Mückenplage 2024 Experte: „Habe noch nie so ein Mückenjahr erlebt“

Eine Mücke saugt Blut aus dem Arm eines Mannes. Foto: dpa/Patrick Pleul

Am Bodensee flüchten Touristen, am Oberrhein spritzen Helikopter Insektengift: Die Mückenplage ist 2024 besonders heftig. So etwas wird künftig noch öfter vorkommen. Was wird vor Ort getan?

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Stechmücken werden vom jahreszeittypischen Ärgernis zum Problem für die Wirtschaft. Starkregen, Hochwasser und schwüle Witterung führen zu milliardenfacher Ausbreitung und hoher Stechfreudigkeit – und am Bodensee zu flüchtenden Touristen und Verunsicherung.

 

„Die Urlauber reisen meist nach ein, zwei Nächten ab, da es keinen Strand gibt und die Mücken es nicht möglich machen, sich abends im Freien aufzuhalten“, sagte Erich Krapf, der Betreiber des bekannten Campingplatzes Iriswiese in Kressbronn (Bodenseekreis) zur „Schwäbischen Zeitung“. Ähnliches berichtete der Betreiber des Campingplatzes Gohren, Ralf Ackermann, im SWR.

Für Gegenmaßnahmen sind die Kommunen zuständig, heißt es aus dem Landratsamt Bodenseekreis. Sie müssen dafür nicht nur die Arbeitskräfte sowie Insektengift beschaffen, sondern auch den Naturschutz beachten. Auch deshalb sei der Bodensee „aktuell vollkommen unbehandeltes Gebiet“, sagt Dirk Reichle von der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS) am Oberrhein.

Frische zahlen vom „Bite-Index“

In dem Verein haben sich erste Kommunen bereits 1976 zusammengetan, aktuell sind 97 Gemeinden in dem Verein organisiert. Mückenplagen kennt man in der Gegend also nur zu gut. „So ein Mückenjahr habe ich in mehr als 35 Jahren aber noch nicht erlebt“, sagt Reichle. Bundesweite Nutzungsdaten des Start-ups hinter dem Smartphoneaufsatz „Heat it“ stützen diese Einschätzung. Der unserer Zeitung exklusiv vorliegende „Bite-Index“ schießt seit Mitte Juni nach oben; die Zahl der Behandlungen liegt nur knapp unter dem Vorjahreshöchstwert vom August.

Eine Woche dauert die Entwicklung von der Larve bis zur Mücke. Weil die kräftigen Niederschläge immer neue Wasserflächen erzeugen, bleibt die Belastung hoch. Seine Mitarbeiter kämen wegen der Überschwemmung nicht an alle Flächen heran, um die Larven zu bekämpfen, erklärt Dirk Reichle: „Wir sind seit Mitte Mai quasi ununterbrochen auch mit dem Helikopter unterwegs.“ 90 Prozent der Larven habe man getötet, schätzt er. Was übrig bleibt, reicht immer noch für eine ungewöhnlich starke Mückenplage.


Nagelsmann klagt über eine „abartige Mückenplage“

Auch anderswo in Deutschland leiden viele Menschen, darunter die Fußball-Nationalmannschaft. Nationaltrainer Julian Nagelsmann hatte vergangene Woche von einer „abartigen Mückenplage“ im Quartier in Herzogenaurach berichtet. In der Gemeinde Berg am Starnberger See (Bayern) initiierten Anwohner eine Onlinepetition zur Bekämpfung der Mücken, samt Hinweis auf den Einsatz des Wirkstoffes Bti etwa am Chiemsee.

Auch die Kressbronner Gemeindeverwaltung sorgt sich wegen ausbleibender Touristen. „Wir prüfen zentrale Maßnahmen gegen die Mücken“, sagt eine Sprecherin. Etliche Fragen seien offen – wo das Insektengift herkommt, wo man es ausbringen darf und ob es für diese Saison noch etwas bringt. „Aber das hilft uns ja auch für künftige Jahre“, so die Sprecherin. Und es sei auch als Botschaft an die bislang ausbleibenden Urlauber gedacht. Die Nachbargemeinde Eriskirch habe schon zweimal intensiv Maßnahmen geprüft. „Aber die Mücken sind mobil, deshalb reicht es nicht, wenn eine Gemeinde allein etwas tut“, sagt der Bauamtsleiter Frank Jehle.

Die Mücken profitieren vom Klimawandel

Es deutet sich an, dass der organisierte Kampf gegen Stechmücken wichtiger wird. Gratis gibt es ihn nicht, der Verein KABS gibt die Kosten mit im Schnitt 1,30 Euro pro Einwohner und Jahr an. Zumindest in Tourismusgebieten könnte sich das lohnen. Zudem können einschleppte Arten wie die Asiatische Tigermücke Tropenkrankheiten wie Dengue übertragen. 130 innereuropäische Infektionen hat das EU-Seuchenschutzzentrum ECDC vergangenes Jahr gezählt, 2022 waren es 71 und in den zehn Jahren davor insgesamt 73 – ein Anstieg, der den planvollen Einsatz von Insektenfallen und Insektengift nötig mache. „Das Infektionsrisiko ist derzeit sehr gering, aber nicht gleich null. Und es könnte mit dem Klimawandel zunehmen“, sagte der Mückenforscher Helge Kampen unserer Zeitung.

Auch andere Mückenarten profitieren vom Klimawandel. Er macht die Sommer mal trockener, mal feuchter wie 2024. Hausbesitzer können im eigenen Garten Wasserflächen vermeiden und Regentonnen regelmäßig leeren oder Bti-Tabletten darin auflösen. Wer in der Nähe von Gewässern lebt, muss sich auf mehr Mückensommer à la 2024 einstellen: „Die Jahre mit Hochwasserspitzen häufen sich und Mückenplagen wie dieses Jahr werden öfter vorkommen“, prognostiziert der Mückenbekämpfer Dirk Reichle.

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