Moscheestreit in Leinfelden-Echterdingen Ärztehaus statt Moschee? Investor bringt neuen Vorschlag ins Spiel

So könnte laut Konzept des Ingenieurbüros Kappes ipg das Ärztehaus im Gebäude der Moschee in Leinfelden-Echterdingen aussehen. Foto: Kappes

Eine Familie aus Leinfelden-Echterdingen will den Rohbau zur medizinischen Versorgung nutzen. Doch die Stadt als Eigentümer reagiert zurückhaltend. OB Ruppaner sagt, von konkreten Plänen weiß er nichts.

In der Debatte über das Schicksal der fast fertiggebauten Moschee in Leinfelden-Echterdingen geht ein möglicher Investor mit einem Alternativvorschlag in die Offensive: Das Ehepaar Anna-Laura und Alexander Kappes aus dem Ortsteil Oberaichen möchte der Stadt das Gelände abkaufen und die Moschee in ein Ärztehaus umwandeln. Die zum türkischen Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) in Köln gehörende örtliche Moscheegemeinde VKBI war in jahrelangem Rechtsstreit mit Leinfelden-Echterdingen unterlegen. Die Stadt ist wieder Eigentümer von Gelände und Moschee-Rohbau.

 

„Wir suchen eine neue Praxis“

Anna-Laura Kappes ist Medizinerin und betreibt seit 2021 nach eigenen Angaben eine gut besuchte Hausarztpraxis in unmittelbarer Nachbarschschaft des Moscheegeländes. „Ich stoße, was meine Patientenzahl angeht, an Kapazitätsgrenzen“, sagt die 40-jährige Internistin, die zwei weitere Ärztinnen und vier Helferinnen beschäftigt. „Ich würde mich deshalb gerne vergrößern.“ Ihr Mann ist Geschäftsführer des Ingenieurbüros Kappes ipg, einem Familienunternehmen in Stuttgart-Degerloch, das deutschlandweit große Bauprojekte wie eine neue Firmenzentrale für Bosch oder den Umbau des Bundesverteidigungsministeriums umsetzt. „Wir suchen eine neue Praxis in der Nähe und bieten der Stadt an, das Gelände samt Rohbau umzunutzen“, sagt der 42-Jährige.

Der Unternehmer Alexander Kappes und seine Frau, die Hausärztin Anna-Laura Kappes, wollen in Oberaichen ein Ärztehaus bauen. Foto: Kappes

Auch wenn der Ingenieur den Zustand des seit Jahren ruhenden Moschee-Rohbaus nicht genau kennt, zeigt er sich interessiert: „Ich finde das Gebäude schön und bin immer bemüht, vorhandene Bausubstanz zu nutzen“, so Alexander Kappes. Die Pläne scheinen schon detailliert. Sein „Projekt M“ genanntes Konzept für ein Ärztehaus sieht für den dreigeschossigen Moscheebau im Untergeschoss Abstellräume vor. Im Erdgeschoss wären der Empfang und eine kleinere Praxis untergebracht, im ersten Obergeschoss eine weitere, größere Praxis, und im zweiten Obergeschoss könnte ein Physiotherapeut oder ein Facharzt unterkommen. Für die Kappes’ wäre es vorstellbar, in dem Gebäude neben der eigenen Hausarztpraxis Räume an andere niedergelassene Ärzte zu vermieten oder ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) mit angestellten Ärzten zu betreiben. „Alle Varianten sind denkbar“, sagt das Paar.

Mehrere Millionen Euro Investitionen wären notwendig

Die beiden sind sich darüber im Klaren, dass sie für den Erwerb des Moschee-Geländes samt Gebäude und den nötigen Umbauten, vor allem im Inneren, mehrere Millionen Euro investieren müssten. „Das ist machbar“, sagt der Unternehmer Kappes. Legt man den aktuellen Bodenrichtwert als Orientierung für Investoren zugrunde, würden für die beiden Grundstücke mit einer Gesamtfläche von rund 2500 Quadratmetern – ein größeres mit dem Rohbau an der Wilhelm-Haas-Straße und, südwestlich daran angrenzend, ein kleineres, auf dem der VKBI ursprünglich sein umstrittenes Schülerheim errichten wollte – rund 1,8 Millionen Euro fällig.

Nach einem Umbau im Inneren fänden drei Praxen Foto: Kappes ipg

Das Investoren-Ehepaar würde darüber gerne mit der Stadt verhandeln. Aus ihrer Sicht können die Beteiligten dabei nur gewinnen. „Meine Frau bekommt den nötigen Raum zum Wachstum ihrer Praxis, die ärztliche Versorgung in Leinfelden-Echterdingen wird verbessert. Und die Stadt hat in Zeiten knapper Kassen ein Problem weniger“, meint Kappes.

Gemeinderat hatte dem Moscheebau zugestimmt

Ganz so einfach liegen die Dinge aber nicht. Es gibt einen gültigen Gemeinderatsbeschluss vom Herbst 2019, wonach der Islamverein zwar auf das Schülerheim verzichten sollte, die Moschee aber zur Religionsausübung im Sinne des Grundgesetzes fertig bauen sollte. Dafür hatte sich stets auch der langjährige Oberbürgermeister Roland Klenk (CDU) stark gemacht.

Klenks Nachfolger Otto Ruppaner von den Freien Wählern hält sich zu den Plänen von Familie Kappes bedeckt. Auf Anfrage bestätigt er nur, dass es mit Blick auf die künftige Nutzung des Moscheegeländes „Anfragen und Angebote“ an die Stadt gebe – zur Fertigstellung der Moschee oder für gewerbliche Zwecke. „Konkrete Pläne oder Entwürfe in die eine oder andere Richtung liegen aber noch nicht vor“, sagt Ruppaner. Auch Gespräche dazu habe es noch nicht gegeben.

Die Verwaltung hatte – wie berichtet – einen Gutachter damit beauftragt, den Bauzustand der Moschee zu analysieren. Das Ergebnis steht noch aus. Auf der Basis des Gutachtens wollten „Verwaltung und Gemeinderat die weiteren Schritte beraten“ so Ruppaner. Dabei hatte er zuvor signalisiert, dass er nicht zuletzt aus Kostengründen vor einer Fertigstellung der Moschee in Eigenregie zurückschrecke.

Der VKBI wollte sich auf Nachfrage nicht zu den Plänen des Investorenpaares äußern. Aus den Reihen von SPD und Grünen im Gemeinderat meldeten sich bereits Stimmen, die dem VKBI die Religionsausübung in geeigneten Räumlichkeiten, also in der Moschee in Oberaichen, ermöglichen wollen.

Die Bürgergemeinschaft Oberaichen (BGO) begrüßt indessen die Pläne: „Wir freuen uns über die Absicht der ortsansässigen Ärztin, sich zu erweitern und zusammen mit Kollegen ein Ärztehaus zu schaffen“, meint die BGO-Chefin Katja Fellmeth. Mit Blick auf Praxisschließungen im Ort sichere das die medizinische Versorgung der Bürger.

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