Stuttgart 21 und Neubaustrecke Wendlingen-Ulm Hunderte pilgern zur Boßlertunnel-Baustelle

Bürger betrachten die Tunnelbohrmaschine Käthchen und posieren für Selfies. Foto:   7 Bilder
Bürger betrachten die Tunnelbohrmaschine Käthchen und posieren für Selfies. Foto:  

Wenn es um Stuttgart 21 geht, kochen in Stuttgart die Gemüter leicht hoch. Das ist auf dem Land anders, wie ein Tag der offenen Baustelle am Boßlertunnel zeigt.

Regionales: Karen Schnebeck (ks)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Mühlhausen - „Hallole, habt ihr den Aufstieg auch auf euch genommen“, begrüßt der Senior, der mit seiner Frau die Baustraße am Boßlertunnel herabspaziert, ein paar Bekannte, die ihre Beine in den Berg stemmen und hinaufkeuchen. Bei 26 Grad Lufttemperatur und einer Steigung von 25 Prozent kommen selbst sportliche Besucher ins Schwitzen. Und dieses Grüppchen ist längst jenseits der 60 Jahre. „Ha, die Gelegenheit gibt’s nicht alle Tage, die muss man nutzen“, antwortet einer der Männer und wischt sich die Tropfen vom Gesicht. „Ja, des lohnt sich echt. Man sieht auch die Käthe, die Tunnelbohrmaschine“, sagt der Mann bevor er sich mit seiner Frau wieder auf den Weg ins Tal macht.

So ähnlich wie die Senioren haben am Wochenende noch Hunderte andere Besucher aus dem Kreis Göppingen und der Region gedacht und sich auf den Weg zu der Baustelle gemacht, auf der sich die riesige Bohrmaschine Käthchen nach fünf Jahren durch den Fels der Schwäbischen Alb bei Mühlhausen gefressen hat. Der Boßlertunnel, der bei Aichelberg in den Berg taucht und bei Mühlhausen herauskommt, ist mit 8,8 Kilometern der längste Tunnel der Neubaustrecke Wendlingen – Ulm.

Die Bürger bringen viele Fragen und eine Portion Sarkasmus mit

Dass man das Auto etliche Kilometer weiter bei Aichelberg oder Geislingen stehen lassen musste und in den Shuttlebus umsteigen oder die Besichtigung mit einer Wanderung oder Radtour von den benachbarten Gemeinden aus verbinden, schien niemanden abzuschrecken. Ebenso wenig wie die der steile Anstieg hinauf zur Baustelle. Familien mit kleinen Kindern, Paare, Senioren, sie alle wollten sich die Chance auf einen Blick auf die gigantische Baustelle, den Tunnel und die ersten Pfeiler der Filstalbrücke, die daran anschließen wird, nicht entgehen lassen. Von der Wut, die in Stuttgart häufig aufflammt, wenn es um Stuttgart 21 und die Neubaustrecke geht, war nichts zu spüren. Stattdessen brachten die Bürger Fragen mit, mit denen sie die Bahnmitarbeiter vor Ort löcherten, eine große Faszination für die Technik und eine Portion Sarkasmus.

„Papa, was kostet das wohl alles“, wollte ein Grundschüler von seinem Vater wissen, als die beiden durch eine der beiden Tunnelröhren marschierten und gemeinsam die Betontübbinge betrachteten die dort verbaut werden, um die Wände auszukleiden, 4355 pro Röhre. „Sehr viel und immer mehr“, war die Antwort des Vaters.

Neubaustrecke eine „sinnvolle Erweiterung“ des Bahnnetzes

„Man kann den Fortschritt halt nicht aufhalten“, ist das Resümee eines Ehepaares aus Gingen, dass sich die Baustelle ebenfalls angeschaut hat. Die Technik, die schiere Größe der Maschinen und natürlich der Bauwerke, das sei schon enorm, finden sie. „Wenn das alles fertig ist, werden wir auf der alten Bahnstrecke im Filstal wahrscheinlich mehr Güterzüge und mehr Lärm haben. Aber so ist das halt“, sagt der Mann ergeben und seine Frau nickt.

Richtig begeistert von der geplanten Neubaustrecke ist Machiel Wilhelm aus Esslingen. Der 48-Jährige ist mit zwei Freundinnen gekommen. Die Neubaustrecke ist aus seiner Sicht eine sinnvolle Erweiterung des Bahnnetzes. „Ein großer Teil der Strecke verläuft ja in Tunneln draußen auf dem Land, da hält sich die Belastung für die Bürger in Grenzen.“ Beim Thema Stuttgart 21 hingegen schüttelt auch er den Kopf. „Das braucht wirklich kein Mensch.“




Unsere Empfehlung für Sie