Nach Facebook-Appell Vaihinger Getränkehändler wird zum Internetgespräch

Von  

Sein Kampf gegen Plastik und sein offener Brief zu diesem Thema haben den Getränkehändler Hans-Peter Kastner binnen weniger Stunden über die Stadt hinaus bekannt gemacht. Wer ist dieser Mensch und warum ist ihm Umweltschutz so wichtig?

Hans-Peter Kastner will künftig nur noch Glasflaschen verkaufen, um Plastikmüll zu reduzieren. Foto: Alexandra Kratz
Hans-Peter Kastner will künftig nur noch Glasflaschen verkaufen, um Plastikmüll zu reduzieren. Foto: Alexandra Kratz

Vaihingen - Die Stimmung ist hervorragend. Hände werden geschüttelt, ein freundschaftlicher Klaps auf den Rücken, ein paar nette Worte – so begrüßen die Mitarbeiter des Getränkehandels Kastner ihre Kunden. Mit den meisten sind sie per Du, man kennt sich. Der Getränkefachmarkt im Gebiet Unterer Grund ist ein typischer Familienbetrieb.

Der Chef Hans-Peter Kastner ist gerade irgendwo im hinteren Teil des Ladens zugange, stapelt vermutlich mal wieder Getränkekästen oder schreibt Bestelllisten. Derzeit ist er auch viel mit Journalisten im Gespräch. Denn nicht nur die lokalen Medien, sondern auch überregionale Zeitungen und das Fernsehen haben derzeit großes Interesse an dem gelernten Kaufmann. Am Montag dieser Woche hatte er auf seiner Facebook-Seite einen offenen Brief an seine Kunden veröffentlicht. Er ruft dazu auf, keine Plastikflaschen und Dosen mehr zu kaufen, sondern auf umweltfreundlichere Mehrwegflaschen aus Glas zu setzen. Der ausgedruckte Brief umfasst knapp zwei Din-A4-Seiten und hängt am Eingang des Getränkemarktes – für all diejenigen, die nicht im Internet unterwegs sind.

Er kümmert sich nicht um das, was andere über ihn sagen

Hans-Peter Kastner erscheint mit einem Lächeln auf den Lippen. Er ist groß und kräftig, sein Händedruck verrät, dass er ein Mann ist, der selbst anpackt und was schafft. Platz nehmen fürs Interview? Geht nicht, Stühle gibt es nicht. Kastner verweist statt dessen auf einen Turm aus Bierkästen als Tisch. Turnschuhe, Blue Jeans und grüne Sweatjacke mit Rennfahrer-Aufdrucken, der 41-Jährige ist eher der legere Typ. Er kümmert sich nicht so sehr um das, was andere über ihn sagen. Er ist er selbst – was derzeit nicht immer einfach ist.

Bereits 2,5 Millionen Internetnutzer haben seinen offener Brief zum Thema Müllvermeidung und Plastikverzicht angeklickt. Der Artikel ist mehr als 30 000-mal geteilt und mehr als 2300-mal kommentiert worden. Kastner hat in der vergangenen Woche mehr als 10 000 Nachrichten auf sein Handy bekommen. Der überwiegende Teil der Reaktionen sei positiv. Der befürchtete Shitstorm sei ausgeblieben, sagt Kastner. Und dennoch gibt es natürlich auch Kritiker. Diejenigen, die meinen, das Plastikflaschen richtig recycelt besser sind für die Umwelt als Glasflaschen. Diejenigen, die von Heuchelei sprechen und darauf hinweisen, dass es auch bei Kastners Jahre lang Dosen im Regal gab. Und diejenigen, die ihm vorwerfen, dass er sich nur in das Licht der Öffentlichkeit rücken möchte.

Sein Geschäft hat er von der Pike auf gelernt

Damit müsse man leben, findet der Kaufmann. Er verfolgt die Diskussion im Netz, soweit es seine Zeit erlaubt und versucht, auf möglichst viele Kommentare zu reagieren. Dabei schreibt er das, was er gerade denkt. Manchmal sei er vielleicht ein wenig patzig, gibt er zu. Wegen des immensen aktuellen Rummels um seine Person haben ihn schon mehrere Kollegen dazu geraten, sich einen Medienberater zuzulegen. „Wenn du nur einen falschen Satz sagst, dann ist es aus. Die drehen dir die Wörter im Mund rum“, hätten sie gewarnt. Aber Kastner will keinen Berater. „Ich will nicht sein, wie die kleine schwedische Greta, die mittlerweile auch mehr vom Blatt liest als mit den Menschen spricht“, sagt der Getränkehändler. Zu den Friday-For-Future-Demos habe er sowieso ein gespaltenes Verhältnis. Das sei ihm ein bisschen zu viel Tamtam, zu viel reden im Großen, statt handeln im Kleinen.

Kastner macht das, was er macht, richtig. Sein Geschäft hat er von der Pike auf gelernt. Schon sein Vater hatte in Vaihingen einen Getränkemarkt, damals an der Büsnauer Straße. Dort war er oft als kleiner Bub. Manche seiner Kunden kennen Kastner noch als Kleinkind. Als Erwachsener entschied sich Kastner für den Kaufmannsberuf und ging danach erst einmal ins Ausland. Acht Jahre lang lebte er in Kanada. Dann kam er zurück und eröffnete einen Getränkelieferservice. Als sich der einstige Inhaber des Getränkemarktes im Gebiet Unterer Grund zur Ruhe setzte, übernahm er den Fachmarkt. Seitdem ist der Betrieb deutlich gewachsen.

Getränkehändler fordert ein Verbot von Plastikflaschen

„Was ich mache, mache ich immer aus voller Überzeugung und mit ganzem Herzen“, sagt er. Das würde er sich oft genug auch von den Politikern wünschen, sagt er. Kastner ist hervorragend informiert, verfolgt regelmäßig die Nachrichten, weiß viel über die Welt. Ein politischer Mensch ist er dennoch nicht. Ihm ist es nicht so wichtige, ob die Schwarzen, die Grünen, die Roten oder die Gelben regieren. Ihm ist es wichtig, dass Politiker sinnvolle Entscheidungen treffen. Zum Beispiel in Bezug auf den Klimawandel, der seiner Meinung nach nur noch verlangsamt und nicht mehr aufgehalten werden kann. Kastners Forderung „Plastikflaschen gehören verboten.“ Doch das wage niemand wegen der Übermacht der großen Konzerne, so seine Meinung.

Der Vaihinger Getränkehändler macht da nicht mehr mit. Die vielen positiven Reaktionen auf seinen offenen Brief haben ihn dazu ermutigt, das Wagnis einzugehen und vom 1. August an in seinem Getränkemarkt völlig auf Plastikflaschen zu verzichten. Große Schilder in seinem Laden weisen bereits jetzt daraufhin. Eigentlich wollte Kastner erst eine Umfrage unter seinen Kunden zu diesem Thema machen. Aber das habe sich nun schon erübrigt. „Ich werde Kunden verlieren, da bin ich sicher. Aber vielleicht gewinne ich auch den ein oder anderen neuen dazu“, sagt Kastner. Und wenn nicht? „Dann hat es nicht sollen sein. Aber man kann nicht ökologisch denken, wenn man immer nur betriebswirtschaftlich denkt“, so seine Überzeugung.

Kurz nachdem Hans-Peter Kastner mit seinem offenen Brief auf Facebook eine Lawine losgetreten hatte, wollten wir von unseren Lesern im Netz wissen, wie sie zu diesem Thema stehen. Inzwischen haben sich rund 1000 Menschen durch die Fragen geklickt. Die überwältigende Mehrheit von 93 Prozent ist der Meinung, dass der Getränkehändler mit seiner Kritik grundsätzlich recht hat. Man sollte weniger Einwegflaschen kaufen, um die Umwelt zu schonen. Immerhin 76 Prozent der Teilnehmer wären gewillt, ganz auf Plastikflaschen und Dosen zu verzichten, gleich ob Einweg oder Mehrweg. Und 81 Prozent wollen eigentlich auch keine Plastikverpackungen bei Käse, Wurst und anderen Lebensmitteln. Wie so oft, klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Von den Befragten verzichten nämlich nur 58 Prozent tatsächlich auf Einwegflaschen. 42 Prozent nutzen sie weiterhin.

Sonderthemen