Selenskyj, der die Fragen auf der Münchner Sicherheitskonferenz eigentlich auf Ukrainisch beantworten wollte, spricht jetzt doch Englisch. Vielleicht hofft er, dass Trump diesen Ausschnitt später einmal zu sehen bekommen wird.
„Ich habe ihn eingeladen“, sagt der ukrainische Präsident. „Wenn Trump kommen möchte“, beginnt Selenskyj den nächsten Satz. Dann unterbricht er sich selbst und formuliert neu – im Sinne der Höflichkeit. „Wenn Herr Trump kommen möchte, bin ich sogar bereit, mit ihm an die Front zu reisen.“ Die Ukraine sei sehr offen und gebe echte Informationen über den Krieg.
Existenzielle Fragen
Werden Europa und die USA die Ukraine im Jahr 2024 ausreichend mit Geld und Waffen unterstützen? Lässt der Westen – wenn man sich auf diese grobe Kategorisierung einmal einlässt – die Ukraine allein, weil er nun mit dem Krieg im Nahen Osten, vor allem aber mit sich selbst beschäftigt ist? Was passiert, wenn Donald Trump im November zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden sollte?
Das sind Fragen, die vermutlich alle Teilnehmer an der Münchner Sicherheitskonferenz bewegen. Doch sie betreffen keinen der rund 50 Staats- und Regierungschefs, die neben zahlreichen anderen Politikern und Experten hierhergekommen sind, so unmittelbar und existenziell wie Selenskyj und das ukrainische Volk.
Man könnte Selenskyj unter den anderen Konferenzteilnehmern problemlos erkennen, ohne sein Gesicht zu sehen – allein schon an seinen Schuhen. Er trägt nicht die üblichen schwarzen Herrenschuhe, die hier sonst auf der Bühne zu sehen sind. Er hat festes Schuhwerk, stabile Sohlen: geeignet für jede Wanderung – und für einen Präsidenten, dessen Land sich im Krieg befindet. Der 46-Jährige steht auf der Sicherheitskonferenz ein wenig unruhig hinter dem Rednerpult. Er beugt sich dabei leicht nach vorn.
Goliath ist noch da
Vor einem Jahr hat Selenskyj die Münchner Sicherheitskonferenz eröffnet. Da war er per Video zugeschaltet. In diesem Jahr ist er nach München gereist. Vor einem Jahr, im Februar 2023, hat der 46 Jahre alte Präsident sich mit kämpferischer Rhetorik und einem biblischen Bild an die Welt gewandt. Die Ukraine sei wie David, der gegen Goliath kämpft, hat er damals gesagt. Mit Mut, Entschlossenheit und einer Steinschleuder. Selenskyj forderte, die Ukraine brauche eine noch bessere Steinschleuder – oder, anders ausgedrückt, mehr und wirksamere und schnellere Waffenlieferungen. „Goliath hat schon angefangen zu verlieren“, sagte er damals. Und: „Goliath wird auf jeden Fall dieses Jahr fallen.“
Jetzt ist es 2024 – und Goliath ist immer noch da. Der russische Präsident Wladimir Putin hat, so interpretiert es Selenskyj bei seinem Auftritt in München jedenfalls ganz ausdrücklich, ein brutales Zeichen an die Teilnehmer der Sicherheitskonferenz gesendet. Am Freitag, dem ersten Tag der Konferenz, hatte die staatliche russische Agentur Tass gemeldet, dass der Kremlgegner Alexej Nawalny in Haft gestorben sei. Selenskyj spricht mit seiner rauen, tiefen Stimme vom „Monster Putin“ und vom „Mord an Alexej Nawalny“. Er ruft den Teilnehmern in München und letztlich der ganzen Welt zu: „Diktatoren fahren nicht in die Ferien.“
Und doch muss der ukrainische Präsident bei seinem Auftritt in diesem Jahr eine Doppelstrategie fahren. Für Selenskyj kommt es erstens – ohne jeden Zweifel – darauf an, den Druck aufrecht zu erhalten, dass Waffen und Geld die Ukraine erreichen. Das Land befindet sich in militärisch schwieriger Lage. Es braucht auch Munition.
„Waffenpakete, Flugabwehrpakete, das ist gerade das, was wir erwarten“, sagt Selenskyj – und betont, Russland sei gerade bei den weitreichenden Waffen überlegen. „Wenn wir jetzt nicht handeln, wird es Putin gelingen, die nächsten Jahre zur Katastrophe zu machen“, warnt der ukrainische Präsident. „Wenn die Ukraine alleine dasteht, dann werden Sie sehen, was passiert: Russland wird uns zerstören, das Baltikum zerstören, Polen zerstören – es ist dazu in der Lage.“
Selenskyj ist nicht nur als Fordernder gefragt
In leichter Anlehnung an John F. Kennedy („Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst“) sagt Selenskyj: „Bitte fragen Sie nicht, wann der Krieg vorbei sein wird. Fragen Sie sich, warum Putin ihn immer noch fortsetzen kann.“
Gleichzeitig ist Selenskyj, dem die Strapazen der vergangenen zwei Jahre anzusehen sind, offensichtlich mehr als bewusst, dass er in München nicht nur als Fordernder auftreten darf. Er muss – das ist Teil zwei der Strategie – auch Diplomat sein. Er muss Regierungen und Politiker dafür gewinnen, die Ukraine weiter zu unterstützen, obwohl es in ihren Gesellschaften teils erhebliche Zweifel an diesem Kurs gibt.
Unmittelbar vor dem ukrainischen Präsidenten hat Kanzler Olaf Scholz (SPD) auf der Sicherheitskonferenz gesprochen. Er, der nach Beginn des Krieges für eine zu zögerliche Haltung kritisiert worden war, hat Deutschland mittlerweile zum zweitwichtigsten Unterstützer der Ukraine gemacht – nach den Vereinigten Staaten. Jetzt wirbt Scholz dafür, dass auch andere in Europa mehr Verantwortung übernehmen.
Die Zweifel in der Gesellschaft
„Ich weiß, das ist nicht leicht“, sagt der Kanzler. „Auch hier in Deutschland ist es nicht leicht.“ Er fügt hinzu: „Wie in anderen Ländern gibt es auch bei uns kritische Stimmen, die fragen: Sollten wir das Geld nicht für andere Zwecke ausgeben?“ Der Kanzler unterstreicht die Notwendigkeit von Unterstützung für die Ukraine – und, angesichts der veränderten Sicherheitslage in der Welt, von weiteren massiven Investitionen auch ins eigene deutsche Militär. „Ohne Sicherheit ist alles andere nichts“, betont er.
Scholz, der Defensive, ist aus Einsicht in die Notwendigkeit in Sachen Unterstützung der Ukraine zum Antreiber geworden. Selenskyj – vom Naturell her komplett unterschiedlich von Scholz – ist dafür mittlerweile im Auftritt etwas vorsichtiger. Er will diejenigen, die er braucht, nicht vor den Kopf stoßen. Das lässt sich zum Beispiel in folgender Situation beobachten.
Welche Botschaft er an diejenigen im US-Kongress habe, die das Unterstützungspaket für die Ukraine blockierten, wird Selenskyj auf der Bühne nach seiner Rede von CNN-Starjournalistin Christiane Amanpour gefragt. „Sind wir jetzt im Fernsehen?“, fragt Selenskyj zurück. Dann werde er dazu jetzt nichts sagen. Er wolle lieber in Gesprächen am Rande der Konferenz mit Kongressmitgliedern seine Sicht erklären. Er halte sich auch deshalb zurück, „weil die Amerikaner schon so viel getan haben“. Der ukrainische Präsident sagt es – und deutet im Sitzen eine kleine Verbeugung der Dankbarkeit an.
Und was ist mit Donald Trump? Ließe der sich, wenn er im November die US-Präsidentschaftswahl gewinnen sollte, überzeugen? Selenskyj meint seine Einladung an die Front offenbar sehr ernst. Es gehe ihm darum, dass Entscheidungsträger den wirklichen Krieg beurteilen könnten. Und nicht nur, wie er auf Instagram aussehe.