Motorradrocker "Wir sind nicht die Braven"

Outlaw bis auf die Knochen Foto: Andreas Reiner
Outlaw bis auf die Knochen Foto: Andreas Reiner

Zusammen mit anderen Motorradclans stehen die Outlaws im Verdacht, Kriminelle in Lederkutten zu sein. Eine Party mit der Gang. 

Reportage: Robin Szuttor (szu)
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Ulm - Outlaws-Frauen backen mit viel Liebe. Die Gugelhupfs, Schokoladenmuffins und Erdbeerschnitten am Eingang sehen zum Anbeißen aus. Der Erlös aus dem Kuchenverkauf fließt in die Knastkasse. Die eingesperrten Brüder müssen dem Fest zwar fernbleiben, vergessen werden sie nicht. Und weil in Ulm auch welche sitzen, haben die freien Motorradrocker am Nachmittag eine Runde ums Gefängnis gedreht, gewunken und kurz mit dem Gas gespielt.

Jetzt ist Abend, und 800 Outlaws mit ihren Bräuten sowie einige Kerls und Girls, die es werden möchten, sind im Ulmer Roxy. Am Einlass stehen Kraftpakete, die ein Stahlrohr mit bloßen Händen zum Easy-Rider-Lenker biegen könnten. Rein kommt nur, wer die Totenkopfkutte trägt oder auf der Gästeliste steht. Die wird schärfer kontrolliert als beim G-8-Gipfel, denn man hat hier "absolut keinen Bock auf Zivilbullen".

Charlie heißt der Knochenmann im Outlaw-Wappen

Drinnen herrscht ein Gedränge wie im Schwabenbräu-Wasenzelt. Die Hardrockband in der Roxy-Halle spielt extra laut. Vielleicht, weil sie gerade zum ersten Mal erlebt, wie es ist, vor null Zuschauern aufzutreten und als reine Jukebox zu dienen. Die Outlaws schieben sich lieber durch die Gänge, drücken zur Theke hin, lassen sich tätowieren oder belagern den Bierwagen auf der Terrasse. Kein Bock auf Konzert. Wo trifft man schon mal so viele Brüder auf einmal? Beim Jubiläum "10 Jahre Outlaws Germany".

Später sind noch ein paar Ehrungen geplant: Wer von Anfang an dabei ist, bekommt einen Charlie in Silber zum Anstecken. Charlie, so heißt der glutäugige Knochenmann im Outlaw-Wappen. Um Mitternacht sollte eigentlich noch ein großes Feuerwerk hochgehen, aber man konnte keine amtliche Genehmigung erkämpfen. "Die Stadt mag uns nicht", sagt "Rocker". "Rocker" ist über und über tätowiert, Deutschlandchef und Gastgeber der Feier. Neben ihm: Udo. Seit er sich ein Magenband implantieren ließ, hat er 110 Kilo abgenommen. Jetzt ist er bei 115. Udo redet nicht viel. Aber wenn er was sagt, sind die anderen still.


Udo und "Rocker" sind zusammen in den Kindergarten gegangen, vor 40 Jahren auf der Schwäbischen Alb. Später besuchten sie zusammen die Schule, wohnten auch mal zusammen, schlossen sich zusammen den Outlaws an. Vor einiger Zeit saßen sie zusammen in Stammheim, nach viereinhalb Monaten Untersuchungshaft wurden sie wieder zusammen in die Freiheit entlassen - "als nicht schuldig", wie sie betonen.

Weil der Europapräsident aus Wales kurzzeitig verhindert ist und im Knast sitzt, mussten die 15 Länderbosse vergangenes Jahr einen Ersatz wählen, laut Satzung einstimmig. Udo ist jetzt das Oberhaupt von mehr als 2000 Outlaws in ganz Europa. Sein Programm: expandieren und die Philosophie weitergeben - "Brotherhood and Motorcycle and no other Shit", wie schon die Urväter sagten.

Beim BKA gelten Rockerkriminelle als Schwerverbrecher

Die Outlaws wurden 1935 in einem Vorort von Chicago gegründet. Der deutsche Zweig geht auf die 1973 im fränkischen Kitzingen gegründeten Ghost Riders zurück, die sich 2001 den Outlaws anschlossen. Die Gang zählt sich zu den 1%er, das Zeichen ist Pflicht auf jeder Kutte. Nachdem es im Juli 47 beim Motorradtreffen in Hollister, Kalifornien, zu gewalttätigen Krawallen gekommen war, soll der amerikanische Motorradverband erklärt haben, 99 Prozent der Biker hätten sich anständig verhalten, lediglich ein Prozent habe randaliert. In dieser Tradition sehen sich 1%er-Gangs. "Wir halten uns an die Gesetze, aber unsere Freiheit ist uns wichtiger als ein bürgerliches Leben", sagt "Rocker", Mechaniker von Beruf.

Heino Vahldieck findet weniger romantische Worte. Die deutsche Rockerszene werde maßgeblich durch die international organisierten kriminellen Rockergruppen Hells Angels, Bandidos, Outlaws und Gremium geprägt, sagte der Innensenator von Hamburg bei der Herbsttagung des Bundeskriminalamts 2010. "Wenn wir von Rockerkriminalität reden, meinen wir Schwerverbrecher, die vor brutalster Gewalt nicht zurückschrecken." Die Gangs seien eher unpolitisch, ihre Hauptbetätigungsfelder Schutzgelderpressung, Rauschgift-, Menschen- und Waffenhandel. "Der Staat darf nicht zusehen, wie diese Gruppen das Land unter sich aufteilen, als wäre es ihres."


"Ich weiß, dass die uns im Visier haben, doch wir sind kein Mafiaclub", sagt "Rocker". Neulich hatten er und Udo ein Mietauto - "das war von vorne bis hinten verwanzt." Ihre Handys würden auch abgehört - "sollen die ruhig". Nur weil es in der Szene einige schwarze Schafe gebe, müsse der Rest ja nicht auch so sein, sagt "Rocker". "Wären wir eine kriminelle Organisation, wären wir nicht mehr in Freiheit." Vielleicht sei die Hemmschwelle für Gewalt bei Outlaws geringer als bei Normalbürgern - "wir sind sicher nicht die Braven, aber bei uns ist nicht das unterste kriminelle Pack".

Die Sache mit dem Mann aus Filderstadt, der ein kleines Mädchen belästigt haben soll und dafür vor ein paar Wochen von drei Outlaws mit Quarzhandschuhen und Axtstielen ganz übel zugerichtet wurde? "Wir wissen davon, angeordnet haben wir's nicht", sagt "Rocker". Prostitution? "Wir haben keine Zeit, um auf irgendwelche Weiber aufzupassen." Waffen? "Wir sind froh, wenn wir ohne Gewalt auskommen", sagt Olli, IT-Manager bei einer Versicherung und europäischer Sicherheitschef bei den Outlaws. Drogen? "Du wirst in keinem unserer Chapter einen finden, der irgendwas mit Drogen zu tun hat", sagt Olli.

Die Outlaws geben unterschiedlichsten Typen ein Zuhause

Wer darf Mitglied werden? "Keine Frauen, keine Polizisten." Schwule will man auch nicht dabei haben. Dunkelhäutige soll es ein paar Vereinzelte geben. Aber nur in Europa. Trotzdem ist die Schar der Outlaws und ihrer Gäste ein ungleicher und skurriler Haufen. Ein serbischer Outlaw hat sich Mama in den Nacken tätowieren lassen. Ein Gothic-Mädchen, weißwangig wie Schneewittchen, sitzt einsam abseits. Der ergraute Outlaw in Paul-Breitner-Optik tuckerte in den sechziger Jahren wahrscheinlich mit Uschi Obermaier über die Berliner Stadt-Highways. Ein Outlaw aus Spanien trägt eine schwarze Haartolle und schwarz-weiße Glänzstiefel. Eine Frau mit Türkisschmuck ginge ohne Lederkluft auch als Grundschullehrerin durch, die blonde Granate mit Afromähne und High Heels sieht hingegen gar nicht nach Pädagogin aus. Der polnische Outlaw mit der Statur eines Grizzlys hat für seine Kutte gut und gerne zehn Meter Glattleder verarbeitet. Eine junge Frau präsentiert ihre barocken Körperformen in einem weit aufgeknöpften Baumwolltop und Leopardenleggings.

Unterdessen unterhält sich am Eingang ein Hippietyp mit Zottelhaaren und geflochtenem Langbart mit einem Glatzkopf, der verdammt nach rechter Szene aussieht. Die Outlawfamilie gibt beiden ein Zuhause. "Macht mol a anders Gsicht, ihr müsst aus eich rausgeha", meint eine Frau im Indianerlook. An der Theke zieht die Doppelgängerin von Brigitte Nielsen mit wadenhohen Stiefeln und Minirock überm tätowierten Schenkel ihre Kreise. Daneben ein internationales Trio: ein norwegischer Outlaw mit enger Jeans nach René-Weller-Art, ein englischer Outlaw mit tonnenschweren Ketten um den Hals, ein italienischer Outlaw, tätowiert bis in die Augenwinkel.


"Du kannst überall hin auf der Welt verreisen, am Flughafen wirst du von deinen Brüdern empfangen", sagt "Rocker". Ehrensache, dass man seinen Gästen Unterkunft und Verpflegung zahlt, Outlaws touren immer Vollpension. Selbst als "Rocker" und Udo neulich nach Tasmanien schipperten, warteten am Kai schon ein paar Männer im Zeichen der gekreuzten Kolben mit ihren gepflegten Zweirädern. "Verlässlichkeit" und "Ehrlichkeit" seien die Grundpfeiler. "Wir sind zu jeder Tages- und Nachtzeit füreinander da", sagt "Rocker" und begrüßt einen braun gebrannten Hünen mit schneeweißem Bart, tadelloser, dunkler Jeans und Bandidos-Schriftzug. "Ein Anstandsbesuch", erklärt der Chef. Hells Angels tauchen keine auf. Angels und Outlaws, das funktioniert nicht.

Ganz Kaiserslautern glich im Mai 2010 einem Hochsicherheitstrakt: Grund war der Prozess gegen zwei Hells Angels, die im Verdacht standen, einen Outlaw mit sieben Messerstichen umgebracht zu haben. Sie wurden wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. Vor wenigen Wochen fand man die Leichen von drei erschossenen Outlaws in einem Kanal nahe der belgischen Stadt Genk. Die Polizei hat zwei Männer festgenommen, die in Verbindung mit den Hells Angels stehen sollen. "Wir wissen, wer unser Feind ist, wir müssen jetzt nicht reagieren", sagt Udo.

Zur Outlaw-Taufe gehört ein fieser Cocktail

"Wir nehmen die Rockerkriminalität sehr ernst, in Baden-Württemberg haben wir mit mehr als 800 Mitgliedern die größte Dichte in Deutschland", sagt Sigurd Jäger vom Landeskriminalamt. Landesweit bestimmten drei Gangs die Szene: Gremium, Hells Angels, Outlaws. Man wisse, dass sich Mitglieder im Dunstkreis der Bordell- und Drogenszene bewegten, "doch bisher ist uns der Nachweis von organisierter Kriminalität nicht gelungen", sagt Jäger. Was auch daran liege, dass sich die Gruppen extrem abschotten. "Es gibt keinerlei Kooperation mit dem Staat, selbst wenn einer schwer verletzt im Krankenhaus landet, war's ein Gartenunfall." Verdeckte Ermittler einzuschleusen, sei nahezu unmöglich.

Outlaw zu werden, ist ein langer Weg. Man beginnt als "Hangaround" ohne Rechte, ohne Pflichten. Nach einem Jahr wird man "Prospect" ohne Rechte, aber mit Pflichten wie Toiletten- und Thekendienst. Wer dazu passt, kann sich frühestens nach einem Jahr die Charlie-Kutte überstreifen. Outlaws-Taufen haben es in sich: in Biberach gehört dazu ein Cocktail aus Jacky, Tabasco und Sauenblut. Aber jedes Chapter hat da so seine eigenen Gemeinheiten.


"Outlaw sein, das ist was für bodenständige und a bissle rüpelhafte Männer, die das Gefühl haben, ihnen fehlt was", sagt Andy, 28, vom Biberacher Chapter. Zweimal im Monat trifft man sich im Clubheim. Oder man ruft sich spontan zusammen: "Kommsch und bringsch 20 Steaks mit?" Kriminelles sei nichts für ihn, sagt Andy, Schlosser von Beruf. "Ich würd mir nie vorschreiben lassen, meinen Job hinzuschmeißen, um mein Geld mit Frauen zu verdienen, ich bin Outlaw."

An diesem Samstag hat die bayerische und baden-württembergische Polizei mit einem Großaufgebot auf die Invasion in Ulm geantwortet: Schon an der Autobahnabfahrt gab es die ersten Kontrollen. Bilanz: sieben Verstöße gegen das Waffengesetz, ein Motorrad wurde komplett aus dem Verkehr gezogen. "Wir zeigen den Rockerclubs, dass es den Staat gibt, und dass wir keinen Staat im Staat zulassen", sagt Sigurd Jäger vom Landeskriminalamt. Neben den strafrechtlichen Ermittlungen verfolge man eine Strategie der permanenten Nadelstiche, etwa durch genaue technische Überprüfungen der Bikes.

Zum Jubiläumsfest in Ulm sind viele Outlaws mit dem Auto angereist. Vor dem Roxy, wo in dieser Nacht etwa hundert dunkle Harleys stehen, wird fachgesimpelt: "Am beschda abflexa ond dann oschwoißa". Drinnen, an der überfüllten Whiskytheke, geht's um Grundsätzliches: "Bei mir hat so einer genau zwei Optionen: weggehen oder eine auf die Schnauze." Und auf der kleinen Bühne beginnt jetzt bald die Show mit den gebuchten Stripperinnen und den nassen T-Shirts. Aber das ist dann schon Klischee.

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