Mordprozess am Landgericht Stuttgart Mann soll aus Angst um seine Autos zur Schrotflinte gegriffen haben
Ein 42-jähriger Angeklagter soll im Dezember 2023 in Stuttgart-Rot einen Nachbarn erschossen haben. Im Gerichtssaal zeigt er Reue.
Ein 42-jähriger Angeklagter soll im Dezember 2023 in Stuttgart-Rot einen Nachbarn erschossen haben. Im Gerichtssaal zeigt er Reue.
„Ich kann mir nicht erklären, wie ich das machen konnte“, sagte ein 42-jähriger Angeklagter in Saal 6 des Landgerichts Stuttgart am Donnerstagvormittag. Dem Mann wird vorgeworfen, seinen 45 Jahre alten Nachbarn am Abend des 13. Dezember 2023 in Stuttgart-Rot mit einer abgesägten Schrotflinte aus kurzer Distanz erschossen zu haben. Das Opfer verstarb aufgrund der Schwere seiner Verletzungen noch am Tatort – vor den Augen seiner Mutter.
„Ich wollte nicht, dass er stirbt“, so der Industriemechaniker, der sich am zweiten Prozesstag bei der Familie des Getöteten „aufrichtig“ entschuldigte. „Ich bedauere die Tat zutiefst und leide unter ihr seit Monaten.“ Auslöser ist offenbar ein Nachbarschaftsstreit gewesen. Einen Tag vor dem Tötungsdelikt soll das Opfer in den Morgenstunden mit weiteren Männern im Wohngebiet an der Gundelsheimer Straße betrunken randaliert haben. Der Angeklagte habe sich daraufhin ein Messer geschnappt, damit das spätere Opfer und dessen Begleiter bedroht und gesagt, dass sie verschwinden sollen. Die Männer sollen der Aufforderung gefolgt sein. Die Fehde war damit jedoch nicht beendet. Stunden später entdeckte der Angeklagte, dass sein Motorrad umgeworfen worden war. Eine Kawasaki-Rennmaschine, die er seit 18 Jahren besitzt und ihm viel bedeuten würde.
„Am frühen Abend habe ich den 45-Jährigen dann in seiner Wohnung zur Rede gestellt. Er hat zugegeben, dass er es war. Der Schaden ist ihm aber egal gewesen.“ Als wenig später einer der Begleiter vom Vormittag auftauchte, sei die Situation eskaliert. „Sie haben mich zusammengeschlagen.“ Der 45-Jährige, ein ehemaliger Kickboxer, habe seinen linken Arm festgehalten, während der andere Mann ihm mit einer Taschenlampe mehrfach auf den Kopf gehauen haben soll. „Ich hatte Platzwunden, war blutüberströmt.“ Auf eine Anzeige habe der Angeklagte verzichtet. Und das, obwohl ihm das spätere Opfer während des Kampfs mit einem Tritt die Hand gebrochen haben soll – die Fraktur wurde erst später im Justizkrankenhaus festgestellt.
„Ich wollte, dass die Sache damit beendet ist“, sagte der 42-Jährige. „Aber am nächsten Tag lag mein Motorrad wieder auf der Seite.“ Er habe Angst bekommen, dass auch noch seine über 20 Jahre alten Autos – ein Mercedes SL, ein CL und ein Porsche 944 – beschädigt werden. „Ich war in einem Ausnahmezustand, hatte den ganzen Tag gekifft und hatte Schmerzen am Kopf und an der Hand. Am Nachmittag habe ich mir dann gedacht, ich schieß ihn an.“
Die Schrotladung traf den 45-Jährigen jedoch im Oberkörper, zerfetze die Lungenflügel und verletzte die Aorta sowie die Speiseröhre. Wo er die Waffe herhatte, ließ der Angeklagte am Landgericht unbeantwortet. Auch, weil er sie auf dem Weg zum Tatort in einer Tüte versteckt haben soll, wird ihm Mord aus Heimtücke vorgeworfen. Wegen einer seelischen Störung ist es aber möglich, dass der Mann nicht schuldfähig ist. Im Fall einer Verurteilung könnte er dauerhaft in einer Psychiatrie untergebracht werden.
Am zweiten Prozesstag sagte der Angeklagte nicht viel zu seinem Gesundheitszustand. „Ich hatte Depressionen wegen Mobbing am Arbeitsplatz“, so der 42-Jährige, der seit seinem 19. Lebensjahr quasi täglich Marihuana konsumiert haben soll. Dass ihm sein Betrieb im November 2022 nach zwei Jahrzehnten fristlos und ohne Abfindung gekündigt hat, habe nicht an ihm gelegen. „Es wurden Sachen behauptet, die ich nicht gesagt habe.“ Im Anschluss sei er bis zur Tat krankgeschrieben gewesen und habe von Krankengeld gelebt. Fortgesetzt wird der Prozess am 25. Juli.