Südafrikas Paralympics-Sportstar Oscar Pistorius ist gleich zu Beginn seines Mordprozesses in die Klemme geraten: Die erste Zeugin bringt ihn mit ihrer Aussage in Bedrängnis.

Pretoria - Der Augenblick, auf den jeder gewartet hatte. Oscar Pistorius wird in den Saal GD im Erdgeschoss des Landgerichtes in Pretoria geführt. Um zu seinem Platz zu kommen, muss er direkt an der Mutter der von ihm erschossenen Reeva Steenkamp vorbei: Ein Moment, den die 69-jährige June Steenkamp lange herbeigesehnt hatte. „Ich werde mich so hinsetzen, dass er mir in die Augen sehen muss“, hatte sie am Vortag des ersten Verfahrenstags gesagt.

Doch der 27-jährige Angeklagte entgeht dem Blick der Mutter. Abgewandt bahnt er sich seinen Weg zu einer für ihn allein frei gehaltenen Holzbank in der ersten Reihe. Sein Onkel, seine Schwester und sein Bruder sitzen zwei Reihen hinter ihm, auf der linken Seite, Familie Steenkamp sitzt auf der rechten – nicht einmal Blicke werden zwischen den beiden Parteien gewechselt. Pistorius Auftritt ist ein profaner Abklatsch seiner Auftritte anlässlich der Kautionsverhandlung vor einem Jahr: Da die Horden an Fotografen und Kameraleuten dieses Mal aus dem Gerichtssaal verbannt sind, entfällt der Moment, in dem der Angeklagte zu Beginn der Verhandlung mit gesenktem Kopf das Blitzlichtgewitter über sich ergehen lässt.

Mit zittriger Hand schreibt Pistorius in einen Block

Diesmal nimmt sich der in einen grauen Anzug mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte gekleidete Angeklagte nur schnell noch ein Kissen und setzt sich umstandslos hin. Vornübergebeugt wird er die eineinhalb Stunden bis zum verspäteten Auftritt der Richterin mit etwas zittriger Hand in einen Block schreiben. An seinem Hinterkopf sind im kurz geschorenen Haar zwei helle Flecken zu erkennen – bisher nicht da gewesene Verfärbungen, die vom Stress oder von Medikamenten stammen könnten.

Reevas Mutter hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als dem Mann, der ihre Tochter tötete, und den sie niemals zuvor zu Gesicht bekam, in die Augen zu schauen. Sie wolle Pistorius weder tot noch hart bestraft sehen, sagte sie vor dem Prozess und vertraue auf das Recht und ihren Glauben. Sie wolle jedoch „für sich selbst in seinen Augen sehen, was er mit meiner Tochter gemacht hat”.

Pistorius plädierte in allen vier Teilen der Anklage für nicht schuldig

Weil es offenbar Probleme mit dem Übersetzer gab, fing der in alle Welt übertragene Prozess mehr als 90 Minuten verspätet an. Als es schließlich soweit war, trug Staatsanwalt Gerrie Nel die vierteilige Anklage gegen Pistorius vor: Neben des Mordes seiner damaligen Freundin Reeva Steenkamp wird dem beinamputierten Ausnahmesportler noch die Abgabe von Schüssen in zwei ganz anderen Zusammenhängen vorgeworfen sowie der Besitz unlizenzierter Munition. Pistorius plädierte in allen vier Teilen der Anklage für nicht schuldig. Anschließend trug die Verteidigung die Version der Ereignisse vor, wie sie sich nach Pistorius’ Angaben in der Nacht zum 14. Februar des vergangenen Jahres in seinem Haus im Silverwood Estate in Pretoria zugetragen habe.

Danach war Pistorius nachts aufgewacht, hatte ein Geräusch in seiner Toilette vernommen, war auf seinen Beinstümpfen in sein Badezimmer geeilt und hatte in Panik vier Schüsse durch die verschlossene Toilettentür abgegeben. Erst später habe er bemerkt, dass Reeva nicht etwa neben ihm im Bett schlief, sondern die Person hinter der Toilettentür war. Eine Darstellung, die Staatsanwalt Nel schon mit seiner ersten Zeugin – der ersten von insgesamt 107 Zeugen, die während des Verfahrens vernommen werden sollen – zu widerlegen suchte. Michelle Burger, Wirtschaftsdozentin an der Universität von Pretoria, rund 30 Jahre alt, mit zarter Stimme, lebt mit ihrem Mann in einem an Pistorius Wohngebiet angrenzenden Haus und will in besagter Nacht von lauten Schreien geweckt worden sein. Ihrer Darstellung nach habe eine Frau verzweifelt nach Hilfe geschrien, zwischendrin sei auch die Stimme eines ebenfalls um Hilfe rufenden Mannes zu hören gewesen. Dann vier Schüsse – danach sei es ruhig gewesen.

Die erste Zeugin findet sich im Kreuzverhör wieder

Die Angst in den Schreien der Frau sei kaum zu ertragen gewesen, so die Zeugin: „Ich habe mich noch nie in meinem Leben so hilflos gefühlt.” Die Darstellung, dass es vor dem Tod zu einem Streit gekommen sein soll, musste die Verteidigung natürlich widerlegen. Die Stunde des Star-Anwalts Barry Roux, der dem Vernehmen nach pro Tag rund 2500 Euro kostet: Er hatte bereits in der Kautionsverhandlung den damals noch ermittelnden Polizeibeamten auseinandergenommen.

Im Kreuzverhör suchte Roux Widersprüche in Michelle Burgers Aussage ausfindig zu machen: Sein aggressiver Stil ging an der Zeugin nicht spurlos vorüber. Ob es tatsächlich Schüsse und die Schreie einer Frau und eines Mannes gewesen seien, die sie aus 177 Meter Entfernung gehört haben will, wollte der Verteidiger wissen. Hätten es nicht lediglich die Schreie Pistorius’ und die Hiebe seines Baseballschlägers gewesen sein können, mit der er die Toilettentür einschlug? Er vermochte gewiss Zweifel an der Exaktheit der Aussage der Hochschullehrerin wecken – sie als Zeugin völlig unglaubwürdig zu machen, gelang dem Anwalt nicht.

Staatsanwalt Nel, der Roux in Sachen Erfahrung und Kaltblütigkeit das Wasser reichen kann, dürfte mit dem ersten Prozesstag zufrieden sein. Es werden noch mindestens 14 weitere folgen. Allerdings ohne June Steenkamp: Nachdem die Mutter des 29-jährigen Opfers dem gefallenen Sportler nicht in die Augen schauen konnte, will sie den Gerichtssaal meiden.