Motorradtreffen bei Leonberg Glemseck 101: Wo der Asphalt bebt und Reifen qualmen
Zum 18. Mal sind Motorrad-Fans aus aller Welt zum Glemseck 101 gepilgert. Da geht es um PS, heiße Öfen – aber auch Soziales und die Gemeinschaft der Biker.
Zum 18. Mal sind Motorrad-Fans aus aller Welt zum Glemseck 101 gepilgert. Da geht es um PS, heiße Öfen – aber auch Soziales und die Gemeinschaft der Biker.
An der Startlinie der Achtelmeile steigt dichter Qualm empor, als die nächsten Kandidaten sich mit ihren Maschinen zum 200-Meter-Sprint bereit machen: Auf einer Metallplatte werden die Reifen mit heulendem Motor heißgefahren, damit sie auf der Straße den optimalen Grip haben. Es kommt bei diesem Rennen aufs Detail an: der heiße Reifen, die stählernen Nerven der Fahrer, und die beste Reaktionszeit, wenn das „Flag Girl“ die karierte Flagge schwenkt und damit das „Go“ für das Rennen gibt.
Und dann geht es schon los: Die Trillerpfeife ertönt, die Helfer verschwinden aus dem Startbereich, das „Flag Girl“ schaut den beiden Fahrern tief in die Augen, die Flagge weht – und ab geht’s. Auf der Achtelmeile, umgerechnet eben jene 201 Meter, geht jedes Rennen so schnell vorbei, dass es am Zuschauer nachgerade vorbeifliegt. Auf der Tribüne schwenken die Köpfe der Zuschauer eilig von rechts nach links, und schon wird auf der Ziellinie per Flagge angezeigt, wer das Duell für sich entschieden hat.
Für das Glemseck 101, inzwischen eines der größten Motorradtreffen Europas, sind die Sprints auf der Achtelmeile das Herzstück. Wer sich zum Gelände am Rande von Leonberg bewegt, hört die heulenden Motoren schon von Weitem, riecht bald den vielversprechenden Duft von Motoröl und Abgasen. Die Veranstaltung ist Szenetreff, Open Air Party und Tüftlertraum in einem – viele besondere Modelle gibt es hier zu bestaunen, ebenso das ein oder andere ungewöhnliche Accessoire. Viele der Zehntausenden Besuchern sind dem Glemseck 101 schon seit Jahren treu, treffen hier Freunde, feiern die Gemeinschaft – und ihre heißen Öfen.
Einer, der dem Glemseck 101 schon länger treu, dieses Jahr aber zumindest in hochoffizieller Rolle das letzte Mal dabei ist, ist der Leonberger Oberbürgermeister Martin Georg Cohn. Wie immer fährt er das Eröffnungsrennen auf der Achtelmeile, sein Gefährt ist eine Indian Bagger, 285 Kilo schwer. „Das ist schon eine besondere Herausforderung, ein Motorrad zu fahren, dass so aggressiv am Gas ist“, sagt der OB.
Obwohl es sein letztes Mal als Oberbürgermeister ist – bei der Wahl im Herbst tritt er nicht wieder an – fühle sich das Glemseck 101 „vertraut“ an. Beim Rennen siegt sein Opponent, der Motorrad-Champion Axel Süß – macht aber nichts, dabei sein ist alles. Auch der Landrat Roland Bernhard muss beim Rennen einstecken, präsentiert aber trotzdem lässig die Royal Enfield, die zugunsten des Seehauses verlost wird.
Und anderswo auf dem Gelände? Entlang der gesperrten Landesstraßen haben die Gäste zu hundertfach ihre Motorräder abgestellt, die besonders schmucken Stücke werden gerne bestaunt. Ebenso beeindruckend schimmert die bronzefarbene Maschine des Ausstellers Siggnature Bikes, einer kleinen Schweizer Firma für Custom Mofas, in der Sonne. Praktikant Patch, mit Tüftlerbrille auf der Stirn, erzählt begeistert von der vielen Arbeit, die hier reingesteckt wurde: 300 Arbeitsstunden, aufwendige Folierung, mit 24 Karat Gold überzogene Schrauben, handgemachter Rahmen, Ledersitz mit Siggnature-Logo. Ob die zum Verkauf steht? „Wenn jemand den Preis zahlen würde“, sagt Patch. Mit 75 000 Euro sei die Maschine gut bezahlt. Vor allem soll das Schmuckstück aber zeigen: Die kleine Manufaktur will jeden Kundenwunsch erfüllen.
Auf der Händlermeile ist der Andrang inzwischen groß, geduldig wird aber trotzdem immer wieder den durchrollenden Motorrädern Platz gemacht. In der Masse tauchen derweil auch immer wieder rosa Hasen auf: Nico Drzymala und Yvonne Hofmann zum Beispiel. Sie gehören mit ihren rosafarbenen Hasen-Onesies, den Einteilern, unverwechselbar zur Streetbunnycrew, die auf dem Glemseck 101 die Helmgarderobe schmeißt, alle Erlöse gehen, wie bei jeder Aktion der Crew, an soziale Zwecke. „Ich bin beruflich auch sozial unterwegs“, sagt Yvonne. Da sei der Sprung nicht weit gewesen.
Nico hat die Bunnys einst auf dem Glemseck 101 entdeckt, sich prompt angeschlossen: „Ich will Motorrad fahren, aber auch was Sinnstiftendes machen“, berichtet er. „Bei uns ist es egal, was für ein Motorrad du fährst.“ Er gebe aber auch Regeln, sagt er, hält eine leere Apfelschorleflasche hoch. „Kein Alkohol“, ergänzt Yvonne. „Besoffene Bunnys sind nicht witzig.“
Wer hier und da mit Besuchern spricht, bemerkt schnell: Klar geht es um heiße Maschinen und viele PS. Aber nicht nur. Verbundenheit, Zusammenkommen, Spaß haben, das zählt auch. Markus aus Sindelfingen macht es vor: Er hat es sich am Rande der Händlermeile mit einem Becher Bier im Liegestuhl bequem gemacht. Seine Crew hat schon den Smoker angeworfen, dessen Inhalt bald fertig ist – in zwei Stunden solle man nochmal vorbeikommen, lädt er ein. „Megageil“ sei es beim Glemseck, sagt er, und betont: „Die Gemeinschaft zählt. Hier steht jeder für jeden ein.“