Präriewühlmäuse gelten als sehr treue Tiere. Dennoch gibt es auch bei ihnen Seitensprünge. Allerdings vorallem bei jenen Männchen, die sich nicht an die Racheakte ihrer Konkurrenten erinnern können. Die anderen sind vorsichtiger.
Stuttgart - Eigentlich gelten Präriewühlmäuse ja als Musterbeispiel für Treue: Haben sich in den Grasländern Nordamerikas ein Weibchen und ein Männchen erst einmal gefunden, bleiben sie ein Leben lang zusammen. Die beiden allenfalls 18 Zentimeter langen und 70 Gramm schweren Nagetiere wohnen im gleichen Bau, kuscheln und liebkosen sich, so oft es eben geht, und ziehen auch den Nachwuchs gemeinsam auf. Auch gelegentliche Seitensprünge kratzen kaum am Bild dieser Familienidylle – so etwas kommt eben auch in den besten Familien vor. Wenn da nicht der recht banale Hintergrund solcher Fehltritte wäre, den Mariam Okhovat und Steve Phelps von der University of Texas in Austin gemeinsam mit ihren Kollegen im Magazin „Science“ aufdecken: Untreue Männchen haben schlicht Schwächen beim Orientieren.
Auf diesen Zusammenhang stießen die Forscher, als sie sich gleichzeitig mit den Aktivitäten und dem Innenleben der mehr oder weniger treuen Präriemäuse beschäftigten. Ihren Bund fürs Leben besiegeln die Nagetiere mit einer rekordverdächtigen Dauerkopulation, die bis zu 40 Stunden dauern kann. In dieser Zeit arbeiten auch die Drüsen auf Hochtouren, die eine Substanz namens Oxytocin ausschütten. Diesen Botenstoff kennen Biologen auch als Kuschel- oder Bindungshormon, weil er die Beziehung zwischen einem Säugling und seiner Mutter, aber auch zwischen zwei Partnern festigt. Anscheinend flutet die Dauerkopulation die Körper der Präriemäuse mit diesem Kuschelhormon, das anschließend ein Leben lang die Partnerschaft fixiert.
Zumindest sollte das in der Theorie so sein. In der Praxis aber spielen wohl noch andere Faktoren eine wichtige Rolle. Das legt zumindest der Nachwuchs nahe, von dem ein sattes Viertel nicht etwa von den kuschelnden Eltern stammt, sondern sein Leben einem Seitensprung verdankt. Um den Ursachen dieser offensichtlichen Untreue auf die Spur zu kommen, rüsteten die Forscher der University of Texas einige der Nagetiere ein paar Wochen lang mit einem kleinen Sender aus, der verrät, wo sich die jeweilige Wühlmaus gerade herumtreibt. Bei diesem Experiment kristallisierte sich rasch heraus, dass die zu Seitensprüngen neigenden Männchen deutlich weiter umherstreifen als die treuen Präriewühlmäuse.
Nicht alle merken sich schlechte Erinnerungen
Dadurch steigen natürlich auch die Chancen, in den Grasländern Nordamerikas auf einen anderen Bau und dessen Bewohner zu stoßen. Gleichzeitig wachsen so auch die Möglichkeiten für einen Seitensprung – aber auch für eine Begegnung mit einem anderen Männchen, das seine Familie mit allen Mitteln verteidigen wird. Weshalb gehen also einige der Nagetiere dieses Risiko ein, während andere ihrer Partnerin und ihrer Familie treu bleiben?
Eine Antwort auf diese Frage fanden die Forscher, als sie sich das Erbgut der Präriewühlmäuse genauer anschauten. Die treuen Nagetiere hatten erheblich mehr „V1aR“ genannte Empfangsantennen für den Nerven-Botenstoff Vasopressin genau in den Bereichen ihres Gehirns, die Erinnerungen an bestimmte Orte speichern. Genau umgekehrt ist die Situation bei den Wühlmäusen, die weiter umherstreifen und so die Chancen für einen Seitensprung steigern: Sie haben deutlich weniger Vasopressin-Rezeptoren in diesem Regionen ihres Denkorgans.
Diese Verteilung aber legt einen Zusammenhang nahe: Offensichtlich erinnern sich die treuen Präriewühlmaus-Männchen mit Hilfe der häufigen Vasopressin-Rezeptoren gut an die Stellen, an denen sie ein anderes Männchen getroffen haben – und von diesem verprügelt wurden, weil es seine Familie verteidigen wollte. Um diesem Risiko aus dem Weg zu gehen, meiden sie die gefährliche Gegend und bleiben so ihrer Partnerin treu. Die weniger treuen Männchen dagegen erinnern sich aufgrund ihrer wenigen Vasopressin-Rezeptoren einfach nicht mehr an die riskanten Orte und wandern daher relativ unbekümmert durch die Gegend. Treffen sie auf ein fremdes Weibchen, nutzen sie nach dem Motto „Gelegenheit macht Diebe“ die Chance zum Seitensprung. Begegnen sie dagegen einem Rivalen, werden sie wahrscheinlich verprügelt. Konsequenzen aber ziehen sie daraus keine, weil sie den Ort des Unheils gleich wieder vergessen. Die treuen Wühlmausmännchen bindet also nicht nur das Kuschelhormon Oxytocin an ihre Partnerin. Ihnen vergällt auch die Erinnerung an weniger schöne Begegnungen mit Rivalen weiteres Umherstreifen, bei dem sich vielleicht Gelegenheiten zum Seitensprung bieten könnten.
Monogamie ist selten
Begriff
Monogamie nennen Biologen das Verhalten zweier Partner, die ihren gemeinsamen Nachwuchs zusammen aufziehen. Seitensprünge können durchaus vorkommen. In diesem Fall zieht der Vater also auch „Kuckuckskinder“ mit auf. Die Treue zum Partner kann ein Leben lang halten, muss es aber nicht: In einer „seriellen Monogamie“ wechseln Tiere ihren Partner im Laufe des Lebens. Das tun zum Beispiel Pinguine, wenn der Partner vom Vorjahr nicht am gemeinsamen Nest auftaucht.
Tierwelt
Vögel bevorzugen die Monogamie, die bei Säugetieren eine große Ausnahme ist: Gerade einmal drei Prozent der Säugetierarten bleiben ihrem Partner treu – was gelegentliche Seitensprünge wie bei den Präriewühlmäusen und auch bei uns Menschen allerdings nicht ausschließt. In der Vogelwelt leben dagegen mehr als 90 Prozent aller Arten in einer Zweierbeziehung. Seitensprünge sind auch dort gar nicht so selten, rund jedes dritte Kohlmeisen-Männchen findet in seinem Nest Küken, die fremde Väter haben.