Mordprozess am Landgericht Stuttgart Todesangst im Oktober – ermordet im Juli

In diesem Parkhaus wurde die Tote in einem Auto liegend gefunden. Foto: 7aktuell/Adomat (Archiv)

Fadime G. wurde im Sommer 2022 getötet. Nun steht ihr Mann vor Gericht. Er soll sie erschossen haben. Am ersten Prozesstag wird die Vorgeschichte dieser Tat deutlich.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

„Er wollte mich umbringen“, das hat Fadime G. am 18. Oktober 2021 bei der Polizei zu Protokoll gegeben. Sie traute es ihm zu: „Das habe ich in seinen Augen gesehen.“ Das sind Fadimes Worte. Sie kann das nicht mehr selbst vortragen.

 

Der Vorsitzende Richter Joachim Holzhausen leiht ihr seine Stimme: Er liest aus den Vernehmungsprotokollen vor, die in den Prozessakten liegen. Er liest, wie in jener Nacht Fadime G. ihrem Mann ankündigte, sich trennen zu wollen. Wie ihr Mann sie gewürgt und geschlagen habe, als sie mit ihrer Mutter telefonieren wollte. Fadime kann nicht mehr berichten, denn ihre Befürchtung wurde wahr. Ihr Ehemann Ibrahim G. soll sie in der Nacht zum 11. Juli 2022 getötet haben: ein Schuss in die Schläfe, bei einer Autofahrt im Fahrzeug. In einem Parkhaus in Bad Cannstatt wurde die Tote gefunden. Das Paar hat zwei Kinder, zwei und acht Jahre alt.

Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen

Am Mittwoch hat der Prozess gegen den 36-jährigen Ehemann wegen Mordes begonnen. Der Mann schweigt zu den Vorwürfen. Am Tag nach der Tat soll er gesprächiger gewesen sein, berichtete ein Freund als Zeuge. „Auf Instagram und überall haben mich Leute angesprochen, ob ich gehört habe, dass er seine Frau umgebracht hat“, erzählt er. Er rief ihn an. „Ich habe bewiesen, dass sie fremdgegangen ist. Dann habe ich ihr einen Kopfschuss gegeben“, soll der 36-Jährige gesagt haben. Ibrahim G. erzählte, er sei in der Nacht nach der Tat mit dem Taxi nach Bosnien gefahren, um von dort in die Türkei zu fliegen. Er wolle Deutschland verlassen und für immer in der Türkei leben – vielleicht schon eine verklausulierte Ankündigung seiner Flucht nach dem Mord –, das hatte er dem Freund am Wochenende davor erzählt. Über den Fundort der Toten habe er die Polizei mit einem Anruf informiert. „Sie wissen schon, wer ich bin“, soll er bei der Polizei gesagt haben. Offenbar war ihm klar, dass er als Mörder in Verdacht geraten würde.

Was genau in der Ehe vorgefallen war, bis es im Juli zu dem Femizid kam, bleibt am ersten Prozesstag im Unklaren. Sie habe sich zu einem früheren Zeitpunkt dem Freund anvertraut: „Er ist psychisch krank, ich halte es nicht mehr aus“, sagt der Zeuge. Im April habe sie dann wieder freudig verkündet: „Wir sind jetzt beste Freunde und zum Tanzen.“ Er habe nicht immer Verständnis gehabt, gibt der Freund zu – für beide nicht. Wie schlimm es zwischen den Ehepartnern wirklich stand, habe er nur geahnt, sagt er und berichtet vom Drogenkonsum des Mannes. Ende Juli wollte sie zu ihrer Familie in die Niederlande ziehen.

Die Frau hatte am Tag nach der Attacke mit dem Würgegriff, bei der sie „der Ohnmacht nahe“ gewesen sei, beim Amtsgericht ein Annäherungsverbot nach dem Gewaltschutzgesetz erwirkt. Das klappte nicht. Nachstellung und Konfrontationen, Einschüchterungsversuche, ein GPS-Tracker, der ihm stets verriet, wo Fadime G. war, all das sei vorgefallen. Sie fuhr zur Polizei, weil sie Rat suchte, warum ihr Mann immer wusste, wo sie war, und dort auftauchte. Als sie den Posten verließ, rief er an: „Wie war es bei der Polizei?“ Von dort sei sie direkt zur Werkstatt gefahren, um nach dem Tracker suchen zu lassen – das hatte ihr die Polizei geraten. Kaum war sie dort, war ihr Mann da, um ihr zu sagen, sie würde den Tracker nicht finden.

Zwischendurch hat sie das Wehren auch mürbe gemacht. Auch das klang an: Einmal hatte sie eine Anzeige „auf Drängen der Familie“ zurückgezogen. Auch weil sie wollte, dass der Mann seine Kinder sehen kann. „Ich kann nicht mehr“, liest der Richter vor. Dann wieder war sie kämpferisch: „Ich möchte Angaben machen, weil ich früher schon mal den Fehler gemacht habe, nichts zu sagen.“

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