Münchner Missbrauchsgutachten Wer ist Papst Benedikt XVI. emeritus?

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. – auf dem Foto vom November 1981 noch Erzbischof von München und Freising – räumt eine Falschaussage ein. Foto: AFP/Handout

Noch mehr Rätsel: Der vormalige Papst hat in seiner ersten Stellungnahme zum Münchner Missbrauchsgutachten „versehentlich“ gelogen. Was ging und geht in Joseph Ratzingers Gedankenwelt vor?

Manteldesk: Mirko Weber (miw)

Stuttgart - Zeithistoriker tun sich selten einen Gefallen, wenn sie heute schon zu wissen glauben, was den Weltgeist morgen umtreibt. Timothy Garton Ash jedoch hatte Recht, als er im „Guardian“ 2005 seine Zweifel am frisch gewählten deutschen Papst anmeldete. Der „alternde, gelehrte, konservative, uncharismatische, bayerische Theologe“, schrieb Ash seinerzeit, werde „genau jene Entchristlichung Europas beschleunigen“, die er sich vorgenommen habe „aufzuhalten“. Dass Benedikt XVI. damit lange nach seiner Emeritierung beschleunigt fortfährt, bezeugt seit Ende vergangener Woche seine 82-seitige Antwort, die er als Stellungnahme zu einigen der hunderte von Fällen von sexuellem Missbrauch im Bistum München-Freising seit 1945 verfasst hat. Dokumentiert wurden sie von der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl. Ratzinger hatte zu seiner Münchner Amtszeit von 1977 bis 1982 mit verschiedenen Tätern aus dem Klerus zu tun und griff in deren Lebensläufe ein, wollte aber in entscheidenden Momenten nicht befasst gewesen sein, wie er zunächst wissen ließ.

 

Benedikt räumt Falschaussage ein

Seit Montagvormittag stellen sich die Dinge wieder etwas anders dar, denn der Papst emeritus gibt schriftlich zu, dass er bezüglich der Ordinariatssitzung vom 15. Januar 1980 in München, während der die Zukunft des pädokriminellen Priesters Peter H. aus Essen im Münchner Bistum beredet wurde, eine „objektiv falsche“ Angabe gemacht habe. Ratzinger war – anders als er zunächst behauptet hatte – anwesend, seine erste Aussage sei ein „Versehen bei der redaktionellen Bearbeitung der Stellungnahme“ gewesen. Ausführlicheres folge, die bisherige Lektüre der Akten erfülle ihn mit „Schmerz und Leid“. Um Entschuldigung ersucht er immer noch nicht, was Teile der deutschen Bischofskonferenz und andere kirchliche Institutionen in Erklärungsnot bringt: Franz-Josef Overbeck (Essen) und Franz-Josef Bode (Osnabrück) bitten fast flehentlich darum, der Ex-Papst möge sich „angemessen verhalten“, das Zentralkomitee der Katholiken plädiert für eine „Wahrheitskommission“. Die Kirche allein schaffe die Aufarbeitung nicht.

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Aus gegebenem Anlass ein kurzer Blick in die Bibel zum Thema sexueller Missbrauch, wozu das Matthäusevangelium (Mt 18, 6) das Folgende verzeichnet: „Wenn aber“, sagt Jesus da, „jemand eines dieser Kleinen, die an mich glauben, skandalisiert, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde.“ Man kann die Stelle so oder so übersetzen, aber missverstehen kann man sie in ihrer Drastik kaum.

Oder man muss eben sehr spitzfindig werden, wie Papst Benedikt emeritus in seiner Stellungnahme, in der ein priesterlicher Exhibitionist, der vor jungen Mädchen im Bistum München-Freising in den fünfziger Jahren masturbiert hatte, mit der Wendung in Schutz genommen wurde, es habe sich nicht um einen „Missbrauchstäter im eigentlichen Sinne“ gehandelt. Die Mädchen seien nicht berührt worden. Nota bene: das schreibt ein ehemaliger Papst.

Beziehungsweise, in diesem Fall noch bedeutender: der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, als der er von 1982 an unter Johannes Paul II. bis zu dessen Tod in Rom amtiert. Es ist Ratzingers Rhetorik, auf die im Mai 2001 das Schreiben „De delictis gravioribus“ (Über schwere Verbrechen) fußt und explizit „die von einem Kleriker begangene Straftat gegen das sechste Gebot des Dekalogs an einem Minderjährigen unter 18 Jahren“ als außerordentliche Straftat klassifiziert. Vage existierte das Bewusstsein, dass es in katholischen Kirchenkreisen zu solchem Missbrauch kommt (vor allem vor und nach der Beichte) seit 1922: „Prozesse dieser Art unterliegen der päpstlichen Geheimhaltung“, heißt es 2001.

Er sprach mit Missbrauchsopfern

Es war nicht so, als hätte Ratzinger als Präfekt und als Papst die latenten Auswirkungen der kruden katholischen Sexualmoral und die Taten zumeist homosexuell orientierter Päderasten unter den Klerikern nicht gesehen – nur: wahrhaben wollte er sie nicht wirklich. Festzustellen bleibt, dass Benedikt XVI. der erste Papst gewesen ist, der mit Missbrauchsopfern sprach und in einem Hirtenbrief von 2010 von „schweren Sünden gegen schutzlose Kinder vor Gott und vor anderen“ dringlich warnte.

Nach seiner Amtszeit ging er dazu über, Verschwörungstheorien zu stricken. Im „bayerischen Klerusblatt“ äußert sich der Papst emeritus 2019 auf 25 theologisch-intellektuell und überhaupt menschlich schwer erträglichen Seiten zum „Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie“, den er auf 1968 datiert, als er in Tübingen, an der Seite von Hans Küng lehrte (später sorgte er dafür, dass sein Kontrahent die Lehrerlaubnis verlor). Der Ratzinger von damals und der greise Papst emeritus von heute sehen, wie sich 1968 zwischen sexueller Befreiung in Kommunen und Bahnhofspornokino „der Tod Gottes“ in der Welt ereignet. Der Ratzinger von 1968 weicht über den Umweg Regensburg und München nach Rom aus. Benedikt XVI. von 2019 regrediert inhaltlich zum Apokalyptiker, der, wie in der Offenbarung des Johannes, den Teufel an die Wand malt: die Kirche werde schlecht gemacht, die „missbrauchte Eucharistie“ müsse unbedingt gerettet werden. Seitdem kämpft der emeritierte Papst einen letzten Kampf, der im Kern immer absurder und verworrener wird. Es geht hier nicht mehr um Gläubige, ja noch nicht einmal mehr um den Glauben. Es geht: um die katholische Kirche.

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