Münchner Kammerspiele Von Anfang an geht es bergab

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Der zukünftige Stuttgarter Schauspielchef Armin Petras inszeniert Henrik Ibsens „John Gabriel Borkmann“. Überzeugen kann es aber nicht.

Armin Petras inszeniert an den Münchner Kammerspielen. Foto: Michael Steinert
Armin Petras inszeniert an den Münchner Kammerspielen. Foto: Michael Steinert

München - Auf dem derzeitigen Spielplan der Münchner Kammerspiele stehen genau drei Inszenierungen, die immer schon im Handumdrehen ausverkauft sind: „Wassa“ nach Maxim Gorki, inszeniert von Alvis Hermanis; „Fein sein, bei­nander bleibn“, von und mit der Well-Familie, und Achternbuschs „Susn“ verkörpert von Brigitte Hobmeier (Regie: Thomas Ostermeier). Kein Wunder, obwohl Wunder an den Kammerspielen relativ rar geworden sind. Alle drei Inszenierungen betonen, was man den menschlichen Faktor nennen könnte: Sie zeigen Schauspieler, die auf der Bühne so nahe ans wirkliche Leben herankommen, wie das auf einer Bühne überhaupt nur sein kann. Russland von vor hundert Jahren und Bayern von gestern und vorgestern werden da hier und heute wieder wach, weil das Theater in jedem der drei ästhetisch vollkommen unterschiedlichen Fälle komplett überzeugend ist. Es glaubt an sich.

Für fast schon beängstigend viele andere Stücke an den Kammerspielen hingegen gibt es immer Karten, und dazu wird nun auch der Abend gehören, an dem der künftige Stuttgarter Schauspielchef Armin Petras Henrik Ibsens „John Gabriel Borkmann“ zuerst auf die leichte Schulter nimmt und dann derart energisch flachlegt, dass das Stück sich nimmermehr erholen kann, jedenfalls nicht an den Münchner Kammerspielen.

„Wir müssen hier raus!“

Zu sehen sein könnte ein interessanter Stoff von 1896, denn der ehemalige großbetrügerische Bankdirektor John Gabriel Borkmann, nunmehr nach Gefängnisstrafe daheim vollkommen isoliert lebend, ist ein Mensch unserer Zeit: mit dem Geld anderer Leute hat er sich in einen Wahn hineinspekuliert, von dem er nicht mehr lassen kann. Kommt hinzu, dass Borkmann auch nicht die Frau geheiratet hat, die er liebte, sondern deren Schwester, die finanziell vielversprechender war. Während die beiden Frauen sich gewissermaßen über Borkmanns Grab versöhnen, ruht, wie üblich bei Ibsen, ein klein wenig Hoffnung auf dem Sohn des Hauses, Erhart, der jedoch, wie immer bei Ibsen, nichts ist als eine große Enttäuschung ist. Noch ein Wahnsinniger also. Das Stück braucht eine Regie, die Ibsens teils monströse Rhetoriker auf Menschenmaß bringt. Petras tut das Gegenteil. Er bläst sein Personal auf, bis es vollkommen verzerrt ist. Aus jedem Charakter wird eine Karikatur. Dabei ist Ibsen Petras von Grund auf Wurst, Petras sich selbst aber heilig. Ist es da noch erstaunlich, dass bereits das Bühnenbild diese Schieflage dokumentiert?

Von Anfang an fallen hier nämlich die Schauspieler auf einer gezackten Rutsche in die Tiefe (außer Borkmann, der im ersten Stock kleben bleibt), und kaum sind sie am Boden, werden sie zerstört. Nur zum Beispiel liefern sich bei Ibsen die Schwestern Ella und Gunnhild (Wiebke Puls und Christin König) zunächst ein eiskaltes Wortduell in vollendetem Salonton. Bei Petras verkümmern sie als (womöglich lesbisches) Zickenduo, das sich hektisch und slapstikhaft ein paar Worthülsen zuwirft. Es ergeht Puls und König an diesem Abend wie allen anderen hier: nach dem ersten Auftritt sind sie erledigt.

Weil Petras seinen Ibsen derart rasend schnell rasiert hat, kann er den Kammerspielschauspielern erlauben, noch ein paar Locken auf der Glatze zu drehen: das erledigt hauptsächlich der an sich wunderbare Schauspieler André Jung in der Titelrolle, indem er seinem Dauerlamento ein paar ganz eigene Spitzentöne aufsteckt. Man hört da lauter kleine Verweise: So hätte es eigentlich gehen müssen. Aber auch Jung kommt nicht an gegen Petras’ Einfallspinseleien. Mal fährt er Ibsen mit eigenen Texten (also als Fritz Kater) in die Parade, mal (der Himmel weiß, warum) mit Shakespeares „King Lear“. Zudem kennt man nun, was auch nicht hätte sein müssen, zwei weitere Münchner Ensemblemitglieder gänzlich nackt. Unfallfrei gestaltet sich lediglich der Einsatz von Hanna Plaß, die im Stück die Frida spielt , sonst aber einfach am Flügel sitzt und Sachen von Rio Reiser singt, darunter irgendwann ganz herrlich: „Wir müssen hier raus!“ Dumm ist, dass man genau das selber denkt in den Münchner Kammerspielen. Noch dümmer, dass es schon nach fünf Minuten (von drei Stunden) so weit ist.

Aufführungen am 23. und 29. Februar