Vor einem Jahr war er am Boden: Jetzt hat sich Bastian Schweinsteiger mit dem FC Bayern zu neuer Größe aufgeschwungen – und steht im Champions-League-Finale vor der Krönung seiner Karriere.
München - Diesen Abend wird Bastian Schweinsteiger nie vergessen. Diesen 19. Mai 2012, als der Ball einfach nicht mehr ins Tor wollte, gegen den Pfosten rollte und am Aluminium alle Titelhoffnungen des FC Bayern zerschellten. Nur wenige Augenblicke danach schwand die ganze Kraft aus Bastian Schweinsteigers durchtrainierten Beinen. Der Münchner Fehlschütze lag nach dem verlorenen Elfmeterdrama gegen den FC Chelsea weinend auf dem Rasen – und wurde so zum Sinnbild des Scheiterns im Champions-League-Finale im eigenen Stadion.
Jetzt dient Bastian Schweinsteiger wieder als Sinnbild – für die Rekord-Bayern. Noch nie waren die Münchner so gut und kein anderer Fußballer aus dem Nobelkader gilt so sehr als Gradmesser dafür, was die Bayern sportlich erreichen können. Er hat sie in das Endspiel gegen Borussia Dortmund geführt. Zum dritten Mal in vier Jahren geht es morgen darum, Europas Edelliga zu gewinnen. Und wahrscheinlich sehnt sich kein anderer Bayern-Profi so sehr danach, endlich diesen Henkelpokal nach München zu holen. Bastian Schweinsteiger sagt dennoch: „Klar ist es etwas Schönes, wenn man einen internationalen Titel holt. Aber ich lebe auch nicht länger, wenn ich ihn jetzt gewinne.“
Das ist ein typischer Schweinsteiger. Eine Aussage voller Zurückhaltung, aber mit großer Ernsthaftigkeit. Der 28-jährige Mittelfeldspieler mag öffentlich nicht in die Vollen gehen. Auch wenn es in Interviews jetzt wieder darum geht, dass er zwar schon sechsmal Meister und fünfmal Pokalsieger geworden sei, aber noch immer einer internationalen Trophäe nachrenne. Dann sucht er nach den passenden Worten, spricht leise. Er tritt nur im Mannschaftskreis auch mal lauter auf.
Schweinsteiger kennt seinen Status
Dass sein Wort intern Gewicht hat – daran gibt es keinen Zweifel, selbst wenn Bastian Schweinsteiger Debatten erdulden muss, die seine Führungsqualitäten infrage stellen. Auf Chef- oder gar Chefchendiskussionen lässt er sich aber nicht mehr ein. Was auch mit seinem persönlichen Reifeprozess zu tun hat. Bastian Schweinsteiger ist schon lange nicht mehr der Bengel aus Oberaudorf, der sich die Haare blondiert oder die Fingernägel lackiert und nachts in Frauenbegleitung in das Trainingszentrum an der Säbener Straße eindringt. Er sei ein selbst- und pflichtbewusster junger Mann, wie Uli Hoeneß anmerkte, als der Clubpräsident vor Bekanntwerden seiner Steuersünden noch als moralische Instanz galt.
Bastian Schweinsteiger kennt seinen Status, sportlich und darüber hinaus. Dabei ist es interessant, dass diese Auseinandersetzungen über seine Rolle beim FC Bayern oder der Nationalelf stets national geführt werden, nicht international. Im Ausland gilt Bastian Schweinsteiger als Weltklassemann, als der angesehenste Vertreter der neuen deutschen Fußballergeneration.
Auch Jupp Heynckes sieht seinen Schützling schon lange auf einer Stufe mit den Besten der Besten – mit Xavi , Andrés Iniesta und Sergio Busquets, der goldenen Mittelachse des FC Barcelona. „Für mich ist Bastian Schweinsteiger im Moment sogar der beste Mittelfeldspieler der Welt“, sagt der Trainer. Und natürlich will er den Spieler vor dem Endspiel im Londoner Wembley-Stadion auch stärken. Doch gerade im Halbfinale gegen Barça hat Bastian Schweinsteiger jene Präsenz auf dem Feld demonstriert, die der Sportvorstand Matthias Sammer von ihm einfordert. Er war im Zentrum des Spiels der Herrscher über Ball, Zeit und Raum.
Schweinsteiger vereint Teamgeist und Einzelkönnen
Mit der Mischung aus körperlicher Robustheit und technischen sowie strategischen Fähigkeiten ist Bastian Schweinsteiger für die Bayern so wertvoll wie noch nie. Ihm gelangen in der Bundesliga sieben Tore, darunter der Siegtreffer in Frankfurt, der die Meisterschaft besiegelte – und das per Hacke. Ein Kunstwerk, das in der Entstehung sowohl für die Kombinationsgabe der Mannschaft stand als auch in seiner Vollendung für die Klasse des Spielers.
Teamfähigkeit und Einzelkönnen: beides verkörpert Bastian Schweinsteiger, dessen aktuelle Champions-League-Bilanz sogar die Besonderheit ausweist, dass die Münchner nur dann unterlagen, wenn er nicht auflief: in der Gruppenphase gegen Borisov und im Achtelfinalrückspiel gegen Arsenal. Beide Male schonte Jupp Heynckes seinen dauerbelasteten Star.
Wie es läuft, wenn Bastian Schweinsteiger fehlt oder nicht im Vollbesitz seiner Kräfte ist, bekam man in der Vorsaison vor Augen geführt. Erst fiel er länger verletzt aus, und die Bayern verspielten ihren Vorsprung auf Dortmund. Danach schleppte er sich angeschlagen durch die Schlussphase der Königsklasse und das EM-Turnier. Mit dem Ergebnis, dass beides enttäuschend endete. „Der Vorteil diesmal ist, dass ich relativ gesund durch die Saison gekommen bin“, sagt Schweinsteiger. Bemerkenswert ist, wie er sich nach den drei frustrierenden zweiten Plätzen mit den Bayern und dem EM-Aus mit der Nationalelf wieder aufgerappelt hat. Gemessen an seinem Leitspruch („Du musst einmal mehr aufstehen, als du hingefallen bist!“), hat er sich sogar zu neuer Größe aufgeschwungen.