Münchner Haus der Kunst wird 75 Strammstehehn in Stein und Marmor

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Weniger vordergründig spielt das Schokomodell mit den Gegensätzen von NS-Ideologie und Nachkriegsnutzung: das Ewigkeitspathos der Troost’schen Architektur gegen die kurze Haltbarkeitsdauer von Schokolade, die süße Verführung eines „angeblichen Zeitenstillstands“ (Dieter Bartetzko), in dem alle Ängste vor dem Chaos der Republik im Bild der Stramm­stehertektonik von Säule und Pfeiler, Stein und Marmor gebannt waren, gegen den nachmals von deutschen Künstlern wie Dieter Roth gerade wegen seiner Weichheit, Bröseligkeit und Vergänglichkeit geschätzten Werkstoff Schokolade.

Am eindrücklichsten ist die Schau aber dort, wo die originalen Werke der von 1937 an jährlich abgehaltenen „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ und die „Entartete Kunst“ direkt aufeinanderprallen. Ei­ner exemplarischen Auswahl von ger­manischen Maiden („Die vier Elemente“ von Adolf Ziegler, 1937), grobknochigen Bauern in Holzpan­tinen (Hans Schmitz-Wiedenbrück, 1938) oder einer U-Boot-Mannschaft „Im Kampfgebiet des Atlantiks“ (Claus Bergen, 1941) sind Bilder von Max Beckmann („Bade­kabine“, 1928), Franz Marc („Eber und Sau“, 1913), Oskar Schlemmer („Konzentrische Gruppe“, 1922) oder die Bronzeplastik der „Großen ­Knienden“ von Wilhelm Lehmbruck (1911) konfrontiert. Peinlicher Fauxpas des nationalsozialistischen Säuberungskriegs ge­gen die Avantgarde: der Künstler Rudolf Belling tauchte in beiden Ausstellungen auf, sowohl in der „Entarteten Kunst“ mit seinem „Kopf in Messing“ (1925) als auch in der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ mit seiner Skulptur „Max Schmeling“ (1929), die dem ästhetischen Grundsatz Nummer eins der Nazis gerecht wurde, nämlich dass man auf Anhieb erkennen konnte, was es sein sollte.

Spanien geht mit „Guernica“ leer aus

Alles Schwierige, Verfremdete, Gebrochene, Kri­tische galt den Macht­habern in Berlin als krank, als Ausdruck einer pathologischen Ver­irrung. Und dass die faschistische Kunstideologie durchaus nicht nur den deutschen Massengeschmack traf, zeigte sich 1937 bei der Weltausstellung in Paris, wo Gerdy Troost, die Witwe des bereits 1934 gestorbenen Architekten des Hauses der Kunst, den „Grand Prix“ für das im „Deutschen Haus“ präsentierte Modell des NS-Kunsttempels entgegennehmen durfte. Spanien, das nebenan Picassos Jahrhundertwerk „Guernica“ ausstellte, ging derweil leer aus.

Die Auswahl der Modernen in der Jubiläumsschau reicht jedoch über 1937 hinaus. Zu sehen sind abstrakte Werke von Rupprecht Geiger und Ernst Wilhelm Nay, Picasso und Fritz Winter. Denn nach dem Krieg, von 1949 bis 1955, war das Haus der Kunst Hauptschauplatz der Wiedergut­machung an den diffamierten, ins Exil ­getriebenen und mit Arbeitsverbot belegten „entarteten“ Künstlern – ein „Symbol für die Rückkehr und den Triumph der Moderne gegen den nationalsozialistischen Bildersturm“. Nacheinander wurden hier die Ausstellungen „Der Blaue Reiter“ (1949), „Die Maler am Bauhaus“ (1950), Max Beckmann (1951), Wassily Kandinsky und Paul Klee (1954) sowie eine große Picasso-Schau mit „Guernica“ als zentralem Werk gezeigt (1955).

Das alte Misstrauen gegen die zersetzende Wirkung der Avantgarde war mit dem Dritten Reich jedoch nicht ganz untergegangen. So warnte 1954 ein Dr. Frahme vom Auswärtigen Amt in einem Brief an das Bayerische Staatsministerium, „. . . dass die gleiche Picasso-Ausstellung in Italien . . . zu kommunistischen Propagandazwecken missbraucht wurde . . . daher dürfte es sich unter Umständen doch empfehlen, eine gewisse Vorsicht bei dieser Veranstaltung zu beobachten und bei der Auswahl einzelner Werke solche Bilder fortzulassen, die politischen Charakter haben (‚Friedenstaube’).“