München Neues jüdisches Leben in alter Synagoge
Die Zeiten sind schwer, doch in München ist das bezaubernd sanierte Gotteshaus in der Reichenbachstraße eingeweiht worden. Beim Festakt kommen Kanzler Merz die Tränen.
Die Zeiten sind schwer, doch in München ist das bezaubernd sanierte Gotteshaus in der Reichenbachstraße eingeweiht worden. Beim Festakt kommen Kanzler Merz die Tränen.
„Es ist vollbracht.“ Sofort nach dem ersten Satz der ersten Rede an diesem Abend brandet Rachel Salamander der Applaus entgegen. Dieser 76-jährigen Münchner Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Jüdin ist wesentlich zu verdanken, dass die alte, lange vergessene Synagoge in der bayerischen Landeshauptstadt von Grund auf saniert wurde und nun wieder eingeweiht wird. Dass hier neues jüdisches Leben einzieht.
Salamander steht am hellen Holzpult, hinter ihr der mit einem Vorhang verhüllte Thoraschrein, darüber ein gelb strahlender Davidstern. Sie spricht von einem „historischen Augenblick“ und dass eine der „wahrhaft schönsten Synagogen der Moderne“ gerettet sei.
500 Gäste sind gekommen zur Einweihung in den Hinterhof der Reichenbachstraße 27 im Gärtnerplatzviertel. Die Straße ist von der Polizei abgesperrt, die Umgebung wird bewacht, 200 Münchner Beamte sind im Einsatz. Am Einlass gibt es massive Kontrollen. Viel Prominenz ist gekommen – Charlotte Knobloch, 92-jährige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München; Ministerpräsident Markus Söder (CSU); der 92-jährige Franz von Bayern samt Partner, Oberhaupt der Wittelsbacher und Kunstmäzen.
Und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der sich gegen den wachsenden Antisemitismus stemmt und das Versprechen abgibt, alles zu tun, damit Juden in Deutschland ohne Angst leben können. Er prangert an, dass in Deutschland keine Synagoge, kein jüdischer Kindergarten, keine jüdische Schule ohne Polizeischutz auskommt.
Man merkt, dass das für ihn kein Termin wie jeder andere ist. Merz erzählt, dass Rachel Salamander in einem Buch beschrieben hatte, wie sie als Kind, als „Displaced Person“, nach der NS-Barbarei und die Judenvernichtung fragte: Warum hat uns keiner geholfen? Da bricht dem Kanzler die Stimme, er schluchzt, ist den Tränen nahe.
Die Geschichte der Synagoge Reichenbachstraße ist verwinkelt, schlimm, wunderbar. Und einzigartig. 1931 wurde sie von dem erst 30-jährigen jüdischen Architekten Gustav Meyerstein geplant und in nur vier Monaten errichtet. Im damals modernen, schlichten Bauhausstil. Schon da ging es den Juden nicht gut in München und in Deutschland, die Gemeinde hatte wenig Geld, es kamen viele verfolgte Juden aus osteuropäischen Ländern.
Meyerstein verzichtete auf Prunk, stattdessen bespielte er das neue, langgezogene Hinterhofgebäude mit Farben und Licht. Je nach Sonneneinstrahlung dominierten gelb, orange oder blau an den verschiedenen Wänden. Das Glasdach machte alles heller. Von einem „radikalen Minimalismus“ spricht Rachel Salamander und einem „sinnlichen Farberlebnis“.
Der Architekt machte es danach richtig: Er erkannte die Zeichen der Zeit und emigrierte 1932 nach Palästina. Im späteren Israel nahm er eine bedeutende Rolle ein, maßgeblich baute er mit am neuen Tel Aviv und errichtete das Wohnhaus des Staatsgründers David Ben-Gurion.
In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge von den Nazis verwüstet, aber nicht niedergebrannt. „Man wollte“, so sagt es Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) in seiner Rede bitter, „verhindern, dass Flammen auf die nichtjüdischen Nachbarhäuser übergreifen.“ Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Diktatur war die einstige Synagoge das einzige überhaupt noch bestehende jüdische Gebäude in ganz München.
Unter der amerikanischen Besatzung wurde das Gebetshaus notdürftig saniert, die nach dem Holocaust noch bestehende jüdische Gemeinde zog 1947 wieder ein. „Es war fast 60 Jahre lang unser schlagendes Herz“, erinnert sich Charlotte Knobloch. In einem früheren Gespräch hatte sie erzählt: „Ich habe dort geheiratet, unsere Kinder haben das Haus von klein auf gekannt.“ Nach dem Krieg gab es wenig Verbindungen zwischen Nicht-Juden und Juden. Knobloch meinte auch: „Es wurde den Juden in Deutschland nicht verziehen, dass sie überlebt hatten.“
Die Verwaltung der Kultusgemeinde war im Vorderhaus untergebracht, darüber ein Altenheim. Am Abend des 13. Februar 1970 wurde ein Brandanschlag auf das Heim verübt, sieben Bewohner kamen ums Leben, zwei von ihnen hatten den Holocaust überlebt. Die Täter wurden nie gefasst.
Anfang der 1990er-Jahre zogen viele Juden aus Osteuropa und den Sowjet-Republiken zu, an der Reichenbachstraße 27 wurden die Verhältnisse immer enger und bedrängter. Charlotte Knobloch und die Gemeinde setzten sich für den Bau einer neuen Synagoge ein. Diese wurde samt jüdischem Zentrum 2006 am Jakobsplatz in der Nähe des Viktualienmarkts eingeweiht – eine große, repräsentative Anlage. Vor 1933 hatte die Gemeinde 15 000 Mitglieder, jetzt sind es 9500.
Und die Reichenbachstraße? War verlassen, geriet irgendwie in Vergessenheit. Rachel Salamander erinnert sich noch heute genau daran, wie sie 2011 einen jüdischen Bestatter aufsuchte, um eine Beerdigung zu organisieren. Wie sie auf dem Weg durch die schmutzbedeckten Fenster der einstigen Synagoge blickte und den Verfall sah. Da dachte sie: Das kann nicht sein, dieses einstige Juwel muss wiederbelebt werden. Sie gründete mit dem Rechtsanwalt Ron C. Jakubowicz den „Verein Synagoge Reichenbachstraße“, der sich für die Sanierung in den Originalzustand von 1931 einsetzte. Und zwar sehr beharrlich. Knobloch sagte, als Salamander ihr von dem Plan erzählte: „Eine noble Idee, machen Sie!“ Die beiden Frauen sind so etwas wie die Grandes Dames des Münchner Judentums.
Der Verein wirbelte auf allen Ebenen: Man grub alte Pläne des Architekten Meyerstein aus, redete mit dem Denkmalamt, Bauexperten, Historikern, der Politik. Stadt, Freistaat und Bund bezahlten 12,6 Millionen Euro zu gleichen Teilen, 1,6 Millionen wurden durch Spenden eingenommen.
Jetzt ist die neue alte Synagoge fertig. In einer Zeit des massiven Antisemitismus, des Gaza-Krieges und des weltweiten Streits darüber. In der Juden sich bemühen, auf der Straße nicht als Juden erkannt zu werden. In der jetzt Gaza-Stadt brutal bombardiert wird. Die Reichenbachstraße 27 soll neben einem religiösen Ort auch ein Begegnungszentrum werden – mit Konzerten und Diskussionen. Rachel Salamander sieht ihn auch als guten Ausgangspunkt für Führungen durch das jüdische München. Charlotte Knobloch sagt: „Dieses Gebäude ist ein Versprechen.“
Die Gäste bei der Einweihung sind sichtlich begeistert. „Das ist wunderschön“, sagt eine Frau zu ihrem Mann oben im ersten Stock, wo bei Gottesdiensten die Frauen sitzen. Besucher sind aus Israel und den USA angereist. Auch Emanuel Meyerstein ist aus Tel Aviv gekommen, der Sohn des Architekten Gustav Meyerstein. Zwischen den Reden spielt der Pianist Igor Levit Schubert und Mendelsohn-Bartholdy. Vielleicht gibt es künftig mehr davon. Rachel Salamander wünscht sich jedenfalls, dass die Synagoge „einer der hippesten Plätze der Stadt wird.“