Ein 42 Jahre alter Mann muss sich seit Freitagvormittag vor dem Landgericht Stuttgart verantworten, weil er seinen Nachbarn mit einer Schrotflinte erschossen haben soll. Das 45 Jahre alte Opfer verstarb aufgrund der Schwere seiner Verletzungen noch am Tatort, direkt vor den Augen seiner Mutter. Dem Angeklagten wird Mord aus Heimtücke und illegaler Besitz von Waffen und Munition vorgeworfen. Die Ermittler konnten Hunderte Patronen in der Wohnung und im Auto des Angeklagten sicherstellen. „Von ihm wären weitere Taten zu erwarten gewesen“, so der Staatsanwalt bei der Verlesung der Anklage. Zudem bestehen Anhaltspunkte, dass der Mann aufgrund einer seelischen Störung nicht schuldfähig sein könnte. Es ist durchaus denkbar, dass er bei einer Verurteilung dauerhaft in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht wird.
Das brutale Verbrechen ereignete sich in der Gundelsheimer Straße in Stuttgart-Rot. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hat der 42-Jährige, der offenbar unter krankhaften seelischen Störungen litt und vor der Tat Cannabis konsumiert hatte, am Abend des 13. Dezember 2023 beschlossen, den 45-Jährigen zu töten. Auslöser könnte ein Nachbarschaftsstreit gewesen sein, das Opfer soll am Tag zuvor das Motorrad des Angeklagten umgeworfen haben. Offenbar war es der Stein, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Um im Wohngebiet – auf dem Weg von seiner Wohnung zum Tatort – nicht aufzufallen, soll der Industriemechaniker die Schrotflinte, deren Schaft abgesägt war, mit einem Müllsack und Klebeband umwickelt haben. Statt an der Haustür zu klingeln, klopfte er am Balkon des 45-Jährigen, der im Hochparterre wohnte. Dass dessen Mutter die Tür aufmachte, soll den Angeklagten nicht von seinem Plan abgebracht haben. Im Gegenteil: Laut der Staatsanwaltschaft stieß er die Frau mit der Waffe zur Seite, als dann ihr Sohn im Türrahmen erschien, soll er abgedrückt haben. Der einstige Kampfsportler hatte keine Chance. Die Schüsse trafen das Opfer im Oberkörper. Unter anderem wurden die Lungenflügel zerfetzt sowie die Aorta und die Speiseröhre verletzt. Die Kugeln hatten solch eine Wucht, dass sie an der Schulter des Opfers austraten.
Verteidiger kündigt Entschuldigung an
Der Angeklagte, der unter einer langjährigen paranoiden Schizophrenie leiden soll, konnte wenige Stunden nach der Bluttat festgenommen werden. Offenbar hatte er sich bei einem befreundeten Nachbarn versteckt. Laut Staatsanwaltschaft soll er in der Vergangenheit vielfach Menschen beleidigt und ihnen mit dem Tod gedroht haben.
Weil die psychiatrische Sachverständige beim Prozessauftakt krankheitsbedingt fehlte, wurde nur die Anklage verlesen, die Einlassung des 42-Jährigen wurde auf den zweiten Verhandlungstag am Donnerstag, 4. Juli, verschoben. Sein Verteidiger Werner Haimayer kündigte in Saal 6 an, dass sein Mandant sich dann erklären wird. „Er kennt den Schmerz der Familie“, sagte der Anwalt. Er rechne aber nicht damit, dass seine Entschuldigung von den Angehörigen angenommen werde.