München und Frankfurt überholt Stuttgart hat den Spitzenplatz bei der Wirtschaftskraft

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Die Wirtschaft in Stuttgart ist in einem ausgesprochen guten Zustand. Nach der jüngsten Statistik ist in keiner anderen deutsche Großstadt die Wirtschaftskraft so hoch. Die Landeshauptstadt löst Frankfurt am Main vom Spitzenplatz in der Republik ab.

Daimler ist sicher ein Grund dafür: Stuttgart ist bei der Wirtschaftskraft auf der Spitzenposition. Foto: dpa
Daimler ist sicher ein Grund dafür: Stuttgart ist bei der Wirtschaftskraft auf der Spitzenposition. Foto: dpa

Stuttgart - Dass die baden-württembergische Landeshauptstadt zu den Schwergewichten unter den deutschen Wirtschaftsmetropolen gehört, ist bekannt. Inzwischen aber steht Stuttgart in dem Ranking ganz oben, noch vor Frankfurt am Main und München. Dies sagt jedenfalls die jüngste Statistik zur Wirtschaftskraft der Großstädte. Diese wird üblicherweise berechnet anhand des in den Kommunen erarbeiteten Bruttoinlandsprodukts pro Erwerbstätigem.

Die aktuellsten, vor wenigen Tagen veröffentlichten Zahlen, die wegen des komplizierten und langwierigen Berechnungsverfahrens noch aus dem Jahr 2015 stammen, besagen: Pro Beschäftigtem wurden in diesem Zeitraum in Stuttgart 99 988 Euro erwirtschaftet. Damit ist die Landeshauptstadt bei dieser Kennzahl erstmals an der Bankenstadt Frankfurt vorbeigezogen, wo der Wert von 98 500 Euro erreicht wurde. München kam auf 98 041 Euro. Bereits in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten hatte sich Stuttgart auf dieser Liste hochgearbeitet und war von Platz fünf im Jahr 2000 auf Platz zwei im Jahr 2014 aufgestiegen.

Die Produktivität ist stark gestiegen

Das Bruttoinlandsprodukt pro Erwerbstätigem ist in jenen Großstädten besonders hoch, wo Wirtschaftsbereiche mit hoher Produktivität und Wertschöpfung stark vertreten sind, allen voran das Grundstücks- und Wohnungswesen, Banken und Versicherungen sowie das verarbeitende Gewerbe wie in Stuttgart der Maschinenbau und vor allem der Fahrzeugbau. Während die beiden erstgenannten Wirtschaftsbereiche in Stuttgart ein ähnliches Gewicht haben wie in anderen Großkommunen, trägt das verarbeitende Gewerbe hier mehr als ein Viertel zum Bruttoinlandsprodukt bei – das ist fast doppelt so viel wie in anderen deutschen Wirtschaftsmetropolen. „Für Stuttgart sind die strukturellen Gegebenheiten grundsätzlich günstiger als in den meisten anderen Großstädten“, sagt Werner Münzenmaier. Er war bis 2014 Leiter des Referats Volkswirtschaftliche Grundsatzangelegenheiten, Steuerschätzung und Statistik im Finanzministerium des Landes.

„Hohe Produktivität bedeutet auch Wohlstand“, betont Werner Münzenmaier, das lasse sich am Beispiel Stuttgarts zeigen. So sei das überdurchschnittliche Wirtschaftswachstum seit dem Jahr 2000 in Stuttgart insbesondere durch das starke verarbeitende Gewerbe mit der Autoindustrie getragen worden. Die Bruttowertschöpfung stieg in diesem Bereich bis 2015 um stattliche 90,6 Prozent. Nicht zuletzt diese Dynamik hat dazu geführt, dass in Stuttgart insgesamt das Plus der Wertschöpfung im Jahr 2015 bei 49,2 Prozent lag und damit deutlich über dem Bundesschnitt von 43,3 Prozent.

Auch Löhne und Gehälter sind hoch

Diese Entwicklung hat positive Auswirkungen nicht nur auf den Haushalt der Kommune. So erreichten die Gewerbesteuereinnahmen im vergangenen Jahr den hohen Wert von 659 Millionen Euro. Auch die durchschnittlichen Löhne und Gehälter sind in Städten, die von der Autoindustrie geprägt sind, im Vergleich besonders hoch. So lag das Jahresbrutto eines Beschäftigten in Deutschland im Jahr 2015 im Schnitt bei 39 693 Euro. In Baden-Württemberg betrug dieser Wert immerhin 42 622 Euro. In Stuttgart waren dies 52 337 Euro. Das sind zwar nicht die 62 218 Euro wie in Wolfsburg, ­anders als in der VW-Stadt sind in Stuttgart aber auch nicht über 60 Prozent der Beschäftigten in der Autoindustrie tätig – was eine Studie aus dem Jahr 2010 ergeben hat –, ­sondern nur etwa zehn Prozent.

Werner Münzenmaier gehört jedenfalls nicht zu denen, welche die vor Jahren immer wieder vorgebrachte These vertreten, Stuttgart habe einen zu schwachen Dienstleistungssektor und deshalb ein Problem. „Viele Tätigkeiten auch bei Daimler und Porsche sind heute Dienstleistungstätigkeiten, zum Beispiel in Forschung und Entwicklung“, sagt der 68-Jährige, der die Daten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung für das Statistische Amt der Stadt ausgewertet hat.

Auch Personalabbau ist ein Grund

Allerdings kennt auch Münzenmaier die durchaus vorhandene Kehrseite der dargestellten Erfolgsgeschichte. Denn was die Entwicklung der Beschäftigung angeht, ist der Beitrag des Dienstleistungssektors doch stärker als der des verarbeitenden Gewerbes. So hat seit dem Jahr 2000 die Beschäftigung in Stuttgart um 8,4 Prozent zugenommen. Im Herbst 2015 zählte man in Stuttgart 395 077 versicherungspflichtige Beschäftigte, so viele wie seit den 1970er Jahren nicht mehr. In dieser Zeit aber nahm die Beschäftigungszahl im verarbeitenden Gewerbe um 9,5 Prozent ab. Die hohe Produktivität der Beschäftigten in dem Bereich, der im Autosektor noch besonders ausgeprägt sei, gehe also auch auf das Konto einer starken Rationalisierung und von Investitionen in Technik und Maschinen. Der Personalabbau sei aber vor allem in den Jahren nach der Finanzkrise erfolgt, seit etwa 2010 sei dies wieder anders, erklärt Münzenmaier.

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