Bei der Autoshow versammelt sich einmal im Jahr die automobile Fachwelt. Einst war Detroit Symbol für die Leistungsfähigkeit Amerikas, inzwischen ist die Stadt pleite. Ein Notverwalter und der Bürgermeister versuchen zu retten, was zu retten ist.

Detroit - Dem Auto verdankt Detroit seinen Aufstieg. Doch das Auto wurde ihm auch zum Verhängnis. Heute hat sich die einstige Boomtown in ein Symbol des amerikanischen Niedergangs verwandelt. Die ehemals viertgrößte Stadt der USA vegetiert inzwischen vor sich hin.

 

Der neue Bürgermeister will das ändern. Am Neujahrstag legte Mike Duggan seinen Amtseid ab. Das dauerte etwa zehn Sekunden. Nach ein paar Worten des Dankes machte sich der neue Bürgermeister von Detroit an die Arbeit. Er wollte resolut wirken. Wenig später saß Duggan auf dem Beifahrersitz eines Schneepflugs und sah sich an, ob wenigstens der Räumdienst in einer Stadt funktioniert, in der nicht mehr viel funktioniert. Es war eine bescheidene Zeremonie im Rathaus, die zu den bescheidenen Zukunftsaussichten Detroits passt. „Wir sind mittellos“, sagt die Stadträtin Sheila Cockrel: „Es gibt kein Geld. Die Straßenlaternen brennen immer noch nicht. Die Polizei kommt nicht rechtzeitig.“ Zur Bescheidenheit der Zeremonie passte gut, dass der derzeit wichtigste Mann der Stadt gar nicht erst gekommen war: Kevyn Orr, vom Gouverneur des US-Bundesstaates Michigan eingesetzter Notverwalter der Stadt.

Der Notverwalter und der Bürgermeister sollen die Stadt retten

Es ist ein bemerkenswertes Duo, das sich anschickt, das einstige Symbol für die Leistungsfähigkeit Amerikas aus der Pleite zu holen und wieder zu einer funktionsfähigen Stadt zu machen: Duggan, der erste weiße Bürgermeister seit vier Jahrzehnten, ist vom Volk gewählt, darf aber kaum etwas entscheiden. Orr, der afroamerikanische Insolvenzrechtler aus Washington, ist nicht gewählt, hat aber alle Kompetenzen. Beide Männer sind 55 Jahre alt, nicht die besten Freunde, um es vorsichtig zu formulieren – wie das mit der Zusammenarbeit zum Wohle der Stadt gehen soll, das fragen sich in diesen Tagen viele.

Es wird irgendwie gehen müssen. Denn ohne Duggan und Orr wird die Stadt nicht mehr auf die Beine kommen. Die zwei Männer sind die letzte Chance, die Detroit hat. Haben Duggan und Orr Erfolg, dann werden sich daran andere US-Städte, die kurz vor der Pleite stehen, ein Beispiel nehmen. Gelingt es Duggan und Orr nicht, die Stadt zu reanimieren, dann wird Detroit nicht die letzte US-Metropole bleiben, die im Chaos des Bankrotts versinkt.

Fast 80 000 Häuser stehen leer

Detroit stand in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts symbolisch für den amerikanischen Traum. Es ging nur aufwärts. Henry Ford begann in der Stadt vor 100 Jahren mit der Fließbandproduktion des Model-T, das liebevoll Tin Lizzy genannt wurde. Mit dem 1927 eröffneten Cadillac Tower im neogotischen Stil hatte Detroit neben Chicago und New York die höchsten Hochhäuser Amerikas. Die „Big Three“, die großen Autobauer General Motors, Ford und Chrysler, zogen Arbeitskräfte an und brachten der Stadt an der Grenze zu Kanada und ihrem Umland Wohlstand. 1950 lebten 1,8 Millionen Menschen in Detroit. Damals war Motor City quicklebendig

Heute sind es nicht mal mehr 700 000 Einwohner, die auf den 350 Quadratkilometern städtischer Fläche leben. Fast 80 000 Häuser in Detroit stehen leer. 40 Prozent der Straßenlaternen leuchten nicht mehr. Auf den Straßen häuft sich der Abfall, weil die Müllabfuhr nur sporadisch fährt. Die Feuerwehr würde kommen, wenn ihre Fahrzeuge nicht so oft kaputt wären. Detroits Industrie- und Wohnruinen haben Kultstatus bei Gästen aus aller Welt, die auf Kurzbesuch kommen, um sich zu schaudern. Die Kriminalitätsrate ist eine der höchsten in den USA, ebenso die Arbeitslosigkeit – auf hundert Einwohner kommen nur 27 Jobs.

Detroit ist das „postmoderne Tschernobyl der USA“

Wer es sich leisten kann, zieht vor die Tore der Stadt nach Livonia zum Beispiel, wo 97 Prozent der Einwohner Weiße sind. Wer es sich nicht leisten kann, muss in der Geisterstadt bleiben. Deren Einwohnerschaft besteht zu 84 Prozent aus Afroamerikanern. Der niederländische Schriftsteller Geert Mak nennt Detroit das „postmoderne Tschernobyl der Vereinigten Staaten“. In der Stadt ist es dunkel. Nur einmal pro Jahr im Januar leuchtet immer noch die Internationale Autoshow, als sei Detroit noch ein Symbol für die Mobilität der Welt.

Die Gründe für den Niedergang sind vielfältig. Jahrzehntelang prasste die städtische Verwaltung. In Detroit wurden Gehälter im öffentlichen Dienst gerne an die hohen Löhne angepasst, die Ford, GM und Chrysler zahlten. Darauf legten die mächtigen Metallergewerkschaften großen Wert. Doch die immer wiederkehrenden Krisen der Auto-Unternehmen hatten ein unregelmäßiges Steueraufkommen zur Folge. Die Belastungen für die Rentenfonds im öffentlichen Dienst stiegen dagegen immer mehr an. Misswirtschaft und Korruption gehörten zu Detroit wie früher die erfolgreichen Musiklabel. Der Ex-Bürgermeister Kwame Kilpatrick etwa muss deswegen eine Haftstrafe von 28 Jahren verbüßen. Als er im Juli vergangenen Jahres die Pleite der Stadt verkündete, sagte Michigans konservativer Gouverneur Rick Snyder: „Das hat sich über 60 Jahre angebahnt.“

Große Hilfe von US-Präsident Obama ist nicht zu erwarten

Seit Anfang Dezember ist jetzt amtlich bestätigt: ein Gericht hat der ersten amerikanischen Großstadt überhaupt ein geordnetes Insolvenzverfahren erlaubt. Detroit darf versuchen, seine Schulden in Höhe von mehr als 18 Milliarden US-Dollar abzubauen. Große Hilfe von US-Präsident Obama ist nicht zu erwarten. Selbst Washington kann sich das nicht mehr leisten.

Bürgermeister Mike Duggan hat schon als Bürgermeisterkandidat kein Hehl daraus gemacht, dass er Orr am liebsten nach Washington zurückschicken würde. Kevyn Orr, der ein Jahresgehalt von 275 000 Dollar für den Job in Detroit bezieht, sei vielleicht ein guter Insolvenzrechtler, sagte Duggan. Wie man eine Stadt mit gut 10 000 Angestellten leite, davon habe der Mann aus dem feinen Washingtoner Vorort Chevy Chase aber keine Ahnung. Orr, ein hochgewachsener, schlanker, stets perfekt gekleideter Mann, hatte seinen Kritikern in Detroit so manche Steilvorlage geliefert. In einem Interview sagte er: „Lange Zeit war die Stadt dumm, faul, glücklich und reich.“

Der Notverwalter aus Washington hat das letzte Sagen

Mittlerweile ist der Ton etwas besonnener geworden. Der Notverwalter aus der Hauptstadt hat weiter das letzte Sagen. Orr behält die Hoheit über die städtischen Finanzen und muss sich um den Schuldenabbau kümmern. Ohne Kürzung der Renten für die städtischen Bediensteten und Pensionäre wird Orrs Plan kaum aufgehen. Und vielleicht auch nicht ohne den Verkauf von kostbaren Kunstwerken. Bis zu eine Milliarde Dollar könnte erlöst werden, schätzen Experten, wenn sich Detroit von einem Teil seiner Schätze aus dem Institute of Arts trennen würde. Allein der Gedanke, dass Diego Riveras Wandmalerei oder Vincent Van Goghs Selbstporträt verscherbelt werden könnten, hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

Duggan dagegen hat es etwas einfacher. Der Mann, den seine Freunde Pit Bull nennen, weil er sich in eine Sache verbeißen kann, muss zusehen, dass wieder mehr Straßenlaternen leuchten, der Rettungsdienst schneller anrückt, der Schnee geräumt und der Müll abgefahren wird.

Man muss Optimist sein, um daran zu glauben

Duggan sagt, er wolle, dass in spätestens fünf Jahren die Einwohnerzahl der Stadt wieder steigt. Man muss Optimist sein, um daran zu glauben – oder aber Bürgermeister einer Stadt, der das Schlimmste schon geschehen ist. Der Detroiter Autor Charlie LeDuff schreibt, die Stadt erinnere ihn an Pompeji. Nur sei nicht alles mit Asche bedeckt.