Mordfall in Stuttgart Drama im Wohnidyll – Sohn tötet den Vater

Von Wolf-Dieter Obst 

Ein beschauliches Wohngebiet wird plötzlich Schauplatz eines Großeinsatzes der Polizei: Aufgerüstete Kräfte des Spezialeinsatzkommandos dringen in ein Reihenhaus ein – und finden einen Toten.

Für das Opfer kommt jede Hilfe zu spät: Polizisten vor dem abgesperrten Wohnhaus in Riedenberg. Foto: Wolf-Dieter Obst 7 Bilder
Für das Opfer kommt jede Hilfe zu spät: Polizisten vor dem abgesperrten Wohnhaus in Riedenberg. Foto: Wolf-Dieter Obst

Stuttgart - Vor der Terrassentür zum Garten liegen Glasscherben, dahinter im Wohnzimmer eines Reiheneckhauses suchen Kriminaltechniker auf dem Boden nach verwertbaren Spuren. Im Wilhelm-Geyer-Weg im beschaulichen Ortsteil Riedenberg hat sich am Dienstag ein tödliches Familiendrama abgespielt. Ein 27-Jähriger soll im Haus den 60-jährigen Vater umgebracht haben. Die Umstände der Bluttat sind noch unklar – vieles spricht allerdings dafür, dass eine psychische Erkrankung des Sohnes eine Rolle gespielt haben dürfte.

Das Drama nimmt am Dienstag gegen 11.50 Uhr seinen Anfang, als es in der Rettungsleitstelle von DRK und Feuerwehr klingelt. Telefonisch meldet sich ein 27-Jähriger aus Riedenberg, und was er erzählt, lässt eine Familientragödie befürchten. Die Polizei rückt sofort in das Wohnquartier aus, das bevorzugt mit Reihenhäusern oder hochwertigen Mehrfamilienhäusern mit großzügigen Vorgärten bebaut ist. „Am Haus selbst ist es aber nicht gelungen, mit dem Sohn in Kontakt zu kommen“, sagt Polizeisprecher Olef Petersen. Die Polizei geht auf Nummer sicher – und beordert ein Spezialeinsatzkommando (SEK) aus Göppingen nach Stuttgart.

Dann ist lautes Scheibenklirren zu hören

Für die Bewohner spielen sich spektakuläre Szenen ab. Ein SEK-Kommando mit Helmen und Schutzwesten bahnt sich seinen Weg zum Haus, das weiträumig von der Polizei mit weiß-roten Flatterbändern abgesperrt ist. Die Anwohner werden aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben und die Fenster geschlossen zu lassen. Gegen 14 Uhr ist lautes Scheiben­klirren zu hören: Die SEK-Einsatzkräfte dringen brachial durch die Terrassentür in das Reiheneckhaus ein. Der 27-jährige Josef M. lässt sich widerstandslos festnehmen. Für den 60-jährigen Vater indes kommt ­jede Hilfe zu spät. Er ist bereits tot. Wie er ­umgebracht wurde, darüber will die Polizei keine Angaben machen: „Das ist Täter­wissen“, sagt Polizeisprecher Petersen, „und wir stehen erst am Anfang der ­Ermittlungen.“

Ein Idyll ist zerstört – nicht nur das der Familie. Dass eine psychische Erkrankung des 27-Jährigen eine Rolle für die Tat spielt, ist für die Ermittler durchaus wahrscheinlich. Doch am Nachmittag können noch nicht alle Familienmitglieder zu den Verhältnissen befragt werden. Die Anwohner sind durchweg fassungslos. Dabei ist das Quartier längst nicht nur beschaulich: Erst in der vergangenen Woche haben im Wilhelm-Geyer-Weg schon einmal Polizisten vorbeischauen müssen. In der Nacht zum vergangenen Donnerstag haben Einbrecher die Terrassentür eines Wohnhauses aufgehebelt und aus den Räumlichkeiten Schmuck und Bargeld im Wert von 500 Euro erbeutet.

Die zweite Familientragödie im Wohnquartier

„Das ist eine sehr ruhige Wohngegend“, sagt ein 75-Jähriger, der seit zehn Jahren in diesem Viertel des Stadtbezirks Sillenbuch lebt, „aber wir sind von Einbrüchen nicht verschont.“ In seinem Umfeld waren vor etwa drei Jahren Eindringlinge zugange. Die Gegend wird von ihren Bewohnern gleichzeitig als anonym empfunden, meist leben hier Eigentümer oder Mieter, die sich einen gehobenen Standard leisten können. „Das ist hier anders als in einer Dorfgemeinschaft, in der jeder jeden kennt“, sagt ein 78-Jähriger, als er auf das betroffene Reihenhaus hinter den rot-weißen Absperrbändern der Polizei blickt. Kein Wunder, dass man sich wenig kennt. In einer reicheren Wohngegend sei jeder doch lieber eher für sich allein, sagt der Rentner.

Die Bluttat vom Wilhelm-Geyer-Weg ist nunmehr schon die zweite Familientragödieim beschaulichen Riedenberg. Der andere Tatort liegt nur 350 Meter Fußweg entfernt im Mandarinenweg: Mitte Oktober 2015 hatte ein 52-Jähriger seine 43-jährige Ehefrau und den 16-jährigen Sohn mit einer Vielzahl von Messerstichen getötet. Auch diese Tat blieb unbegreiflich. Der Familienvater brachte anschließend auch den Hund um. Sein Motiv blieb bis zum Schluss im Dunkeln. Auch vor Gericht blieb das Motiv unklar. Der Mann wurde vom Landgericht zu 15 Jahren Gefängnis wegen Totschlags verurteilt.

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