Motorsport Parcours Racing ist echte Maßarbeit
Der AMC Mittlerer Neckar ist Deutschlands erfolgreichster Club im Parcours Racing. Der Motorsport für den kleinen Geldbeutel hat aber Nachwuchssorgen.
Der AMC Mittlerer Neckar ist Deutschlands erfolgreichster Club im Parcours Racing. Der Motorsport für den kleinen Geldbeutel hat aber Nachwuchssorgen.
Es geht um Zentimeter. Jule Filipowski streckt den Kopf aus dem Seitenfenster und versucht, den Golf I GTI, Baujahr 1983, so nah wie möglich an den Holzklötzchen zum Stehen zu bringen. Eines fällt trotzdem um: „Macht nichts, versuchen wir es halt noch einmal“, sagt Jutta Karls, die von außen unterstützt. Die 65-Jährige ist in diesem Sport nicht irgendwer – sie gehört zusammen mit ihrem Ehemann Klaus Oswald, dessen Bruder Rolf sowie Marcel Drewes zu den Erfolgreichsten in Deutschland im Parcour Racing. Alle vier starten für den AMC Mittlerer Neckar, das Esslinger Fahrerteam hat praktisch fast schon ein Dauerabonnement auf den deutschen Meistertitel. Trotz der großen Erfolge machen sich die Esslinger Motorsportler Sorgen um ihre Zukunft: „Es fehlt an Nachwuchs“, sagt Klaus Oswald, der gleichzeitig Abteilungsleiter beim AMC ist.
Der 67-Jährige, sein Bruder Rolf (62) und auch Jutta Karls wollen sich langsam aus dem aktiven Sport zurückziehen. „Auch wenn man schlecht loslassen kann, mittlerweile zwickt und zwackt es beim schnellen Blick über die Schulter doch mal im Nacken“, erklärt Rolf Oswald.
Die 21-jährige Filipowski ist eine der wenigen jüngeren Fahrerinnen bei den Esslingern. Auch sie ist familiär vorbelastet: „Meine ganze Familie ist beim AMC.“ Verstehen, warum sich so wenige jüngere Leute für den Sport interessieren, kann sie nicht: „Es ist die billigere Variante zum echten Motorsport und macht riesig Spaß – außerdem ist es reizvoll zu zeigen, dass auch Frauen gut Autofahren können.“ Sie erzählt grinsend eine Anekdote, wie sie bei einem ihrer ersten Anfängerturniere zunächst von einem ihrer späteren männlichen Gegner bequatscht wurde, der dann aber mit ziemlich betretenem Gesicht im Endklassement hinter ihr landete.
Die Sportart Parcours Racing hat ihre Wurzeln in den Automobilturnieren des ADAC, die sich seit den 1950er Jahren aus Verkehrssicherheitsmaßnahmen entwickelten. Über die Jahre gewann der Wettbewerbs- und Sportcharakter die Oberhand – und entwickelte sich zum Motorsport für den kleinen Geldbeutel. Mit Verkehrserziehung hat das nichts mehr zu tun, es geht um Geschicklichkeit und um die perfekte Beherrschung des Fahrzeugs.
Apropos: Von Smart bis Tesla, von Trabbi bis Ferrari – alles ist erlaubt, sofern der fahrbare Untersatz ordnungsgemäß zugelassen und versichert ist. Eine extra Fahrerlaubnis ist ebenfalls nicht erforderlich: Parcours Racing ist eine der wenigen lizenzfreien Motorsportarten, es genügt der Besitz eines gültigen Führerscheins. Auch eine ADAC-Mitgliedschaft ist bei den Anfängern nicht erforderlich, die wird erst nötig, wenn man auf Meisterschaftsebene mitmischen will.
„Wir sind ein Breitensport und wollen das auch sein“, unterstreicht Klaus Oswald. Und Breitensport heißt eben auch gleichzeitig, dass man dafür nicht allzu tief in die Tasche greifen sollte – im Gegensatz zu fast allen anderen Motorsportarten. Selbst der einst eher unkonventionelle Rallye-Sport sei sehr teuer geworden, sagt der AMC-Vorstand: „Da geht ohne einen finanzstarken Sponsor oder ohne Herstellerunterstützung nichts mehr.“
Der Hauptgrund: Die Fahreigenschaften des Autos spielen beim professionellen Motorsport wie Rallye, DTM oder Formel 1 eine immens große Rolle, ganz im Gegensatz zum Parcours Racing. „Bei uns steht das Können des Fahrers im Vordergrund“, erklärt Klaus Oswald. Er schätzt, dass es nur etwa zu zehn Prozent auf das Auto ankommt: „90 Prozent macht der Fahrer aus, das ist der große Unterschied zu allen anderen Motorsportarten.“
Und was muss ein potenzieller Interessent am Parcour Racing mitbringen? „Autofahren sollte einem schon Spaß machen“, sagt Filipowski – und allzu zimperlich sollte man auch nicht sein: „Man darf keine Angst haben, mal richtig Gas zu geben oder eine Vollbremsung hinzulegen.“ Das Mindestalter beträgt 18 Jahre, aber auch wer später einsteigt, kann es durchaus noch zu was bringen. „Ich habe zum Beispiel erst mit 39 Jahren angefangen“, erklärt Jutta Karls, mehrfache süddeutsche und württembergische Meisterin sowie deutsche Titelträgerin mit dem Württemberg-Team des ADAC. Ihr Ehemann Klaus Oswald wurde gar 2023 mit 63 Jahren deutscher Meister – als bislang ältester Titelträger überhaupt.
Ein eigenes Auto ist nicht zwingend erforderlich: Der AMC hat über den ADAC ein Übungsfahrzeug zur Verfügung gestellt bekommen. Trainiert wird samstags auf dem Eberspächer-Parkplatz in Esslingen. „Zum Schnuppern sind alle Interessierten herzlich willkommen, einfach vorher kurz bei mir anmelden“, sagt Marcel Drewes, sportlicher Leiter beim AMC und – natürlich – mehrfacher deutscher, süddeutscher und württembergischer Meister sowie deutscher Mannschaftsmeister.
Informationen zum Verein und zum Parcours Racing gibt es unter www.amcmn.de, zum Schnuppertraining kann man sich jederzeit bei Marcel Drewes per Mail anmelden (sportleiter@amcmn.de).