Jochen Gugel ist kein Hellseher. Dennoch setzt der Technische Betriebsleiter des Göppinger Eigenbetriebs Stadtentwässerung (SEG) auf ein Orakel. Das Abwasser-Orakel. Dahinter verbirgt sich ein Frühwarnsystem, das den Verlauf der Corona-Pandemie vorhersagen kann und deutlich schneller ist als herkömmliche Tests. Seit 7. Februar wird das Abwasser in der Kläranlage regelmäßig auf Reste von Coronaviren überprüft – eine Methode, die in einigen Ländern längst üblich ist, in Deutschland aber noch Neuland. „Im Prinzip ist das, was wir machen, ein PCR-Test fürs Abwasser“, sagt Gugel.
Just im Februar startete in Deutschland ein Pilotprojekt zur Abwasseruntersuchung, für das sich Kommunen bewerben konnten. 20 wurden ausgewählt und bekommen nun Fördergeld von der EU. Hier ist Göppingen allerdings nicht dabei. „Wir haben es zu spät mitbekommen, aber wir machen im Prinzip das Gleiche“, sagt Gugel. Für ihn ist es eine „wunderbare Möglichkeit“, den Verlauf der Pandemie vorherzusagen, auch wenn sich die Zahlen derzeit auf niedrigem Niveau bewegen. „Wir bezahlen es jetzt eben aus eigener Tasche.“
Das Gesundheitsamt hat bisher wenig Interesse gezeigt
Doch die Kosten sind überschaubar. „Wir zahlen pro Analyse im Labor rund 250 Euro“, sagt Gugel. „Wir fahren den Aufwand jetzt zurück auf einmal pro Woche.“ Das reiche vorläufig aus, um eine Tendenz bei den Infektionszahlen zu sehen. „Das ist es uns wert, um die Gesundheitsbehörden zu unterstützen“, sagt der Chef der Kläranlage. Er bedauert jedoch: „Großes Interesse gab es im Landratsamt bisher nicht.“ Dort ist das für die Pandemiebekämpfung zuständige Gesundheitsamt angesiedelt.
Der Aufwand vor Ort in der Kläranlage ist nicht allzu groß, erläutert Gugel. „Wir nehmen die Proben im Zulauf, das machen wir ohnehin für unsere eigene Analyse des Wassers.“ Per Bote geht dann ein halber Liter Abwasser an ein Labor; das Ergebnis bekommen die Klärwerker am Folgetag übermittelt.
Abwasseruntersuchung ist in Österreich und den Niederlanden üblich
Was in Deutschland noch als neue Methode gilt, ist anderswo schon lange Standard. Österreich und die Niederlande etwa haben schon vor der Pandemie das Abwasser auf Viren und andere Stoffe untersucht – so zum Beispiel auch auf Rückstände von Drogen. Auch Gugel meint: „Andere Länder sind da schon viel weiter.“ Dabei lägen die Vorteile doch auf der Hand: „Wir können die Inzidenz für unser Einzugsgebiet mehr oder weniger genau berechnen.“ Und zwar viel früher als mit herkömmlichen Methoden: „Bevor Sie selbst eine Infektion bemerken, können wir die Ansteckung schon feststellen.“ In Göppingen wird das Abwasser von 100 000 Menschen geklärt. „In Zeiten mit geringen Infektionszahlen können lokale, unentdeckte Cluster zum Ursprung einer erneuten Ausbreitung werden.
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Infektionen mit wenigen oder gar keinen Symptomen fordern dann eine erhöhte Aufmerksamkeit, um eine erneute Ausbreitung zu verhindern“, erläutert die städtische Pressesprecherin Jeanette Pachwald. Der Abwassertest könne hierzu wichtige Erkenntnisse liefern und kündige mögliche neue Wellen frühzeitig an. „Im Vergleich zu den offiziellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts stehen die Trends rund zehn Tage früher zur Verfügung.“
Monitoring wird bis zum Herbst fortgesetzt
In den aktuellen Proben sei von Mitte April an beobachtet worden, dass die Viruslast im Abwasser wieder leicht anstieg – obwohl die offiziell gemeldeten Infektionszahlen seinerzeit fielen. „Hier kann vermutet werden, dass die rückläufige Anzahl an Testungen eine Rolle spielt, während die Analysen aus dem Abwasser nach wie vor alle Infektionen im Einzugsgebiet des Klärwerk Göppingen erfassen“, sagt Pachwald. „Dieser Gesichtspunkt zeigt einmal mehr, wo die Stärken des Corona-Monitorings liegen.“
Vorläufig bis zum Herbst soll das Monitoring in der Kläranlage fortgesetzt werden. Die Ergebnisse der Messungen werden auf der Homepage der SEG unter www.goeppingen.de bereitgestellt.
Vorsprung vor dem Robert-Koch-Institut
Nachweis
Bereits kurze Zeit nach einer Infektion ist das Virus in menschlichen Ausscheidungen nachweisbar. Diese Virusfragmente (RNA-Bruchstücke) sind auch dann nachweisbar, wenn es nur asymptomatische Fälle gibt. Abwassertests sind daher vor allem dann ein gutes Frühwarnsystem, wenn die Infektionsraten niedrig sind.
Vorsprung
Es wird bundesweit davon ausgegangen, dass die Abwasserüberwachung einen etwa zehntägigen Vorsprung zu den offiziellen RKI-Meldungen hat. Erfahrungen mit anderen Viruserkrankungen, zum Beispiel Polio, haben gezeigt, dass die Überwachung des Abwassers auf Spuren eines Erregers ein effektives Monitoring ganzer Gemeinden und Städte ermöglicht.