Die Schönheit des Ortes offenbart sich erst auf den zweiten Blick. „Wir befinden uns hier in einer der größten Freiluftgalerien Deutschlands“, sagt Martin Arz. Der 56-Jährige ist Schriftsteller und Experte für Street-Art. Er geht mit offenen Augen durch die Stadt und fotografiert die Kunstwerke, die ihm begegnen. Denn sie könnten bald wieder weg sein.
Graffiti leben vom Reiz des Verbotenen, die Bilder entstehen oft illegal. Die Künstler arbeiten unter Pseudonym, wollen unerkannt und damit auch straffrei bleiben. In den 80er Jahren schwappte der Trend aus New York nach Europa. „Ob man es glaubt oder nicht: München war Vorreiter der deutschen Graffiti-Szene“, erzählt Martin Arz. 1985 besprühten sieben Schüler in einer Nacht-und-Nebel-Aktion am Endbahnhof der S 4 in Geltendorf einen kompletten Zug – der erste „Whole Train“ Europas. Die Jungs wurden erwischt und wegen Sachbeschädigung zu einer Geldstrafe verurteilt.
Graffiti im Badezimmer des Oberbürgermeisters
Zu der Gruppe gehörte auch ein gewisser Matthias Köhler. Heute ist der unter dem Künstlernamen Loomit bekannte Sprayer so etabliert, dass sich sogar der ehemalige Münchner Oberbürgermeister Christian Ude das Badezimmer von ihm verschönern ließ.
Die bayerische Landeshauptstadt kooperiert seit einigen Jahren mit Writers Corner München, dem Zusammenschluss der Graffiti-Szene. Indem man bestimmte Flächen freigibt, sollen illegale Schmierereien verhindert werden, das verbrauchte Material bezahlt die Stadtkasse. Und da kommen schon mal ein paar Dosen zusammen: Die Bilder unter der Donnersberger Brücke sollen einen Materialwert von 15 000 Euro haben. Ein Honorar wurde allerdings nicht bezahlt.
2011 wurden hier erstmals mehr als 30 graue Pfeiler mit Farbe verziert, 2016 gab es eine Auffrischung und Erweiterung. Auf den kunterbunten Wänden gibt es viel zu entdecken: Comics, Bilder im Fantasy-Stil, Karikaturen, Schriftzeichen. Martin Arz zeigt auf Figuren mit mangamäßig großen Augen: „Das ist von Beastiestylez, eine der wenigen Frauen der Szene.“ Hinter dem Pseudonym verbirgt sich die Münchner Grafikdesignerin Nadja Voß. Das hyperrealistische Frauengesicht ein paar Schritte weiter hat Markus Müller alias Won mit seiner Sprayer-Crew ABC (Art Bombing Clan) gesprüht. Die Geschichte dazu ist traurig: Es zeigt eine Verstorbene.
Die Kunst ist Wind und Wetter ausgeliefert
Außer der Donnersberger Brücke gibt es noch weitere Street-Art-Hotspots: an der Brudermühlbrücke, am Candidplatz und in der Unterführung der Luitpoldbrücke. Bei seinen Führungen hat Street-Art-Experte Martin Arz immer Angst, dass das Werk, das er zeigen möchte, weg sein könnte. „Es gibt einen Ehrenkodex, dass man schöne Bilder eines anderen nicht einfach übermalt. Aber mancher Spacko hält sich nicht dran“, sagt der 56-Jährige. Ein Graffito kann nicht nur jederzeit zerstört, übermalt oder beschmiert werden. Es ist auch schutzlos Wind und Wetter ausgesetzt. Dafür sind die Werke für jeden zugänglich.
Street-Art sucht sich Orte, die nicht unbedingt schön, aber frequentiert sind. Wichtig ist, dass die Kunst zu den Menschen kommt und nicht umgekehrt. Dennoch gibt es in München auch ein Graffiti-Museum. Ein Widerspruch? „Wir sind ein Schutzraum für die Weiterentwicklungen der Street-Art“, sagt Stephanie Utz. Die 41-Jährige hat das Museum für Urban und Contemporary Art (MUCA) 2016 zusammen mit ihrem Mann Christian gegründet. Beide sind Betriebswirte und machten ihre Passion zum Beruf. In einem ehemaligen Umspannwerk der Münchner Stadtwerke richteten sie Deutschlands erste überdachte Sammlung für urbane Kunst ein. Zu sehen sind kleine, bewegliche Objekte wie Vorstudien und Entwürfe, meist von internationalen Künstlern. Darunter sind auch einige Schablonengraffiti des legendären Banksy, dem britischen Street-Art-Künstler, der um seine wahre Identität nach wie vor ein großes Geheimnis macht.
Deutschlands erstes Museum für Urban Art
Das Gebäude liegt einen Steinwurf vom Marienplatz entfernt, die Investoren rissen sich um die Liegenschaft. Doch die Kunst bekam den Zuschlag. „Die Stadtwerke haben ein Herz für Urban Art“, sagt Stephanie Utz und erzählt, dass der Künstler Loomit in Obergiesing ein Haus der Stadtwerke von oben bis unten besprühen durfte. Auch das MUCA hat ein überdimensionales Werk zu bieten: Die Fassade wurde von Stohead alias Christoph Hässler gestaltet, einem aus Schwäbisch Hall stammenden Kalligrafie-Künstler.
Die Bandbreite von Street-Art ist groß. Das Gegenstück zur kuratierten Sammlung findet sich in der Tumblinger Straße im Stadtteil Isarvorstadt. Hier steht eine sogenannte Hall of Fame – eine Wand, die zum Besprühen freigegeben ist und sich ständig verändert. Street-Art, wie sie früher war: wild und ungeordnet. Alternativ und rau geht es auch ein paar Schritte weiter auf dem Gelände des Alten Schlachthofs und des alten Südbahnhofs zu. „Bahnwärter Thiel“ – nach der Novelle von Gerhart Hauptmann – nennt sich eine kleine Kulturstadt aus alten Schiffscontainern, einem ausrangierten Bahnwaggon und einem Tramwagen. Hier kann man nicht nur Graffiti anschauen, sondern auch mittendrin feiern oder Veranstaltungen besuchen.
Das Schiff auf der Brücke
Wie die Straßenkunst ist auch dieses Subkulturprojekt vergänglich: „Wir haben den Platz nur bis 2021 gepachtet“, sagt Initiator Daniel Hahn. Dann werden auf dem Gelände Wohnungen, eine Kindertagesstätte, Gewerberäume und das neue Volkstheater entstehen. Die Bauarbeiten haben schon begonnen. Wohin dann? Hahn weiß es nicht. Doch Aufgeben kommt für den 29-Jährigen nicht infrage. Er ist ein Spezialist für die Realisierung absurder Ideen und findet Wege in noch so aussichtslosen Situationen. 2018 kaufte er den ausrangierten Ausflugsdampfer „MS Utting“. Er schweißte das Schiff horizontal in drei Teile, ließ es vom Ammersee nach München transportieren und auf einer stillgelegten Eisenbahnbrücke neu zusammensetzen. Die „Alte Utting“ hat nur eine Genehmigung bis 2022. Aber nachdem sogar die „New York Times“ das Teil ziemlich cool fand, besteht Hoffnung. München hat schließlich ein Herz für Abseitiges.
Anreise
Mit dem ICE ab Stuttgart nach München, www.bahn.de. Innerhalb der Stadt bewegt man sich am besten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. App der Münchner Verkehrsbetriebe unter: www.mvv-muenchen.de.
Unterkunft
Das neue Andaz München Schwabinger Tor im Stadtteil Schwabing ist zwar ein Ableger einer internationalen Hotelkette, präsentiert sich aber persönlich wie ein privat geführtes Haus. Tolles
Design, herausragende Bar im 12. Stock, Doppelzimmer ab 300 Euro, www.andazmunichschwabingertor.com.Im ebenfalls brandneuen Jams Hotel dreht sich alles um Vinyl: Schallplatten als Wanddeko, Plattenspieler auf den Zimmern, die Einrichtung rockt im Stil der siebziger Jahre. Das Musikhotel liegt partytechnisch günstig im Ausgehviertel Haidhausen. DZ ab 150 Euro, www.jams-hotel.com.
Aktivitäten
Street-Art-Führung mit Martin Arz, Dauer ca. 2,5 Stunden, Preis: 14 Euro zuzüglich MVV-Ticket, Termine und Buchung unter www.muenchen-safari.de. Buchtipp: Martin Arz „Munich Walls“, Hirschkäfer Verlag, 24 Euro.Museum of Urban and Contemporary Art (MUCA), geöffnet Mi.–Sa. 10–20 Uhr, So. 10–18 Uhr, Eintritt 7,50 Euro, ermäßigt 5 Euro. Auch das MUCA veranstaltet Stadtführungen. Mit dem Rad (wird gestellt) geht es 3–4 Stunden durch die Stadt und danach in die Ausstellung. Preis: 40 Euro, ermäßigt 25 Euro, www.muca.eu.Infos zur Alten Utting: www.alte-utting.de, Bahnwärter Thiel: www.bahnwaerterthiel.de, Infos zu den Münchner Künstlern unter www.loomit.de, www.beastiestylez.de, www.wonabc.com.
Allgemeine Informationen
München Tourismus, www.einfach-muenchen.de