„Münchhausen“ von Armin Petras Die theatralische Produktivkraft der Lüge

Von Hans-Christoph Zimmermann 

Alte Freunde unter sich: Jan Bosse inszeniert bei den Ruhrfestspielen das neue Stück des Stuttgarter Intendanten Armin Petras: „Münchhausen“. Es handelt vom Theater, dem Schauspieler und der Lüge. Der Darsteller Milan Peschel macht einen großen Abend daraus.

Milan Peschel spielt sich selbst – und denkt über das Los eines Schauspielers nach. Foto: Festspiele
Milan Peschel spielt sich selbst – und denkt über das Los eines Schauspielers nach. Foto: Festspiele

Stuttgart -

Seit Frank Hoffmann bei den Ruhrfestspielen die Geschicke bestimmt, herrscht auf dem grünen Hügel in Recklinghausen eitel Sonnenschein. Der Mix aus Hochkultur, Glamour und Populismus erzielt immer neue Besucherrekorde. Und nachdem sich die Flaggschiffe des deutschen Stadttheaters anfangs noch zierten, sind nun auch sie regelmäßig mit Premieren dabei: die Koproduktion als Sparmaßnahme.

Das Deutsche Theater Berlin zeigt in diesem Jahr gleich zwei Stücke, darunter die Uraufführung von Armin Petras’ neuem Stück „Münchhausen“ in der Inszenierung von Jan Bosse. Man stolpert bei der Ankündigung, denn der Stuttgarter Schauspiel­intendant tritt diesmal nicht unter seinem Autorenpseudonym Fritz Kater, sondern unter seinem eigenen Namen auf. Liegt es daran, dass es sich bei „Münchhausen“ um einen verkappten Künstlermonolog handelt? Um eine spielerische Reflexion über das Theater selbst?

Ein Schauspieler wartet auf der Bühne auf einen Kollegen, mit dem er ein Münchhausen-Stück spielen soll, und gerät ins Monologisieren. Doch der Darsteller Milan Peschel, der sich verstohlen auf die Bühne des Theaters Marl schmuggelt, sieht im blauen Anzug mit Melone und Regenschirm vor einem blauen Vorhang mit Wolken eher aus, als sei er einem Bild von Magritte entsprungen. Ein Schauspieler spielt sich selbst: „Nicht ich, sondern ich als Figur.“ Petras’ Text ist ein Vexierspiel zwischen Rolle, Schauspieler-Ich und Zitaten aus Peschels Künstlerbiografie, Silbenstolperer und brüllender Diskant inklusive.

Slapstick überm Abgrund

So beiläufig der Text auch daherkommt – „da ist die begegnung zwischen dir und dem material und wieder dir und dann gibt’s da noch nen kollegen“ – und so kongenial er sich auch mit Peschels schnoddrigem Tonfall verbindet: man hat es hier mit einem Besessenen zu tun. Einem, der unaufhörlich spielen will, selbst wenn er sich dafür in einer grotesken Endlosschleife erfundener Münchhausen-Verwandter samt Geburtsdaten verstricken muss. Denn nicht spielen heißt letztlich zu sterben. Peschel trinkt Bier, durchstreift die Hinterbühne, holt einen Zuschauer zu sich hoch und lässt das Publikum die Hände heben.

Die Parallelisierung von Münchhausens Hochstapelei mit der Lüge als Produktivkraft des Darstellerischen ist dabei nur das eine. Das andere: der kleine Schauspielkurs („1. sich aussetzen, 2. mitdenken, 3. in der freiheit ankommen“) erhöht das Geheimnis noch und mündet in eine Machtdemonstration. Peschel steht nur noch in Hemd und Hose da, wenn er von Leonardo und dessen Plan schwärmt, Genua zu fluten. Es liegt etwas Abgründiges in dieser Kunstfigur, auch wenn Jan Bosses Inszenierung ihr eher eine sympathische Souveränität verleiht, auf komödiantische Effekte bis zum Slapstick setzt. Am Ende hat der bullige Martin Otting im Münchhausenkostüm doch noch seinen Kollegen-Auftritt – und alles beginnt von vorn. Das Stück dürfte eher zu den Petitessen im Œuvre des nimmermüden Armin Petras alias Fritz Kater zählen, aber Milan Peschel macht dann doch einen großen Abend daraus.




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