Müll Nicht nur einer soll sich um den Abfall kümmern

Stuttgarts Mülleimer sind elegant, aber mutmaßlich zu unauffällig Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Stuttgarts Mülleimer sind elegant, aber mutmaßlich zu unauffällig Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Innerhalb eines Jahres gingen 810 Beschwerden wegen vermüllter Wege, Straßen und Plätze bei der Stadt ein. Der Abfallwirtschaftsbetrieb hat eine Studie vorgelegt, die beleuchtet, was zum achtlosen Wegwerfen animiert, und macht Lösungsvorschläge.

Lokales: Barbara Czimmer (czi)
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Stuttgart - Sensationeller Blick auf die Stadt , aber kein Platz zum Sitzen auf dem Gras – die schönen Aussichtspunkte sind vor allem nach dem Wochenende übersät mit Pizzaschachteln und Bechern, Kippen, Grillkohle und Flaschen. Als Extrem­beispiele benennt der Stuttgarter Abfallwirtschaftsbetrieb (AWS) den Santiago-de-Chile-Platz in Degerloch, das Cannstatter Carré und den Hans-Scharoun-Platz in Stuttgart-Rot.

Achtlos weggeworfener Kleinmüll treibt viele Bürger um. „Wir bekamen im Jahr 2015 insgesamt 1080 Beschwerden auf Gelben Karten“, sagt Annette Hasselwander, die Pressesprecherin des AWS. Darunter sind Meldungen zu überfüllten Papierkörben in der Stadt oder Beschwerden, dass der Mülleimer nicht geleert worden ist, „aber 75 Prozent der Gelben Karten betrafen verschmutzte Straßen und Plätze“. Das ist sieben Mal so viel wie noch vor fünf Jahren und ein Zeichen dafür, dass immer mehr Stuttgarter sensibel auf die immer häufigeren Verschmutzungen reagieren.

Fastfood trägt zur Vermüllung bei

Die Herkunft des Kleinmülls ist längst ­bekannt: Viele Stuttgarter und Besucher verweilen öfter und länger in Parks und auf Plätzen, was Fachleute als Mediterranisierung bezeichnen. Sie essen und trinken dort, was durch das große Angebot an Fastfood und Zulieferer längst kein Problem mehr ist, aber Probleme schafft: Bereits im April ­diesen Jahres hatte die CDU-Fraktion im Gemeinderat angefragt, wie die Stadt dem Müll Herr werden könnte: „Das Stadtbild wird von vielen als schmuddelig und schmutzig empfunden“, Ratten und Tauben fänden „einen reichlich gedeckten Tisch vor“, heißt es. Die Stadträte forderten einen Bericht über mögliche Maßnahmen und ­Beispiel gebende Projekte anderer Großstädte ein, den AWS-Geschäftsführer Thomas Heß jüngst lieferte. Er konstatierte: „Kleinmüll wird zunehmend an Ort und Stelle fallen gelassen“, und zwar besonders gern dort, wo schon Müll liegt.

Dies ist eine Erkenntnis aus der so genannten „Littering-Studie“ (vom englischen Wort to litter = verstreuen, wegwerfen, übersäen). Sie ist von den Reinigungsbetrieben verschiedener deutscher Städte, darunter Stuttgart, in Auftrag gegeben worden, um die Ursachen des Wegwerfens zu ergründen und effektiver dagegen vorgehen zu können. Beleuchtet wurde, was zum Wegwerfen veranlasst, welche Typen Müll fallen lassen und in welchen Situationen. Großstadtbewohner wurden befragt, die Müllsünder auch, außerdem hat man deren Blickbewegungen und Pupillendurchmesser dokumentiert und festgestellt, dass „bereits eine leichte Verschmutzung zu Littering-Verhalten animiert“. Als Hauptakteure beim Fallenlassen haben die Wissenschaftler Menschen zwischen 20 und 30 Jahren ausgemacht. Allerdings hätte diese Gruppe „ein gewisses Unrechtsbewusstsein“ – und könnte für gute Argumente erreichbar sein.

Kümmerer und Grillscouts

Gute Beispiele, wie dem Müll Herr zu ­werden sein könnte, gibt es etliche in der Bundesrepublik. Wie in Hamburg hält der AWS den Einsatz so genannter Kümmerer für denkbar. In der Hansestadt sind 15 Personen damit betraut, als Ansprechpartner für Bürger zur Verfügung zu stehen, ergänzende Reinigungsarbeiten auszuführen, überfüllte Papierkörbe zu leeren und den Abfallwirtschaftsbetrieb der Stadt über Missstände zu informieren. Hamburg ­beschreibt den Einsatz der Kümmerer als Erfolgsmodell.

Die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt Düsseldorf hat gute Erfahrungen mit so genannten Grillscouts gemacht. Sie sind in Parks und an Grillstellen unterwegs, verteilen Abfalltüten und klären Müllfragen. Der AWS könnte sich vorstellen, dafür Studenten an beliebten Grillplätzen wie dem Max-Eyth-See, der Egelseer Heide und dem Tappachtal einzusetzen. Von Frankfurt am Main weiß man inzwischen, wie Müllsünder erfolgreich zur Raison gebracht werden: Dort ermahnte man sie einige Wochen lang und verteilte Rote Karten, auf deren Rückseite der Bußgeldkatalog abgebildet war. Bleibt das Bemühen ohne Erfolg, verhängte das Ordnungsamt Bußgelder. Deren Spanne reicht von 30 Euro für weggeworfene Zigarettenkippen bis zu 90 Euro für liegen gelassene Hundehaufen. „Die Kontrollen und Sanktionen müssen allerdings kontinuierlich und zeitnah erfolgen“, sagt Heß.

Vermeidende Wirkung hätten neue Müllbehälter; die bisherigen sind aus Edelstahl und von mausgrauer Farbe und sollten durch große rote oder orangene, auffällige Behälter ersetzt werden. Das allerdings „wäre konträr zu den Vorgaben seitens der Stadtplaner“, schränkt Heß ein. Auch an Kampagnen ist gedacht, die an die Verantwortung der Bevölkerung appellieren. Um die neuen Wege gehen zu können, müssten die Mittel, das Personal und der Fuhrpark der Stadtreinigung allerdings „deutlich aufgestockt werden“, so Heß. Nach Auskunft des Technischen Referats soll sich ein Unterausschuss nun mit den Vorschlägen befassen und eine Strategie entwickeln.




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