MS-Kranke klettern in Degerloch Die „Gemsen“ von der Amsel

Von Liviana Jansen 

Alle 14 Tage treffen sich im Kletterzentrum auf der Waldau in Degerloch Menschen, für die dieser Sport mehr als ein Hobby ist. Das Klettern hilft ihnen, weil sie Multiple Sklerose haben, das ist eine chronisch-entzündliche Nervenerkrankung.

Claudia Wanke-Karbowiak klettert leidenschaftlich gern, weil sie dabei ihre Grenzen austesten kann. Ein paar weitere Eindrücke finden sich in unserer Fotostrecke. Foto: Liviana Jansen 6 Bilder
Claudia Wanke-Karbowiak klettert leidenschaftlich gern, weil sie dabei ihre Grenzen austesten kann. Ein paar weitere Eindrücke finden sich in unserer Fotostrecke. Foto: Liviana Jansen

Degerloch - Zum Einstieg mache er heute etwas Leichtes, ruft Oliver Lindenmayer. Also die grüne Route. Den Fuß auf den ersten grünen Knubbel, die Hand an den zweiten, und im Nu ist er am Ende der 17 Meter hohen Kletterwand angekommen. „Zu“, schallt es von oben. Dann: „Ab!“ Claudia Wanke-Karbowiak bringt das Seil am Sicherungsgerät auf Spannung und lässt ihren Kletterpartner langsam zum Boden ab.

So weit nichts Ungewöhnliches im Kletterzentrum des Deutschen Alpenvereins (DAV) auf der Waldau. Eine Besonderheit gibt es aber: Die beiden Kletterer sind Mitglieder der Aktion Multiple Sklerose Erkrankter im Landesverband Baden-Württemberg, kurz Amsel. Alle 14 Tage trifft sich die Kletterinitiative. Zwei Stunden lang wird dann geklettert, geredet und gelacht. „Der Sport steht im Vordergrund, aber natürlich tut es auch gut, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen“, sagt Wanke-Karbowiak. Sie ist eine der Initiatorinnen der Klettergruppe, die sich selbst die „Gemsen“ nennt.

Das Kletterzentrum unterstützt die Gruppe

Auf die Idee mit der Klettergruppe sei sie beim Schnupperklettern der Amsel gekommen, erzählt sie. „Das hat mir so gut gefallen, da wollte ich eine eigene Gruppe gründen.“ Gesagt, getan. Zuerst kletterte die Gruppe in Eigenregie, seit knapp einem Jahr wird sie von der Amsel organisiert und bezuschusst. Mit dabei ist immer ein Kletterbetreuer, der das Training beaufsichtigt. Auch das Kletterzentrum unterstützt das Projekt: Neben ermäßigtem Eintritt erhalten die Teilnehmer Klettergurt, Karabiner und Seile kostenfrei für das Training.

Multiple Sklerose (MS) ist entgegen der landläufigen Meinung keine Muskelschwäche, sondern eine chronisch-entzündliche Nervenerkrankung, die dazu führt, dass Signale im Körper schlechter weitergeleitet werden. Betroffene können unter tauben Gliedmaßen, Sehstörungen und Koordinationsproblemen leiden. Da die Krankheit bei jedem Menschen anders verläuft, nennt man sie auch die Krankheit mit den 1000 Gesichtern. MS kann bisher nicht geheilt, wohl aber mit Medikamenten und Physiotherapie behandelt werden. Und während es bis vor einigen Jahren noch hieß, MS und Sport passten nicht zusammen, raten Mediziner heute explizit zur sportlichen Betätigung.

Das Klettern hilft den Kranken

Über die positiven Auswirkungen des Kletterns sind die Teilnehmer der Klettergruppe sich einig: Es verbessere sowohl die Koordination als auch die Muskelkraft. „Außerdem ist es gut fürs Selbstbewusstsein, wenn man merkt, was man trotz der Krankheit alles schaffen kann“, sagt Wanke-Karbowiak. „Klettern ist auch gut für den Kopf“, ergänzt Lindenmayer. Es fördere die Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit – beides Bereiche, die bei einer MS-Erkrankung in Mitleidenschaft gezogen werden können.

„Neuronale Plastizität ist das Stichwort“, sagt Claudia Wanke-Karbowiak und meint damit die Fähigkeit des Gehirns, seine Struktur zu verändern, um Schäden an anderer Stelle auszugleichen. „Das ist im Prinzip wie an der Kletterwand“, ergänzt eine Medizinerin, die ebenfalls an MS erkrankt ist, ihren Namen aber nicht in der Zeitung lesen möchte. „Da muss man auch ständig nach neuen Wegen suchen.“

In der Klettergruppe wird aber nicht nur geklettert, auch das Sichern, das richtige Fallen und die Technik werden geübt. Alles ohne Leistungsdruck natürlich. „Als MS-Patient muss man bewusster mit seinen körperlichen Fähigkeiten umgehen“, sagt Lindenmayer. Deshalb sei es auch okay, wenn einer mal sage: „Heute bin ich nur zum Zuschauen da, heute klettere ich nicht selbst.“

Beeindruckende Willensstärke

Der Kletterbetreuer Jürgen Kaminski, der die Gruppe von Anfang an begleitet hat, erzählt: „Manchmal sehe ich jemandem schon an, dass er gerade einen Schub hat und sich nicht gut fühlt.“ Trotzdem kämen die Teilnehmer regelmäßig ins Training. Manche hätten auch Probleme mit dem Gehen und Stehen, ließen sich deshalb aber nicht vom Klettern abhalten. „Diese Willensstärke beeindruckt mich sehr“, sagt er. Er sieht auch den Fortschritt der Gruppe: „Viele Teilnehmer sind bereits Überhang geklettert, manche klettern schon im Vorstieg, also mit einem Seil, das sie während des Kletterns selbst an der Wand einhängen müssen.“ Das sei eine zusätzliche Herausforderung – koordinativ und vom Kraftaufwand her.

Herausforderungen sind für Claudia Wanke-Karbowiak und Oliver Lindenmayer auch gleichzeitig ein Ansporn. „Das ist das Tolle am Klettern“, sagt Wanke-Karbowiak. „Dass man seine Grenzen austesten und in einem übersichtlichen Kontext auch erweitern kann.“ Und auch Lindenmayer betont: „Es macht einfach Spaß, immer wieder Neues auszuprobieren.“ Etwas ganz Neues hat die Gruppe auch im nächsten Jahr vor: Dann soll es erstmals zum Klettern raus an den Fels gehen.

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