Motorradtour in Stuttgart Biker treffen auf MS-Patienten

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Nicht immer sind Biker knallharte Typen. Zumindest am Samstag in Stuttgart-Heslach haben sie ihre weiche Seite offenbart. Rund 80 Motorradfahrer haben mit schwer erkrankten Menschen eine Rundfahrt durch Stuttgart unternommen.

Am Generationenhaus in Heslach beginnt die ungewöhnliche Tour. Foto: Lichtgut/ Rettig 9 Bilder
Am Generationenhaus in Heslach beginnt die ungewöhnliche Tour. Foto: Lichtgut/ Rettig

Stuttgart - Eigentlich wollte Hans-Christian Vaßholz (48) gar nicht mitfahren. So ganz geheuer sind ihm Motorräder nämlich nicht. Aber dann kam die Liebe dazwischen: Seit sieben Wochen hat er eine Partnerin im Pflegezentrum Leben & Wohnen im Generationenhaus Heslach. Beide sind an multipler Sklerose (MS) erkrankt – doch seine Freundin ist etwas mutiger als er. „Sie hat mich überredet mitzufahren und jetzt bin ich ziemlich aufgeregt“, sagt Hans-Christian Vaßholz, kann aber nicht aufhören zu grinsen. Zum sechsten Mal haben am Samstag Biker mit schwer kranken Menschen aus dem Generationenhaus eine Rundfahrt unternommen.

„Dieses Jahr sind 30 Gespanne und 50 Einzelfahrer dabei“, sagt der Einrichtungsleiter Andreas Wagner. „Es werden von Jahr zu Jahr mehr.“ Gemeinsam mit Elke Münch, einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin im Generationenhaus und Harley-Fahrerin, hat Wagner damals die Idee für die Tour entwickelt. „Mittlerweile sind viele persönliche Beziehungen zwischen den Bikern und den Bewohnern entstanden.“

Teilweise sind sechs Pflegekräfte nötig

Rund 50 Minuten dauert die Fahrt durch den Stuttgarter Süden und Westen, an der Solitude vorbei und durch das Feuerbacher Tal. „Ich fahre sehr defensiv und passe gut auf meine Mitfahrerin auf. Es geht mir einzig darum, dass sie Spaß hat“, sagt die Motorradfahrerin Claudia Göbbel, die von Anfang an dabei war. „Ich finde das eine wichtige Aktion, da diese Menschen in der Gesellschaft keine Lobby haben. Die Tour bringt die Bevölkerung zusammen.“

So ganz ohne ist die Organisation für die ungewöhnliche Ausfahrt aber nicht: Teilweise sind bis zu sechs Pfleger nötig, um die Menschen vom Rollstuhl in den Beiwagen der Motorräder zu hieven. Wer seinen Kopf nicht mehr selbst halten kann, bei dem fährt ein Pfleger mit. „Es sind heute viele Pflegekräfte da, die eigentlich keinen Dienst haben. Die machen das alle freiwillig, um den Menschen eine Freude zu bereiten“, sagt Andreas Weber. Dafür geschehen teilweise auch kleine Wunder bei dem Ausflug mit den Bikern: „Menschen, die im Alltag nicht einmal ihr Trinkglas halten können, kommen zurück mit in die Luft gestreckten Armen“, sagt Weber. Und das ist den Aufwand wert.

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