Er hat den Supremes, den Four Tops und Marvin Gaye Chartstürmer verschafft und Musikgeschichte geschrieben: Motown-Legende Lamont Dozier ist mit 81 Jahren gestorben.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)

Popmusik braucht nicht nur elektrisierende Interpreten. Sie braucht auch ergreifende, mitreißende Songs – und wenn beides zusammen kommt, hört die Welt hin. Das geschah auch 1962, als beim jungen schwarzen Label Motown in Detroit der Firmenchef Berry Gordy ein exzellentes Songschreibertrio fand, das schwarze Musik mit Zuversicht aufpumpte und tief in die weiße Hörerschaft hineintrieb: der nun im Alter von 81 Jahren gestorbene Lamont Dozier und die Brüder Brian und Eddie Holland. Stand „Holland-Dozier-Holland“ auf einer Single, konnten Plattenkäufer eigentlich blind zugreifen: ihre seltenen nicht so inspirierten Lieder waren solide vergnüglich, ihre Meisterstücke Ohrwürmer ohne Verfallsdatum.

Holland-Dozier-Holland lieferten eine Kette von Hits für Martha and the Vandellas, die Supremes, die Four Tops und Marvin Gaye, darunter „Heat Wave“, „Stop! In the Name of Love“ oder „How sweet it is to be loved by you“. Eddie Holland war für die Texte zuständig, sein Bruder Brian und Lamont Dozier schrieben die Musik und die Arrangements. Ihr Motown-Sound wurde so populär wie die Musik der Beatles, was leider nicht lange gut ging. Mit dem arg geschäftstüchtigen Labelchef Gordy zerstritt sich das Trio 1967 bitter über Abrechnungen und Aufteilungen. Der duftige Geist von Motown verwandelte sich in Gerichtssälen in Giftschwaden.

Hämmern am Klavier

Zunächst machte das Trio ab 1968 mit eigenen Labels weiter, konnte aber vertraglicher Bindungen wegen nicht offen als Holland-Dozier-Holland auftreten. 1973 startete Dozier, der schon in den Fünfzigern als Sänger unterwegs gewesen war, eine Allround-Solokarriere. Er blieb mit seinem weichen, geschmeidigen Sound und seiner freundlichen, schmeichelnden Stimme enorm einflussreich, auch wenn die Maschinerie stumpfsinniger Top-Forty-Zusammenstellungen, die lange das musikalische Gedächtnis prägte und verformte, ihn später gern vergaß.

In leichter Übertreibung hieß eines seiner Alben damals „Black Bach“, es zeigte Dozier als klassische Büste, wie sie Bildungsbürger im Klavierzimmer stehen haben. Ihn wird das maßlos amüsiert haben. Der Autodidakt konnte nicht einmal Noten lesen, er arbeitete nach Gehör und mit dem Versuch-und-Irrtum-System. „Es war eine Menge harter Arbeit“, hat er gesagt, „auf dieses Klavier zu hämmern, um einen Song zu schreiben und ihn obendrein zu einem Hit zu machen“