Tennisspielerin in den sozialen Medien omnipräsent Emma Raducanu und die Fallen im Internet

Strahlende Siegerin auf dem heiligen Rasen von Wimbledon: Emma Raducanu Foto: AFP/Matthew Stockman

Die Engländerin Emma Raducanu ist omnipräsent in den sozialen Medien und hat mehr als zwei Millionen Follower auf Instagram. Nicht alle meinen es gut mir ihr.

Sport: Dominik Ignée (doi)

Stuttgart - So unbequem die Zeiten durch Brexit und Pandemie für die Engländer auch sind: Es gibt einen Lichtblick. Emma Raducanu gewann mit 18 Jahren als Qualifikantin sensationell die US Open, und obwohl das schon einige Wochen her ist, herrscht immer noch ein gewisses Raducanu-Fieber auf der Insel. Die Tennisspielerin ist allgegenwärtig. Sie spielt ein Show-Doppel mit Herzogin Kate, wandelt bei der Vorstellung des neuen James-Bond-Films über den roten Teppich, und ihr überlebensgroßes Konterfei ziert inzwischen schon die Flanken von Bussen.

 

Was für ein Tennismärchen! Raducanu selbst tut viel dafür, fast omnipräsent zu sein. In den sozialen Medien taucht eine wahre Flut ihrer Bilder auf. Mal schlägt sie eine Rückhand, dann jubelt sie, oft zeigt sie sich privat und lässt die Fans wissen, was sie so macht. Das führt bei mehr als zwei Millionen Followern zu Hunderten von Kommentaren. Überwiegend drücken darin Raducanu-Fans ihre Bewunderung für die Sportlerin aus. Doch werden auch zahlreiche Herzchen verschickt und anzüglich wirkende Kommentare von fremden Männern wie „How nice“, „Beautiful“ oder „Compliments“. Das sind Beiträge, die zu Raducanu eine Nähe schaffen, die den Kommentatoren gar nicht zusteht, weil sie die Sportlerin nicht kennen. Beiträge, die ganz klar auf das Aussehen der Engländerin anspielen. Die deutsche Tennisspielerin Andrea Petkovic ärgert sich über diese Art von Internetkommentaren und beklagt einen noch immer vorhandenen „latenten Sexismus“. „Nach Spielen erhalten wir Frauen in den sozialen Medien immer aufreizende Nachrichten und Kommentare“, sagt Petkovic und fügt hinzu: „Ich bezweifle, dass das auf der Herrentour auch so ist.“ Bei den Frauen werde dagegen immer über deren Outfits diskutiert und wie sie die Haare tragen.

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Auch Roger Federer gefällt das nicht. Er selbst wäre in jungen Jahren mit dem Kommunikationsstil innerhalb der sozialen Medien nicht zurechtgekommen. „Zehn freundlichen Kommentaren steht immer ein negativer gegenüber. Auf diesen konzentriert man sich natürlich. Es ist eine schreckliche Sache“, sagt der Schweizer.

Unschöne Tendenz

Professor Thomas Schierl ist Kommunikations- und Medienwissenschaftler an der Sporthochschule Köln. Auch er hat eine unschöne Tendenz festgestellt. „Das ist eine seltsame Entwicklung, die wir da insgesamt haben. Die öffentliche Anmache von Personen ist ein absolutes No-Go“, sagt Schierl. Allerdings sei es auch nicht hilfreich, wenn man wie viele Sportlerinnen und Sportler andauernd Bilder von sich poste.

Das Phänomen betrifft nicht nur den Sport. „Viele Mädchen zeigen sich auf Instagram. Man darf ihnen nicht unterstellen, dass sie jemanden aufreizen wollen, sie sehen aber manchmal nicht, dass sie es machen – was aber nicht die Handlung dessen entschuldigt, der da etwas schreibt oder ein Herzchen sendet“, sagt Schierl. Die Situation sei kompliziert. Es würde helfen, die Bilder gar nicht oder nur dosiert einzusetzen. Und im Hinblick auf Sportler wirklich nur welche, die auch mit dem Beruf zu tun haben.

Als Marke etablieren

Ganz so strikt sieht es Carsten Meyer nicht. Er arbeitet bei der Schorndorfer Kommunikationsagentur „spirit“, die unter anderem Sportler im Hinblick auf Öffentlichkeitsarbeit und Internetpräsenz berät. Seiner Ansicht nach werde die Aktivität in den sozialen Medien von den Profisportlern dazu genutzt, sich über den Sport hinaus als Marke zu etablieren oder Kontakt zu den Fans herzustellen. „Das kann man nicht verteufeln. Es bietet den Sportlern auch die Möglichkeit, ganz direkt mit den Leuten zu kommunizieren – früher musste man über die traditionellen Medien gehen“, sagt Meyer. Dennoch sei es natürlich „eine Wucht“, wenn man wie Raducanu oder ihre Tenniskollegin Naomi Osaka mehr als zwei Millionen Follower habe.

Die Gefahr ist, dass viele Athleten die Netzwerke für einen Spiegel der Realität halten und sich nur noch in dieser Blase bewegen. „Da wird es gefährlich, wenn es bei einem Sportler gut läuft und er dann glaubt, der Hype um ihn sei das normale Leben“, sagt Meyer. Und wenn die betreffende Person umgekehrt 500 Kommentare sieht, in denen sie lesen muss, wie schlecht sie ist, dann könne das mit den Menschen „im negativen Sinne“ auch etwas machen.

Gesunder Mix

Carsten Meyer rät seinen Sportlern zu einem Mix aus leichten privaten Einblicken und einem Schwerpunkt, der auf dem Sport liegen sollte. Dass sich Stars als Marke etablieren, ist nicht neu. Bei George Best oder Günter Netzer war es so. „Es ging weiter mit Anna Kurnikowa, die nicht wegen ihres sportlichen Erfolgs gehypt wurde, sondern aufgrund ihres Aussehens und ihrer Aktivitäten außerhalb des Tennisplatzes“, sagt Meyer. Und David Beckham habe diese Art der Selbstinszenierung dann als Erster perfektioniert. Allerdings ohne die negativen Begleiterscheinungen, die Emma Raducanu ernst nehmen sollte.

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