Müllsortierung mit Industrie 4.0 Das Ene-Mene-Muh der Kunststoffe

Täglich landet der Verpackungsmüll von 200 000 Gelben Säcken in der Sortieranlage in Ölbronn. Foto: Suez

Welchen Beitrag kann die digitale Technologie leisten im Kampf gegen die Plastikflut? Ein Besuch in Ölbronn, wo die Firma Suez vor wenigen Wochen Europas modernste Sortieranlage für Gelbe-Sack-Müll in Betrieb genommen hat.

Reportage: Akiko Lachenmann (alm)

Ölbronn - Etwa 20 Minuten dauert die Reise eines Joghurtbechers durch die neue Sortieranlage für Leichtverpackungsabfälle in Ölbronn-Dürrn (Enzkreis). Eine Achterbahnfahrt auf 223 Förderbändern, die über vier Ebenen kreuz und quer durch die 5500 Quadratmeter große Halle laufen. Mal geht es rauf, mal runter, mal fährt der Becher durch Kästen, in denen es blitzt, mal durch Trommeln, in denen er rumgewirbelt wird. Anfangs ist der Becher in Gesellschaft mit anderen Materialien, doch am Ende der Reise befindet er sich nur noch unter Artgenossen, mit denen er zusammengepresst zu Ballen einer neuen Existenz entgegenblickt. Zum Beispiel als Kabelhülle.

 

Ein ganzer Pulk von Presseleuten ist der Einladung des französischen Entsorgungsunternehmens Suez gefolgt, um der Transformation von Verpackungsmüll am Standort Ölbronn live beizuwohnen. Denn vor wenigen Wochen ist hier nach Angaben der Firma „Europas modernste Sortieranlage für Leichtverpackungen“ – sprich Gelber-Sack-Müll – in Betrieb gegangen. Täglich sortiert sie Müll aus ungefähr 200 000 gelben Säcken, der aus einem Umkreis von 150 Kilometern anreist – im Jahr sind das 100 000 Tonnen.

Anspruchsvolle Recyclingquoten werden in Ölbronn eingehalten

Doch nicht nur auf die Quantität ist Suez stolz, sondern auch auf die Qualität ihrer Ergebnisse. Hier sollen die anspruchsvollen Recyclingquoten des neuen Verpackungsgesetzes, das Anfang des Jahres in Kraft trat, bereits eingehalten werden. Ein Termin, der in Zeiten von Plastikteppichen auf den Ozeanen ein wenig hoffen lässt. Kann es vielleicht Industrie 4.0 richten? Welches Potenzial steckt in den digitalen Technologien beim Kampf gegen die Plastikflut? Den Rundgang durch die nach Milchsäure und anderen Gärstoffen duftende Anlage führt der Geschäftsführer der Suez Recycling Süd GmbH Jochen Zickwolf höchst persönlich an. Er beginnt dort, wo der Müll angeliefert wird: Lastwagen laden ihre Fracht in einen acht Meter tiefen und 9000 Quadratmeter großen Bunker ab. Ein Elektrobagger auf Schienen wirft die Abfälle auf ein Förderband, das zu einem Trichter führt, in dem die Säcke aufgerissen werden. Dann beginnt der Sortierprozess.

Digitale Helfer können 14 Wertstoffe unterscheiden

Zunächst trennen Trommelsiebe die Verpackungen nach ihrer Größe, nämlich in großen, mittelgroßen, kleinen, noch kleineren und winzigen Müll. An den nächsten Stationen wird Leichtes von Schwerem getrennt, Folien werden abgesaugt, Aluminiumteile durch Magnetfelder entfernt sowie Zwei- von Dreidimensionalem unterschieden. Danach liegt der Müll schön gleichmäßig ausgebreitet auf den Förderbändern, und die Sortierung nach Wertstoffarten kann beginnen.

Bis hierhin war das Verfahren im Prinzip ein mechanisches, nun kommen die optischen und digitalen Helfer ins Spiel: Der Müll durchläuft 21 Nah-Infrarot-Trenner, die das Material erkennen können und immer jeweils eine Materialart mit Hilfe von Kameratechnik abtrennen, so ähnlich wie beim Ene-Mene-Muh-Spiel. Zuerst wird Tetrapak sondiert und geht eigene Wege, dann der Kunststoff PET und so weiter. Die Technik sei nicht neu, betont Zickwolf. Der Schlüssel für die hohe Recyclingquote liege in der schieren Anzahl der Infrarottrenner. „Bisher haben wir nur wenige gängige Kunststoffarten wie Folien oder Hartkunststoffflaschen sondiert. Nun unterscheiden wir nach 14 Wertstofffraktionen, darunter allein neun Kunststoffarten“, erklärt Zickwolf.

Der Mensch wird nur noch für die Endkontrolle gebraucht

Eine weitere Rolle spielt die Vorsortierung nach Größe, Form und Gewicht: Wird der Müll sauber aufgedröselt, können die Laser die Materialarten besser erkennen. Hinzu kommt, dass die Maschinen, die ständig Gewicht und Zusammensetzung des Müllstroms vermessen, miteinander kommunizieren. „So können die Maschinen, je nach dem, was da auf dem Band anrollt, optimal reagieren“, sagt Zickwolf. Der Mensch spielt bei der Sortierung nur noch eine untergeordnete Rolle. Bei lediglich fünf Wertstoffen inspizieren Mitarbeiter in einem Kontrollraum das Ergebnis, beispielsweise bei dem Kunststoff HDPE. „Hier landen auch Silikonkartuschen, die in der Regel nicht völlig entleert sind“, sagt eine Mitarbeiterin. „Die müssen wir rausnehmen, sonst verunreinigen sie das Resultat.“ Anderes Beispiel sind Joghurtbecher, an denen Reste vom Aludeckel kleben. „Wenn wir da kein Auge drauf werfen, landet der ganze Becher in der Alu-Fraktion. Im weiteren Verlauf ihrer Reise werden die Wertstoffe, die zur selben Familie gehören, zusammengeführt und zu Ballen verpresst.

Appell an die Industrie: Setzt mehr Sekundärrohstoffe ein

Was allerdings weder Technologie noch der Suez-Mitarbeiter richten kann: Noch immer landen Steine oder Windeln im Verpackungsmüll. 25 Prozent machen „Fehlwürfe“ aus, berichtet Zickwolf. Auch was am Ende mit den Ballen passiert, steht auf einem anderen Blatt geschrieben. „Wir wissen immerhin, dass alles in Europa verbleibt“, sagt der Geschäftsführer und präsentiert den Besuchern ein paar Produkte, die aus solchen Abfällen hergestellt wurden: eine Gießkanne, einen Einkaufskorb und einen Rollkoffer.

Zickwolf würde sich wünschen, noch mehr präsentieren zu können. „Es wäre schön, würden sich noch mehr Hersteller bereit erklären, Sekundärrohstoffe zu verwenden“, sagt er in Richtung Industrie. „Das funktioniert aber nur, wenn wir alle beginnen, beim Einkaufen auf solche Dinge zu achten.“

Das kleine Einmaleins der Mülltrennung

Verpackungsgesetz
Seit dem 1. Januar dieses Jahres sind die Recyclingquoten für Verpackungen gestiegen: Ein neues Gesetz sieht vor, dass beispielsweise 58,5 Prozent der Kunststoffverpackungen wiederverwertbar sein müssen. Davor lag die Quote bei 36 Prozent. 2022 soll sie auf 63 Prozent steigen. Experten halten die Quoten für nicht aussagekräftig, da Kunststoffreste zum Teil ins Ausland exportiert werden, wo sie nicht immer sinnvoll verwendet werden. Deshalb haben 187 Staaten ein Übereinkommen unterzeichnet, das den Export von Kunststoffresten erschweren und transparenter machen soll.

Verhaltenskodex
Nicht nur Verpackungen mit grünem Punkt gehören in den Gelben Sack, sondern alles aus Kunststoff, Metall und Verbundstoffen. Ausnahmen kann man hier nachlesen: www.gruener-punkt.de. Wichtig ist, Verpackungen nicht ineinander zu stülpen, sonst können sie nicht getrennt erfasst werden. Am wirksamsten ist es, Verpackungsmüll zu vermeiden. Derzeit produziert ein Deutscher pro Jahr 220 Kilo.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Gelber Sack