Die aus Asien einwandernden Stechmücken finden hierzulande im Augenblick ideale Bedingungen vor – dank starker Regenfälle und längeren Hitzeperioden. Die Buschmücke ist deshalb bereits in ganz Baden-Württemberg heimisch geworden. Mit einem Mückenatlas will man nun die Basis für eine effektivere Bekämpfung schaffen.

Stuttgart - Rein optisch betrachtet ist die Asiatische Stechmücke eine Schönheit. Bei genauer Betrachtung fallen die feinen weißen Streifen am hinteren Beinpaar und am langen schlanken Hinterleib auf. Daran kann auch ein Laie das exotische Insekt von heimischen Arten unterscheiden. Doch so schön sie ist, man will sie hier nicht haben. Denn sie ist nicht nur lästig wie die meisten Stechmücken. Asiatische Tigermücken können Viren auf Mensch und Tier übertragen, mit denen man sich bisher in diesen Breitengraden nicht beschäftigen muss.

 

„Die Asiatische Tigermücke ist bei uns noch nicht heimisch“, sagt Norbert Becker von der Uni Heidelberg und Direktor der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS). Als etabliert gelte eine Art, wenn sie drei Generationen in der freien Wildbahn hervorbringe. Die Asiatische Tigermücke habe das in Deutschland noch nicht geschafft. Sie trete zwar immer wieder auf, es gebe aber keine stabile Population. In diesem Jahr habe man bisher 14 Exemplare gefunden, an der Autobahn Richtung Brenner und nördlich von Weil am Rhein.

Tigermücken übertragen das Dengue-Fieber

Tigermücken können mehr als zwanzig teilweise tückische Viren auf den Menschen übertragen, wie etwa das Dengue-Fieber. Betroffene fühlen sich wie bei einer Grippe, doch Patienten können an inneren Blutungen sterben. Zwar bringt man diese Erkrankung mit dem Urlaub auf anderen Kontinenten in Verbindung, doch sei dieses Virus in Europa kein Unbekannter, sagt Becker. In den Jahren 1927 und 1928 hätten sich in Griechenland mehr als eine Million Menschen infiziert. Und seit einigen Jahren käme Dengue-Fieber auch im Mittelmeerraum immer wieder vor, etwa in Italien, Südfrankreich und Kroatien. „Man darf nun aber nicht von Panik ergriffen meinen, dass eine Dengue-Epidemie in Europa zu befürchten ist“, beruhigt der Heidelberger Biologe. Auch das Chikungunya-Virus, das man bisher nur in den Tropen kannte, breitet sich in Europa aus und wird von der Tigermücke übertragen. Chikungunya-Kranke – das Kisuaheli-Wort bedeutet „der gekrümmt Gehende“ – leiden teils monatelang unter Hautausschlägen, hohem Fieber, Gelenk- und Gliederschmerzen.

Es gibt keine Heilmittel und keine Impfung gegen diese ursprünglichen Tropenkrankheiten – allein der Kampf gegen die Tigermücke kann die Infektion verhindern. Und daher geht es ans Trockenlegen an den Fundorten. Denn zurzeit finden Stechmücken hier zu Lande ideale Lebensbedingungen vor: Wenn nach Regen Sonne folgt, entwickelt sich in jedem Tümpel, in jeder Pfütze, im noch so kleinen Astloch die nächste Generation. Nach etwa zwei Wochen schlüpfen die Tiere und schwärmen aus. Die Begattung findet während des Fluges in der Luft statt. Dann machen sich die Weibchen auf die Suche nach Blut – und damit nach Mensch oder Tier. Die Weibchen brauchen Eiweiße aus dem Blut zum Aufbau der Eier – und zwar nicht wenig: Eine Blutmahlzeit kann die Mücke auf das Doppelte bis Dreifache ihres Körpergewichts anschwellen lassen. Heimische Stechmücken suchen ihre Opfer vor allem in der Dämmerung auf, wenn die größte Hitze vorüber ist.

Exotische Mücken überstehen Kälte und Trockenheit

Exotische Mücken hingegen rücken dem Menschen besonders nah auf die Pelle: Sie leben in den Städten, gehen auch tagsüber auf Nahrungssuche. Und zur Eiablage reicht das Wasser in einem Blumenuntersetzer oder in Steckvasen auf dem Friedhof. Sie sind überaus robust und überdauern sowohl Kälte als auch Trockenheit. So konnten die Mücken in Europa eingeschleppt werden und sich vermehren. Hier komme, so erklärt Becker, der globale Handel ins Spiel. Vor allem der interkontinentale Handel mit Altreifen spiele eine Rolle: „In die Reifen legen Mückenweibchen ihre Eier. Wenn sie dann mit Schiffen irgendwohin transportiert werden, die Container geöffnet werden, es regnet und Wasserpfützen entstehen, entwickeln sich Mücken zuhauf. So kommen die Mücken nach Italien und werden bei der Rückkehr aus dem Urlaub in Deutschland eingeschleppt“.

Inzwischen fühlt sich auch die Asiatische Buschmücke hier heimisch. 2009 habe man sie in Südbaden gefunden, eingeschleppt wohl ebenfalls durch den Gebrauchtreifenhandel, berichtet der Mückenexperte. Bereits ein Jahr später habe sie sich im Stuttgarter Raum verbreitet. Seit 2012 gebe es sie in ganz Baden-Württemberg. „Den Buschmoskito werden wir so schnell nicht wieder los“, sagt Becker. Und auch in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz finde man die Exoten. Allerdings ist der Buschmoskito für den Menschen als Krankheitsüberträger weniger gefährlich: so verbreitet er etwa das West-Nil-Virus. Menschen, die sich mit dem Erreger anstecken, können im Extremfall an einer Hirnhautentzündung erkranken. Symptome sind etwa Fieber und allgemeines Unwohlsein, ähnlich wie bei einer Grippe. Allerdings zeigen rund 80 Prozent aller Infizierten keine Krankheitserscheinungen. „Für die Verbreitung des Virus muss es bei der Blutmahlzeit aufgenommen werden. Da aber in unseren Breitengraden kaum Menschen infiziert sind, kommt es auch nicht zu häufigen Infektionen“, sagt Becker, der seit Jahrzehnten Stechmücken erforscht.

Der Mückenatlas soll bei der Bekämpfung helfen

Doch nur wenige Wissenschaftler beschäftigten sich in den vergangenen Jahren mit diesen Insekten. Deshalb fehlt das grundlegende Wissen über ihr Vorkommen und ihre regionale Verbreitung. Das soll nun der Mückenatlas ändern, der 2012 ins Leben gerufen wurde. Initiatoren sind das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung in Müncheberg und das Friedrich-Loeffler-Institut in Greifswald. Ziel ist es, mit diesem Atlas die Verbreitung der Mückenarten in Deutschland flächendeckend zur erfassen. Um ein möglichst großes Spektrum an Arten zu fangen, stellen die Forscher Fallen an verschiedenen Standorten auf und benutzen unterschiedliche Köder.

Ein Lockstoff ist beispielsweise Kohlendioxid. Das Gas ahmt den menschlichen Atem nach und ist für einheimische Mücken besonders attraktiv. Doch auch jeder Bürger kann mitmachen und die Mücken in seinem Garten sammeln und zur Bestimmung einschicken.