InterviewMontagsgespräch mit Jeffrey Döring „Qualen ertragen, um wie alle zu sein“

Von Andrea Jenewein 

Jeffrey Döring, künstlerischer Leiter des Theaterstücks „Brennender Schnee“, zeigt mit hochsensiblen Darstellern ein Stück über Hochsensibilität – und ist auch selbst hochsensibel. Was das ist und bedeutet, erklärt er im Gespräch.

Theater für alle sozialen Schichten will Jeffrey Döring machen.  Deshalb wird „Brennender Schnee“ in der Kulturinsel aufgeführt – die nicht nur auf auf dem stillen Örtchen   bunt ist. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Theater für alle sozialen Schichten will Jeffrey Döring machen. Deshalb wird „Brennender Schnee“ in der Kulturinsel aufgeführt – die nicht nur auf auf dem stillen Örtchen bunt ist. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Empfindlich oder empfindsam: Jeffrey Döring beschreibt im Interview, was hochsensible Menschen ausmacht.

Herr Döring, müssen Sie Ihre Darsteller mit Samthandschuhen anfassen?
Im Ensemble selbst sind zwei von vier Darstellern hochsensibel. Aber das geht alles sehr gut. Ich glaube, das liegt daran, dass wir alle früh angefangen haben, offen über Privates zu sprechen. Ich bin selber auch hochsensibel und habe von meinem Erleben erzählt. Dadurch vertrauen sich die Darsteller nun auch mir an, wenn ihnen etwas nicht passt. Es kommen Fragen wie: Können wir die Neonröhren bitte ausmachen? Das Licht ist so grell, dass ich mich nicht konzentrieren kann. Ich setze auf Selbstverantwortung statt auf Samthandschuhe.
Das Klischee besagt, dass Hochsensible eher empfindlich denn empfindsam sind.
Ich denke, das gehört zusammen. Es gibt Menschen, die sind hochemphatisch: Sie nehmen sehr kleine Veränderungen in der Gestik und Mimik ihrer Mitmenschen wahr, können das erst einmal nicht benennen – und empfinden es als ihre eigenen Emotionen. Dann sind sie ganz traurig, obwohl eigentlich ihr Gegenüber Grund dazu hat. Und es gibt Menschen, die sind sehr empfänglich für Sinnesreize, also etwa Geräusche und Gerüche, und sind davon leicht irritiert. Die These ist nun: Weil jemand so stark Sinnesreize wahrnimmt – also durchaus auch empfindlich ist –, nimmt er auch die Mimik und die Gestik des anderen bewusst wahr, und darum ist er so empathisch, also empfindsam.
Wie haben Sie Ihre Hochsensibilität bemerkt?
Als ich Anfang 20 war, hat eine Theaterregisseurin mich angesprochen, ob ich das Phänomen an mir wahrgenommen hätte.
Es gibt einen Test im Internet – was ist von diesem zu halten?
Ich habe den natürlich auch gemacht, man ist ja neugierig. Ich würde aber empfehlen, sich eine Beratung von einem professionellen Coach geben zu lassen – in Stuttgart gibt es ein HSP-Institut, auch viele Psychologen bieten das mittlerweile an.
Was hilft mir dieses Wissen?
Ich glaube, es kann helfen, wenn man für sich eine Kategorie findet und merkt: Ich bin nicht merkwürdig – und ich bin auch nicht allein. Aber solche Test neigen dazu zu assoziieren: Du bist besonders kreativ, oder du hast eine besondere Gabe. Dann tendiert man dazu zu sagen: Ich bin ein rohes Ei, bitte geh mal drei Schritte auf Abstand. Dann ist man nicht mehr kommunikationsfähig.
Ein Fünftel aller Menschen ist von dieser Persönlichkeitseigenschaft betroffen. Dennoch ist es noch ein Tabuthema. Warum?
Ich glaube, das hängt damit zusammen, wie die Forschung in den neunziger Jahren angefangen hat. Elaine Aron hat Tests gemacht und den Begriff Hochsensibilität eingeführt. Aber ihr letztes Kapitel endet enorm esoterisch. Sie schreibt, dass alle hochsensiblen Menschen in den Jahrhunderten zuvor Priester, Seher oder Gelehrte gewesen seien. Dabei will sie eigentlich nur sagen, dass es das Phänomen schon immer gab, man es nur anders benannt hatte. Aber dadurch bekommt das Ganze etwas Unseriöses.
Gibt es gar nichts Handfestes?
Es gibt Forschungen, dass die Gehirnareale, die das bewusste Wahrnehmen steuern, bei Hochsensiblen besonders aktiv sind. Zudem ist der Adrenalinspiegel im Blut erhöht; die Menschen sind im Dauerstress. Das sind ­Indizien, dass irgendeine Veranlagung da sein muss.
Ist Hochsensibilität ein Fluch oder eine Gabe?
Im künstlerischen Schaffen empfinde ich es als Gabe. Im Theater geht es ja auch oft um zwischenmenschliches Arbeiten. Dabei ist es sehr hilfreich. Aber nur, wenn man dem auch Raum gibt.
Ist der empfindsame und deshalb an der Welt leidende Künstler nicht auch ein Klischee?
Ich kann gut nachvollziehen, dass Leute, die sich mit Kunst beschäftigen, an der Welt verzweifeln. Im Theater etwa versuchen wir Utopien zu schaffen und merken doch, dass unsere Vorstellung, wie die Welt sein könnte, der Realität sehr fern ist. Andererseits stören mich aber die Allüren von vielen Künstlern, die sagen, ich bin der Welt enthoben, ich lebe in meinem Elfenbeinturm, ich kann mich mit dem normalen Plebs nicht auseinandersetzen. Das ist der Tod von Theater, wenn wir uns nicht mehr austauschen.
Wie halten Sie es am Leben?
Wir versuchen es eben durch die Kommunikation: Wenn wir es schaffen, uns auszutauschen und mitzuteilen mit allen möglichen Schichten, dann haben wir die Chance, die Gesellschaft zu verändern. Wir müssen wieder zu einer Form kommen, wie die Wanderbühnen der Renaissance, als man zu den Leuten gegangen ist und auch deren Themen verhandelt hat. Wir sind deshalb bewusst an einen Ort gegangen, an dem viele soziale Schichten zu Gast sind und der irgendwas zwischen Club und Seminarraum ist.
Warum wird der Undine-Stoff als Grundlage verwendet?
Als Kind hat mich das Märchen „Die kleine Seejungfrau“ immer am meisten beschäftigt. „Undine“ von Friedrich de la Motte Fouqué ist die Urform, auf der Hans-Christian Andersen seine kleine Seejungfrau aufgebaut hat. Undine geht für die Liebe in die Stadt – und scheitert daran.
Woran genau?
Sie scheitert an den sozialen Codes, sie scheitert an der Schnelligkeit, an der Lautstärke, an der Masse an Menschen. Ich merkte: So geht es mir auch. Und – um zu Andersens Märchen zurückzukommen – ich fragte mich: Hätte die kleine Seejungfrau nicht auch eine Chance gehabt, wäre sie sie selbst geblieben und so dem Prinzen begegnet? Aber sie durchtrennt sich den Fischleib mit einem Messer, sie lässt sich ihre Zunge rausschneiden. Das sind enorme Qualen, die sie in Kauf nimmt, um genauso zu sein wie alle anderen. Um dann festzustellen: Sie ist ­immer noch nicht wie alle anderen.
Wie stellt man das Thema Hochsensibilität dar – und macht es für das Publikum erlebbar?
Der Sounddesigner wird Punktmikrofone im Raum verteilen, die die normalen Geräusche, die die Zuschauer – also das normale Husten oder das Füßescharren – und Darsteller im Raum erzeugen, verstärken. Man hört also Dinge viel lauter, als sie eigentlich sind. Zudem gibt es analoge Mittel, etwa ein Duftspray, das plötzlich stark riecht. Zwei Videokünstler haben außerdem für bestimmte Szenen Projektionen entworfen, die das Gefühl, von Lichtimpulsen überfordert zu sein, noch einmal ästhetisch überhöht zeigen. Da wird der Zuschauer nicht selber geblendet, sondern man schaut sozusagen in den Kopf eines Hochsensiblen rein.
„Brennender Schnee“ von Goldstaub e. V. hat am 24. November um 19 Uhr in der Kulturinsel, Güterstraße 4, Premiere. Weitere Termine: 25. bis 27. November und 10./16./17. Dezember, jeweils um 20 Uhr. Eintritt: 15 Euro, ermäßigt 10 Euro.
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