Müllanalyse im Rems-Murr-Kreis Viel zu viele Wertstoffe landen im Restmüll – warum das bald teuer werden könnte

Was landet alles in der Restmülltonne? Eine Analyse im Rems-Murr-Kreis fördert Erschreckendes zutage. Foto: Frank Rodenhausen, Gottfried Stoppel

Bioabfall, Glas, Papier, Batterien: Die Restmüllanalyse im Rems-Murr-Kreis zeigt ein Problem. Was in grauen Tonnen landet, könnte Gebühren sparen – wenn es richtig entsorgt würde.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Es ist eine Zahl, die in ihrem Kontext nachhallt: 54 Prozent. So hoch ist der Anteil an Wertstoffen im Restmüll des Rems-Murr-Kreises. Mehr als jede zweite weggeworfene Sache hätte also einen anderen Weg nehmen können – in die Biotonne, zum Wertstoffhof, zurück in den Kreislauf. Stattdessen: Verbrennung.

 

Der erschreckende Befund basiert auf einer gesetzlich vorgeschriebenen Restabfallsortieranalyse, die im zweiten Halbjahr 2025 im Auftrag der Abfallwirtschaft Rems-Murr (AWRM) durchgeführt wurde. Mitarbeitende sortierten dafür Müll – von Hand, Tonne für Tonne. Das Ergebnis ist ebenso klar wie unerquicklich: Nur 46 Prozent dessen, was im Restmüll landet, ist tatsächlich Restmüll.

Bioabfall dominiert Fehlwürfe trotz separater Biotonne

Wer einen Blick in die grauen Tonnen wirft, sieht demnach ein Spiegelbild des Alltags: Küchenabfälle, Verpackungen, Glas, Batterien, sogar Elektrogeräte. Besonders ins Gewicht fällt der Bioabfall. Mit 37,6 Prozent macht er den größten Teil der Fehlwürfe aus. Und das in einem Landkreis, der den Bürgern den Biomüll in einer separaten Tonne von zuhause abholt.

Vieles, was im Restmüll landet, könnte in der Biovergärungsanlage in Neuschöntal gewinnbringend verwertet werden. Foto: Gottfried Stoppel

Noch plastischer wird das Bild durch die Zahlen aus der Analyse: 93,9 Prozent der fehlgeleiteten Bioabfälle bestehen aus Küchen- und Speiseresten. Also genau dem, was eigentlich problemlos getrennt und verwertet werden könnte. Stattdessen landet es im Restmüll und wird verbrannt.

Hohe Kosten durch falsche Mülltrennung im Rems-Murr-Kreis

Die Konsequenz ist doppelt bitter. Zum einen steigen die Kosten, denn Verbrennung ist teuer. Zum anderen gehen Erlöse verloren. Bioabfälle könnten vergoren werden, Biogas erzeugen, Strom liefern. Allein 2024 brachte das laut AWRM rund 1,4 Millionen Euro ein. Geld, das die Gebühren stabilisieren könnte – wenn der Müll richtig getrennt würde.

Die Analyse zeigt auch, wie eng Umwelt und Geldbeutel zusammenhängen. Wertstoffe im Restmüll bedeuten nicht nur ökologische Verluste, sondern auch finanzielle. Denn was verbrannt wird, bringt nichts ein – im Gegenteil.

Lebensmittelverschwendung: 3,3 Kilogramm pro Kopf im Restmüll

Besonders absurd wirkt ein Detail: Verpackte Lebensmittel machen rund drei Prozent des Restmülls aus. Das entspricht etwa 3,3 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Lebensmittel, die erst gekauft, dann entsorgt werden – ein doppelter Verlust für Haushalte und Umwelt.

3,3 Kilogramm verpackte Lebensmittel werden pro Kopf und Jahr in den Restmüll geworfen.

Auch andere Wertstoffe landen im falschen Behälter. Papier, Glas, Metalle, Kunststoffe – vieles davon könnte kostenlos abgegeben und verwertet werden. Stattdessen wird es teuer verbrannt. Die AWRM spricht von „Potenzial zur Gebührenstabilisierung“. Ein technokratischer Begriff für ein ziemlich handfestes Problem.

Elektrogeräte im Restmüll: Brandgefahr durch Batterien

Doch es geht nicht nur ums Geld. Es geht auch um Sicherheit. Denn im Restmüll landen immer wieder Elektrogeräte – oft mitsamt Lithium-Ionen-Batterien. Was harmlos aussieht, kann brandgefährlich werden.

Nicht nur beim Waiblinger Unternehmen Alba haben falsch entsorgte Lithium-Ionen-Batterien schon zu verheerenden Bränden geführt. Foto: Gottfried Stoppel

Schon kleine Beschädigungen können zu Selbstentzündungen führen. Die Brände entstehen oft unbemerkt, etwa im Müllfahrzeug oder in der Anlage. Sie breiten sich schnell aus, gefährden Personal, zerstören Infrastruktur und setzen Schadstoffe frei. Die AWRM warnt vor erheblichen Risiken.

Die Mülltonne wird so zum potenziellen Brandherd. Ein Risiko, das sich mit richtiger Entsorgung vermeiden ließe.

AWRM setzt auf Aufklärung: „Gläserne Mülltonne“ im Fokus

Wie also reagieren? Die AWRM setzt zunächst auf Aufklärung. Informationskampagnen, Animationen, eine „gläserne Mülltonne“, die sichtbar macht, was eigentlich falsch läuft. Der Ansatz: motivierend statt belehrend. Niedrigschwellig, verständlich, nah am Alltag.

Das Ziel ist, das Bewusstsein für den Wert von Abfällen zu schärfen und die Möglichkeiten der Entsorgung transparenter zu machen. Wertstoffhöfe, Biotonne, Sammelsysteme: Vieles ist bereits vorhanden, wird aber offenbar nicht konsequent genutzt.

Ein zentrales Instrument soll künftig ein „Live-Tracker“ sein. Er zeigt öffentlich, wie viel Müll verbrannt wird. Eine Art Echtzeit-Gewissen für den Landkreis. Sichtbarkeit als Druckmittel – ohne Sanktionen.

Gebührenmodell: Mehr Restmüll kostet künftig mehr?

Doch im Verwaltungsrat der AWRM regte sich Zweifel. Reicht Aufklärung aus? Oder braucht es spürbare Konsequenzen? Einige Stimmen plädierten für ein anderes Modell: Gebühren nach Menge. Wer mehr Restmüll produziert, zahlt mehr. Technisch wäre das möglich, die Tonnen sind bereits mit Chips ausgestattet. Die Infrastruktur steht.

Die Logik dahinter ist einfach: Was kostet, wird vermieden. Oder zumindest besser sortiert. Ein Satz, der in der Sitzung fiel, bringt es auf den Punkt: Über den Geldbeutel lasse sich Verhalten am ehesten steuern.

Noch ist das Zukunftsmusik. Offiziell hält die AWRM am Kurs der Information fest. Doch die Tür für strengere Maßnahmen bleibt offen.

Mülltrennung: Wie viel Wert landet im falschen Eimer?

Am Ende steht eine unbequeme Erkenntnis: Mülltrennung ist kein Wissensproblem allein. Die Systeme sind da, die Wege bekannt. Und doch landet zu viel im falschen Eimer.

Vielleicht ist es Bequemlichkeit. Vielleicht Gewohnheit. Vielleicht auch die Unsichtbarkeit der Folgen. Denn was einmal im Müllwagen verschwindet, ist aus dem Blick – und aus dem Sinn.

Die Restabfallsortieranalyse holt diesen Müll zurück ins Licht. Sie zeigt, was schiefläuft. Und stellt eine einfache Frage: Wie viel Wert werfen wir eigentlich weg?

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