Monika Held: „Trümmergöre“ Dunkle Familiengeheimnisse

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Nach ihrem Auschwitz-Roman „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ hat Monika Held ein weiteres Thema mit historischem Bezug gewählt: Ihre „Trümmergöre“ spielt im zerbombten Hamburg der Nachkriegszeit. Es folgt nicht streng einem Krimimuster, produziert aber Krimispannung.

Monika Held nähert sich ihren Figuren mit viel Empathie – und ohne jeden Kitsch. Foto: Olivier Favre
Monika Held nähert sich ihren Figuren mit viel Empathie – und ohne jeden Kitsch. Foto: Olivier Favre

Stuttgart - Monika Held hat eines der grausigsten, verstörendsten Bücher geschrieben, das man sich vorstellen kann. Nicht, weil sie die Nerven ihrer Leser kitzeln wollte, sondern weil sie es aus künstlerischen und historischen Gründen musste: Ihr 2013 erschienener Roman „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ schildert ohne falsches Pathos die Geschichte eines Auschwitz-Überlebenden. Und auch ihren neuestes Werk hat die Autorin in einen größeren dramatischen, wenn auch lange nicht so gewaltsamen Kontext gestellt: Ihre „Trümmergöre“ spielt im Hamburg der Nachkriegszeit, die Hauptperson ist das Mädchen Jula, eine Halbwaise, die bei ihrer Großmutter aufwächst, weil der Vater im diplomatischen Dienst ist und sich nicht um sie kümmern kann.

Vom Kiez ins großbürgerliche Leben

Die beiden teilen sich die Wohnung mit Julas Onkel Hans, der mit seiner Mutter keinerlei Kontakt hat, ins Rotlicht-Milieu hingegen gute Beziehungen pflegt und vom Autohandel lebt. Jula wächst zwischen den beiden auf, nach bürgerlichen Maßstäben gesehen mehr schlecht als recht. Dafür genießt sie die Freiheiten, die eine Kindheit zwischen Trümmern, Halbweltlern und „Flittchen“ (so auch ihr Berufswunsch) mit sich bringt. Das ändert sich erst, als ihr Vater nach acht Jahren zurückkehrt und die mittlerweile Zwölfjährige in sein großbürgerliches Leben holt. Sie kommt auf die höhere Schule, lernt gesellschaftliche Umgangsformen, lebt in einer Villa.

Doch die wahren Umbrüche in ihrem Leben bringt weniger dieser Wechsel vom Kiezkind zur jungen Dame mit sich, sondern die Geheimnisse ihrer Familie. Weshalb gehen sich ihre Großmutter und ihr Onkel so konsequent aus dem Weg? Welche dunklen Geheimnisse teilen sie – und sind sie überhaupt einer Meinung darüber? Und ist Julas Vater überhaupt ihr Vater?

Nie rührselig, nie kitschig

Das alles fächert Monika Held in einer traumwandlerisch sicheren Sprache auf. Wie schon ihr Auschwitz-Roman lebt auch dieses Buch nicht zuletzt von den Neben- und den Zwischentönen, den kleinen Beobachtungen und zeitgeschichtlichen Einordnungen. Und wie in „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ schafft sie mit viel Empathie eine anrührende Nähe zu den handelnden Personen, ohne jemals rührselig oder gar kitschig zu werden.

Monika Held: „Trümmergöre“. Roman. Eichborn Verlag, Köln. 240 Seiten, 19,99 Euro. Auch als E-Book, 15,99 Euro.

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