Mark Arm ist keiner, mit dem man sich über die neusten Trends der Popkultur oder die letzte Platte von Taylor Swift austauschen könnte. Das ist keine böse Absicht. Der Sänger und Gitarrist von Mudhoney, der Band, die in den späten 80er-Jahren einst versehentlich in Seattle den Grundstein für Grunge legte, interessiert sich einfach nicht dafür.
„Kommerzielle Musik ist irrelevant für mich. Das hat angefangen, als ich als Jugendlicher mit Punkrock in Berührung gekommen bin, und daran hat sich seitdem nichts geändert“, sagt der 61-Jährige. „Es geht mir da nicht um Richtig oder Falsch. Die Musik im Radio oder Fernsehen spricht mich einfach nicht an.“
Der Mann lässt sich eher von Kunst in Wallung versetzen, die von der populären Kultur übersehen wurden. Aus welchen Gründen auch immer. „Jemand hat kürzlich die selbstproduzierte Platte von Debris wiederveröffentlicht. Die Band hat 1976 in Oklahoma eine Platte gemacht und sich dann aufgelöst. Das ist Musik, die öffentlich zugänglich ist, aber wer hat denn je von denen gehört?“
Smells Like Mudhoney
Als 1991 Nirvana mit der Single „Smells like Teen Spirit“ die weltweite Popkultur auf links drehen, ist Mark Arms Band Mudhoney kaum zu übersehen. Wann immer die Frage auftaucht, wo Grunge denn nun herrühre, fällt nicht nur der Name von Mark Arms 1987 aufgelöster Band Green River, sondern auch der von Mudhoney.
Deren Rock ist ungehobelt, laut und chaotisch. Und Mudhoney sind es, die 1988 mit der Single „Touch Me I’m Sick“ und der EP „Superfuzz Bigmuff“ zu den ersten Aushängeschildern des Labels Sub Pop aus Seattle und einer überschaubaren lokalen Szene werden: U-Men, Soundgarden, Melvins, Tad, Ten Minute Warning. Jugendliches Ungestüm trifft auf Wut und viel Zeit in geschlossenen Räumen, weil’s in Seattle ständig regnet.
Grunge, dem Punk nicht unähnlich, aber weit langsamer und wuchtiger, ist ein Bekenntnis zum Schmutz, der Gegenentwurf zu erfolgsoptimierter Hochglanzmusik, und es ist auch Selbstermächtigung. Die Blütezeit im Mainstream ist nur kurz, zwischen „Nevermind“ (1991) von Nirvana und dem Selbstmord von Sänger Kurt Cobain (1994). Doch die Auswirkungen sind mit die nachhaltigsten, die Rock’n’Roll seit seiner Erfindung erfahren durfte.
Weg mit dem Schmutz
Selbst die Nutzung des Wortes Grunge im musikalischen Kontext wird Mark Arm zugeschrieben. „Grunge“ bedeutet frei übersetzt: hartnäckiger Schmutz. „Das Wort war damals normal verbreitet. Aber eben eher in Werbung für Badewannen- oder Fließenreiniger. Etwas, das man loswerden wollte. Gelegentlich wurde so auch roher und schnoddriger Undergroundrock beschrieben“, erklärt Arm. Und wahrscheinlich er ist es, der den Begriff im falschen oder vielleicht auch gerade im richtigen Moment, fallen lässt. Nämlich als die Musikpresse erstmals auf den „Sound aus Seattle“ aufmerksam wird. Zur ernsthaften Karriereoption wird die Musik, als 1991 innerhalb von nur wenigen Monaten Nirvana, Pearl Jam, Soundgarden und Alice In Chains aus Seattle zu Weltstars werden. „Auf uns hat der Begriff, besonders am Anfang, recht gut gepasst. Wir waren eine schmutzige Punk- und Undergroundband“, erzählt Mark Arm. „Aber beispielsweise auf Pearl Jam trifft das überhaupt nicht zu. Dass der Begriff ein paar Jahre lang auf alles, was aus Seattle kam, angewandt wurde, ist eigentlich kompletter Quatsch. Es war harter Rock, ja, aber, die großen Bands klangen alle komplett unterschiedlich.“
Mudhoney fungieren in den frühen Neunzigern als das gute Gewissen des US-Undergroundrocks, während der Trend weltweit Bands heraus spuckt und Seattle förmlich von der Musikindustrie überrollt wird, die dort jeden Stein umdrehen lässt, um die potenziell „nächsten Nirvana“ unter Vertrag zu nehmen. Mudhoney legen damals harten Zynismus an den Tag, geben sich kantiger und schwer verdaulicher als unbedingt nötig. „Vielleicht war es auch etwas Selbstschutz, das kann schon sein“, überlegt Mark Arm. „Aber zum Zynismus habe ich mich schon in sehr jungen Jahren hingezogen gefühlt. Das hatte vermutlich aber damit zu tun, dass ich als Kind oft in die Kirche und dann auch noch auf eine christliche High School musste.“
Im Gegensatz zu vielen Underground-Künstlern in den USA, die durch den Boom in den frühen 90ern erstmals eine realistische Chance sehen, von ihrer Musik leben zu können oder gar Stars zu werden, bleiben Mudhoney einigermaßen entspannt und wählen ihre Karriereoptionen weise. „Vielleicht lag es daran, dass wir ein bisschen älter als viele der anderen Bands waren. Wir alle haben in den frühen 80er-Jahren angefangen, in Bands zu spielen und waren ein Teil dieser etablierten Untergrundkultur. Wir haben uns für die Musikgeschichte interessiert, und nur wenige der Bands, die wir liebten, waren so groß wie David Bowie oder Alice Cooper“, erklärt Arm und nennt The New York Dolls, The Stooges oder MC5. Allesamt wegweisend, doch kommerziell gesehen kein Wirtschaftsfaktor.
Mudhoney heute scheinen glücklicher als je zuvor. „Wir sind alle berufstätig und können uns auf unsere Jobs verlassen. Als Band brauchen wir uns somit nicht lange den Kopf darüber zu zerbrechen, was gerade populär sein könnte“, erklärt Mark Arm. „Es ist nichts Anrüchiges daran, ein Publikum erreichen zu wollen. Sogar ein großartiger Typ wie Little Richard hat nach einem Publikum für seine Musik gesucht. Aber wenigstens hat er sich dafür etwas Eigenes einfallen lassen.“
Ganz ohne Popkultur geht’s für Arm trotzdem nicht, und irgendwie zieht er einige seiner Einflüsse aus dem Mainstream. Er grinst: „Na, man kann sich prima beeinflussen lassen, was man eher nicht tun sollte.“ Hat Seattle Grunge je überwunden? Mark Arm lacht laut. „Doch, doch. Seattle hat Grunge locker verkraftet. Es waren Amazon, Microsoft, Starbucks und die ganzen Technikkonzerne, die die Stadt zugrunde gerichtet haben.“
Info
Mudhoney
Die Band gründet sich 1988 in Seattle, nachdem sich die Mitglieder der Band Green River künstlerisch nicht einig werden können. Jeff Ament und Stone Gossard gründen Mother Love Bone, später Pearl Jam. Mark Arm (Gitarre, Gesang) lärmt fortan gemeinsam mit Steve Turner (Gitarre), Matt Lukin (Bass) und Dan Peters (Schlagzeug) ungehobelten Punkrock in der Band Mudhoney. Seit 2001 bedient Guy Maddison den Bass.
Berufstätig
Mark Arm arbeitet beim Plattenlabel Sub Pop in Seattle. Er verantwortet das Warenhaus und den Vertrieb von Schallplatten an Einzelhändler.
Konzert
Am Freitag, 30. August, spielen Mudhoney in der Manufaktur in Schorndorf . Karten und weitere Infos gibt’s hier.