Mottenfund in Mehltüten Mühle muss tonnenweise Mehl wegwerfen

Von Annette Clauß 

Unappetitlich, aber keine Gefahr für die Gesundheit: Die Hegnacher Mühle in Waiblingen nimmt Ware zurück, weil in einigen Mehltüten Mottenbefall festgestellt wurde. Betroffen sein könnten Produkte, die vor dem 13. Juli produziert wurden.

Ulrich Stietz in seiner Mühle – der letzten, die an der Rems noch im Betrieb ist Foto: Horst Rudel
Ulrich Stietz in seiner Mühle – der letzten, die an der Rems noch im Betrieb ist Foto: Horst Rudel

Waiblingen - Vier Tage hat die Produktion in der Hegnacher Mühle komplett stillgestanden – aber von diesem Mittwoch an wird in Waiblingen wieder Mehl gemahlen und im Mühlenladen Müsli und mehr über den Tresen verkauft. Was nach Kurzurlaub klingt, hätte ein Abschied für immer von der letzten, 145 Jahre alten Mühle an der Rems sein können.

„Das war das schlimmste Wochenende meines Lebens, ich war verzweifelt“, sagt der Müller Ulrich Stietz. Der Hintergrund: eine Kundin hatte bei Mehltüten der Hegnacher Mühle Mottenbefall festgestellt. In solchen Fällen sei es bislang so gelaufen, dass die Kunden die Ware zurückgebracht und ersetzt bekommen hätten. Nicht in diesem Fall. „Die Kundin hat sich offenbar direkt an die Lebensmittelkontrolleure des Landratsamts gewandt“, berichtet er. „Dass die Lebensmittelkontrolle kommt und sagt, das geht nicht, ist okay“, sagt Ulrich Stietz, der betont, dass sich die Mehlmotten in den Sommermonaten Juli und August explosionsartig vermehrten. Moderne Mühlen seien so gebaut, dass Schädlinge kaum Ritzen und Spalten fänden, aber das sei in einem alten Gebäude wie der Hegnacher Mühle anders.

Bisher gute Erfolge mit Pheromonpräparat

„Ich wollte bisher nicht so viel Chemie verwenden, weil das der Verbraucher auch nicht will“, erklärt der Müller. In der Vergangenheit habe er sehr gute Ergebnisse mit einem Pheromonpräparat erzielt. Der in Kapseln enthaltene und in der Mühle ausgebrachte Stoff verdreht den männlichen Motten derart den Kopf, dass sie ihre weiblichen Artgenossen links liegen lassen. „Dadurch ist die Population deutlich zurückgegangen.“

In den vergangenen Wochen habe er jedoch festgestellt, dass die Wirkung des Präparats nachgelassen habe. Aus diesem Grund habe er vor rund vier Wochen einen intensive Reinigung mit Begasung veranlasst. „Alles, was jetzt rausgeht, ist clean“, versichert Ulrich Stietz und kündigt an, solche Aktionen werde es künftig öfter geben, denn eine Betriebsschließung wegen Mottenbefall will er nicht riskieren.

Seit 120 Jahren im Familienbesitz

Immerhin ist dem Müller erspart geblieben, was zunächst im Raum stand: dass alles, was im Umlauf ist, zurückgenommen und vernichtet werden muss, inklusive fertiger Backwaren. „Das wäre ein Schaden von mehreren hunderttausend Euro gewesen“, sagt Ulrich Stietz – und hätte wohl das Ende der 120-jährigen Familientradition bedeutet, welche Tochter Thea fortführen will: erst Anfang August war sie in den Betrieb eingestiegen.

Ein schwieriger Start. „Ich habe 4,5 Tonnen gutes Mehl weggeworfen – das zu einer Zeit, wo anderswo Leute Hungers sterben“, sagt Ulrich Stietz und ergänzt frustriert: „Die Hegnacher Mühle wird jetzt in einem Atemzug mit Gammelfleisch und ähnlichem genannt.“ Mit Supermärkten ist nun vereinbart, dass Ware, die vor dem 13. Juli produziert wurde und ein Haltbarkeitsdatum bis 13. Juli 2020 hat, zurückgenommen wird. Verbrauchern rät Ulrich Stietz aber zunächst zu einem Blick in die Mehltüte: „Die typischen Spinnweben der Motte sieht man gleich.“ Sind keine da, kann das Mehl ganz normal verwendet werden.